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Doel in Belgien: Geisterstadt mitten in Europa

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Fast alle Einwohner weg  

Eine Geisterstadt mitten in Europa

20.05.2016, 14:48 Uhr | Simon Ribnitzky, dpa, t-online.de

Doel in Belgien: Geisterstadt mitten in Europa. Verlassene Häuser in Doel. Im Hintergrund sieht man die historische Windmühle und den Kühlturm des Atomkraftwerks. (Quelle: dpa)

Verlassene Häuser in Doel. Im Hintergrund sieht man die historische Windmühle und den Kühlturm des Atomkraftwerks. (Quelle: dpa)

Bei Geisterstädten denken viele zunächst an die verlassenen Goldgräberstädte der USA. Doch im Nachbarland Belgien gibt es ein Dorf, das seit Jahren dem Untergang geweiht ist. Fast alle Bewohner sind weg, dafür kommen nun die Schaulustigen. Erleben Sie die Geisterstadt Doel auch in unserer Foto-Show.

Es ist still auf den Straßen von Doel. Über den Deich dringen nur die Schreie der Möwen und das ferne Dröhnen der Hafenkräne. Fenster und Türen der meisten Backsteinhäuser sind mit Holzbrettern vernagelt, die Wände über und über mit Graffitis bedeckt. Keine Autos, keine Menschen.

Plötzlich donnern zwei Reisebusse in das belgische Dorf, vorbei an der Schranke, die Doel abends abriegelt. Schüler strömen aus den Bussen, ziehen lachend und lärmend durch die Straßen des verlassenen Ortes. "Die Schüler sollen nachdenken, über den Konflikt zwischen Bewohnern und Industrie", sagt Lehrer Filip Verscheuren.

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Antwerpens Hafen braucht Platz

Doel muss weg. Das ist schon lange beschlossen. Am pannengeplagten Atomkraftwerk liegt das nicht. Es ist Antwerpens Hafen, der sich immer weiter ins Land frisst. Eine gigantische neue Schleuse ist fast fertig, ein neues Dock für die Container-Riesen geplant. 

Doel ist bereits ringsum von Hafenkränen umzingelt. Das Schicksal des Dorfes am linken Ufer des Schelde-Flusses scheint besiegelt. Rund 1000 Bewohner zählte der 400 Jahre alte Ort einmal, inzwischen ist davon nur noch ein gutes Dutzend übrig. Auch die Windmühle hinter dem Deich, eine der ältesten in Flandern, wird wohl nicht bleiben.

Verlassener Ort lockt Untergangstouristen

Es gibt Momente, da könnte man Doel für ein ganz normales Dorf halten. Gepflegte Kieswege auf dem Friedhof neben der Kirche. Um zwölf Uhr mittags schallt das Läuten der Glocken durchs Dorf. Selbst die Straßenlaternen leuchten noch - am helllichten Tag.

Vier ganz in schwarz gekleidete Jugendliche ziehen durch die Straßen. Der eine mit der Videokamera im Anschlag, der nächste mit Smartphone und Selfie-Stick. "Wir haben im Internet von dem verlassenen Dorf gelesen, da mussten wir sofort hin", erzählt einer. Jetzt sind sie ein bisschen enttäuscht. Doel ist gar nicht so richtig verlassen, zumindest bei gutem Wetter nicht. Ein Dorf, das dem Untergang geweiht ist - die Besucher kommen in Scharen.

Manche der Graffitis sind kunstvoll gemacht. Andere sind schlicht Schmierereien. Gelbe Schilder stehen an fast jeder Kreuzung. "Doel = bewohntes Dorf" und "Respektiert die Bewohner" steht darauf. Es klingt wie eine Mahnung.

Denn das Schicksal des Dorfes lockt nicht nur Untergangs-Touristen, sondern auch Vandalen, Plünderer. Sie versuchen, nachts in die verlassenen Häuser einzusteigen, werfen Fensterscheiben ein. Wo noch keine Bretter die Öffnungen verdecken, ist das Glas zersplittert. Die Behörden täten nichts dagegen, schimpft Benjamin Vergauwen. "Mit all den zerstörten Häusern ist es viel einfacher, das Dorf abreißen zu lassen."

Doels Zeit läuft ab

Der hagere 36-Jährige mit schulterlangen Haaren hat etwas außerhalb des Dorfes ein kleines Museum aufgebaut, hat Gegenstände aus Doel gesammelt, die daran erinnern sollen, wie es war, als hier noch Leben herrschte. Steinkrüge, Gläser, Stühle, Lampen, Bücher und Landkarten, ein alter Nachttopf. Vergauwens Schuppen ist voll davon. "Kleine Dinge erzählen große Geschichten", sagt er.

Auch Vergauwens Museum ist davon betroffen. "In einem Jahr wird hier alles plattgemacht." Wenn Doel dem Platzhunger des Hafens weichen muss, müsse der Hafenbetreiber anderswo Naturland schaffen, sagt Vergauwen. Auf diesem Gebiet stehe sein Museum. Ein neues Haus, ein Dorf weiter, hat er schon. Bleiben will er aber bis ganz zum Schluss.

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