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Immer mehr Passagiere randalieren an Bord

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Gefährliche Ausraster  

Immer mehr Passagiere randalieren an Bord

03.08.2016, 11:01 Uhr | Tinga Horny/srt

Immer mehr Passagiere randalieren an Bord . Ärger im Flugzeug. (Quelle: Thinkstock Photos)

Ärger im Flugzeug. (Quelle: Thinkstock Photos)

Die jüngsten Zahlen des Airline-Verbands Iata belegen: Randalierende Fluggäste sind ein Problem. Allerdings müssen sie nicht in jedem Land mit einer Anklage rechnen.

Pro Jahr heben fast 40 Millionen Flüge weltweit ab. Angesichts dieser Zahl klingen 38.230 Vorfälle mit randalierenden Passagieren verteilt auf die Jahre 2008 bis 2014 nicht gerade besorgniserregend. Doch der stellvertretende Direktor der International Air Transport Association Iata, Tim Colehan, ist alarmiert: "Unsere Mitglieder befördern dieses Jahr 3,7 Milliarden Passagiere. Das Problem besteht aber darin, dass jeder randalierende Fluggast eine unverhältnismäßig große Auswirkung auf einen Flug hat." Allein 2014 kam es statistisch betrachtet zu 65 Vorfällen pro 100.000 Flüge. 

Zahlen steigen stetig

Die Zahl der außer Rand und Band geratenen Passagiere steigt stetig. 2015 wurden bereits 78 Ausraster pro 100.000 Flüge registriert. 53 Prozent der 265 Iata-Mitglieder geben an, dass in den vergangenen fünf Jahren die Häufigkeit derartiger Vorkommnisse angestiegen sei. 40 Prozent der Airlines mussten in den letzten zwölf Monaten wegen eines Randalierers ihren Flug sogar umleiten. Eine Angelegenheit, die bis zu 200.000 US-Dollar kosten kann. Die Unannehmlichkeiten für den Rest der Passagiere inklusive versäumter Weiterflüge und langer Wartezeiten nicht mitgerechnet. Für Iata-Manager Colehan sind diese Zahlen allerdings nur die Spitze eines Eisbergs. Hinter vorgehaltener Hand spricht die Branche über bedeutend mehr ausrastende Gäste an Bord. 

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Unruly passengers, so der Airline-Jargon, sind jedoch nicht nur unangenehme, sondern auch gefährliche Mitmenschen. So musste im Mai dieses Jahres ein Airbus der Lufthansa auf dem Weg von München nach Vancouver in Hamburg zwischenlanden. Ein Mann hatte versucht, die Bordtüre zu öffnen und zu rauchen. Ebenfalls umkehren musste im vergangenen Sommer eine Condor-Maschine in Las Vegas, weil eine Passagierin nicht bereit war, ihre in die Kabine geschmuggelte Katze abzugeben und wild um sich schlug. Aber auch ein Fluggast, der seine Nachbarn mit Wasser bespritzt, oder eine Economy-Passagierin, die wiederholt die Toilette der Business Class benutzt und sich tobend den Anweisungen der Crew widersetzt, werden zum unberechenbaren Sicherheitsrisiko. 

Alkohol und Zigaretten

Zu viel Alkohol, Aggressivität, regelwidriges Verhalten und der dringende Wunsch zu rauchen - die häufigsten Auslöser für Randale sind bekannt. Enge Sitzreihen, volle Flieger und Menschen mit unterschiedlichsten Sitten und Sprachen bedeuten für viele Reisende Stress. Fliegen bleibt eine Ausnahmesituation, aus der es kein Entrinnen gibt. Das gilt insbesondere auf langen Flügen. Streit um eine nach hinten gekippte Rückenlehne kann in Sekunden eskalieren. Vor allem Männer rasten aus. Rund 75 Prozent der Randalierer sind männlich. 

Aber nicht nur Platznot macht aggressiv. Klassenunterschiede spielen neuesten Erkenntnissen zufolge ebenfalls eine Rolle. So haben die US-Psychologen Katherine DeCelles und Michael Norton herausgefunden, dass auf Flügen mit erster Klasse häufiger randaliert wird. Die Quote beträgt 1,58 von 1000 Flügen, ohne First Class liegt die Quote bei nur 0,14 von 1000 Flügen. "Tatsächliche und situationsbezogene Ungleichheit kann zu antisozialem Verhalten sowohl in der Economy als auch in der First Class führen", schreiben die Wissenschaftler. 

Bereits am Boden screenen

Ärger in der Luft lässt sich am einfachsten bereits am Boden durch systematisches "Screenen", also aussortieren, vermeiden. Potenzielle Problemgäste - etwa Betrunkene - werden idealerweise schon beim Einchecken herausgefischt und fliegen erst gar nicht mit. Kommt es an Bord zu Streit und Pöbelei, hilft in den meisten Fällen die geschickte Gesprächsführung der Mitarbeiter. Crews sind in Sachen Streitschlichtung psychologisch trainiert. Bei Gewalt jedoch müssen Randalierer damit rechnen, an den Sitz gefesselt zu werden. Nicht nur die Lufthansa hat zu diesem Zwecke seit dem Jahr 2000 ihre Flieger mit Aluminium-Handschellen ausgestattet. Und im äußersten Notfall gibt es Beruhigungsmittel. 

Nur wenn der Kapitän zum Schluss kommt, dass der tobende Passagier ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko für alle darstellt, greift er zur teuersten Lösung und steuert den nächsten Flughafen an, um den gefährlichen Gast aus dem Jet zu schaffen. Kommt es zu so einer Ausweichlandung, müssen Verursacher damit rechnen, dass die Airline die entstandenen Kosten bei ihnen eintreibt. 

Nicht jeder landet vor Gericht

Allerdings landen längst nicht alle Randalierer in jedem Land vor Gericht. Theoretisch regeln das Luftverkehrsgesetz und das Tokioter Abkommen von 1963 Gesetzesverstöße in der Luft. Praktisch bleibt die Strafverfolgung von Randalierern im Flugzeug ein Problem, denn aufgrund der Exterritorialität kommt es immer darauf an, ob das Land, in dem der Jet landet, die zum Beispiel nach deutschem Gesetz begangene Straftat auch als Straftat betrachtet. Ist dies nicht der Fall, kann der Täter unbehelligt von Bord gehen. "In 60 Prozent der Fälle, wo eine Fluglinie versucht, den Fall vor Gericht zu bringen, gibt es keine klare Rechtslage", erklärt Iata-Manager Colehan. 

Der internationale Airline-Verband drängt aus diesem Grund die Staaten, das Montreal-Protokoll von 2014 endlich zügig abzusegnen. Die Erweiterung zum Tokioter Abkommen von 1963 vereinheitlicht die unterschiedlichen Rechtsstandards. Das Protokoll ermöglicht ausdrücklich die Strafverfolgung im Abflugs- wie auch im Zielland. Allerdings nur theoretisch. Praktisch ist die Ergänzung von Montreal 2014 nicht in Kraft, denn sie muss von mindestens 22 Nationen ratifiziert werden. Und das kann dauern. Bis die Mindestanzahl von unterzeichnenden Ländern beim Tokioter Abkommen in den 1960er Jahren zustande kam, dauerte es sieben Jahre. Randalierer können also noch auf eine längere Galgenfrist hoffen. 

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