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Hätten Sie hier Karibikflair erwartet?

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Kanalinsel Herm  

Hätten Sie hier Karibikflair erwartet?

05.08.2016, 15:08 Uhr | Karsten-Thilo Raab/srt

Hätten Sie hier Karibikflair erwartet?. Shell Beach auf Herm. (Quelle: Raab/srt)

Shell Beach auf Herm. (Quelle: Raab/srt)

Guernseys kleine Schwester lässt sich bequem zu Fuß umrunden, im Hotelzimmer gibt es keinen Fernseher und Fahrräder sind verboten. Alt werden dürfen die derzeit 55 Einwohner auf dem Eiland dennoch nicht. Schauen Sie sich die Insel auch in unserer Foto-Show an.

Dieses Jacke-an-Jacke-aus-Wetter ist irgendwie anstrengend und schön zugleich. Mal weht eine steife Brise, dann wiederum kaum mehr als ein laues Lüftchen. Wenn die Sonne hinter den Wolken hervorlugt, ist es schlagartig warm. Kein Wunder, dass auf der Insel im Golf von St. Malo zwischen Südengland und Nordfrankreich tropische Pflanzen gedeihen. Doch auf Herm, der gerade einmal zwei Quadratkilometer großen Nachbarinsel von Guernsey, unterliegt nicht nur das Wetter großen Schwankungen. Auch der Tidenhub ist wohl nirgendwo in Europa so extrem: Bis zu zwölf Meter variiert der Wasserspiegel zwischen Ebbe und Flut. 

Die Austern fühlen sich wohl

"Ideale Bedingungen für meine kleine Austernzucht", schwärmt Justin De Carteret. Das Spiel der Gezeiten und die dadurch bedingte Zirkulation des Wassers und der Nährstoffe würden sich, so der Hüne mit dem markanten Pferdeschwanz, überaus positiv auf das Wachstum und den Geschmack der begehrten Schalentiere auswirken. Während in den meisten Regionen Europas Austern erst nach drei bis vier Jahren eine Größe von acht bis 14 Zentimetern und damit "Handelsreife" erreichen, sind die Muscheln in den Gewässern vor Herm binnen 18 Monaten reif für den Verzehr. 

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"Unser Ziel ist es, hier bis zu 50 Tonnen an Austern pro Jahr zu produzieren", fügt Justin De Carteret hinzu, der damit auf Herm so etwas wie ein Großunternehmer wäre. Und dies mit nur zwei Mitarbeitern. Aber so ist das auf der mit einer Fläche von gerade einmal zwei Quadratkilometern kleinsten, bewohnten Kanalinsel. Nur 55 Menschen leben hier dauerhaft. Aber Herm ist keine Insel zum Altwerden. Wohnen darf hier nur, wer einer geregelten Arbeit nachgeht. Ist das Rentenalter erreicht, müssen selbst diejenigen, die hier geboren wurden oder mehr oder weniger ihr ganzes Leben auf Herm verbracht haben, die Insel wieder verlassen. 

Die Bedingungen muss man akzeptieren

"Das klingt hart, aber wer sich entscheidet, hier zu leben und zu arbeiten, akzeptiert damit auch die Rahmenbedingungen", räumt Lesley Bailey ein. Seit Jahren lebt sie mit ihren Mann und den Kindern auf der malerischen Insel. Allerdings sieht sie den eigenen Nachwuchs meist nur am Wochenende. Zwar gibt es auf der Nachbarinsel Sark eine kleine Grundschule mit derzeit sechs Kindern, doch sobald die Mädchen und Jungen auf eine weiterführende Schule gehen, reisen sie montags morgens mit dem ersten Boot nach Guernsey. Dort drücken sie dann die Schulbank und leben bei Gastfamilien, ehe es dann freitags nachmittags mit dem Boot zurück nach Herm geht. 

"Für die Kinder und Eltern ist dies anfangs wirklich hart, aber es geht nun mal nicht anders", unterstreicht Lesley. Und da gerade im Herbst und Winter die See recht rau sein kann, sollen und können die jungen Schüler auch nicht täglich hin und her pendeln. "Dafür leben wir hier wie im Paradies", ist nicht nur Lesley davon überzeugt, tausendfach für die vermeintlichen Entbehrungen entschädigt zu sein. Denn Herm ist eine Oase der Ruhe, eine Insel der Entschleunigung. Ohne Hektik, ohne Lärm und ohne großen Luxus. Die Insel ist autofrei - und sogar Fahrrad fahren ist hier verboten. Nur ein paar Traktoren helfen bei der Landwirtschaft und beim Transport sperriger Güter. 

Hart und entbehrungsreich

Das Leben ist hart und entbehrungsreich, die Zahl der Freizeitaktivitäten überschaubar. Lediglich zwei Pubs sorgen für Zerstreuung. Richtig einkaufen lässt sich hier auch nicht. Der kleine Inselshop hält neben Souvenirs nur wenig Ess- und Trinkbares vor - und dies auch nur während der touristischen Saison von Ostern bis Oktober. In der kalten Jahreszeit können sich die Insulaner dann nur im Pub mit frischer Milch und Brot eindecken. 

Gleichwohl ist Herm für viele ein Stück Paradies mitten in Europa - ein Inseltraum mit acht weitgehend unberührte Stränden, romantischen Buchten, wilden Klippen, türkisblauem Wasser und karibischem Flair. Dank des milden Klimas gedeihen hier Palmen und andere tropische Pflanzen, aber auch wilder Ginster, Bärlauch und die lila-blauen Atlantischen Hasenglöckchen in Hülle und Fülle. Bei gerade einmal 2,4 Kilometern Länge und einer Breite von 800 Metern lässt sich die herrlich grüne Insel bequem in anderthalb Stunden umrunden. Auf den schmalen Pfaden entlang der Strände und Klippen sind immer mal wieder Kaninchen und Fasane zu sehen, während sich in den Gewässern vor Herm reihenweise Robben und Delfine tummeln. Unter den mehr als 100 Vogelarten, die hier jahreszeitlich bedingt anzutreffen sind, erfreuen sich besonders von März bis Juni die putzigen Papageientaucher an der so genannten Puffin Bay im Südosten der Insel großer Beliebtheit. 

Ein fieser Sonnenbrand

Der Shell Beach am nordöstlichen Ende der Insel ist bekannt für seine farbenfrohen Muschelfragmente, aber auch für die intensive Sonneneinstrahlung. Und so endet ein unvorsichtiges Sonnenbad an dem schneeweißen Sandstrand nicht selten mit einem fiesen Sonnenbrand, dem "Herm-Burn". Mit dem erhitzten Körper ließe es sich natürlich wunderbar in den sanften Fluten am Shell Beach eintauchen. "Doch das Wasser erwärmt sich selbst in heißen Sommern auf kaum mehr als 17, 18 Grad Celsius", weiß Lesley zu berichten. Die Powerfrau selber kann dies nicht schocken. Im Gegenteil. Sie stürzt sich mindestens zweimal pro Woche in die Fluten, um dann, nur mit Badeanzug bekleidet, einen Sprint bergauf zu ihrem warmen, kleinen Cottage zurückzulegen. 

Ihr Wohnhaus liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Manor House, dem Stammsitz der Inselpächter fast in der Mitte von Herm. Gleich nebenan findet sich mit der St. Tuguals Kapelle ein kleines Gotteshaus aus dem 11. Jahrhundert. Ein architektonisches Kleinod ist auch das winzige Gefängnis, das sich unweit des Hafens halb versteckt zwischen dem Tennisplatz des White Houses Hotels und dem vorgelagerten kleinen Strand unter Palmen duckt. Der im 18. Jahrhundert fertig gestellte Rundbau aus Bruchstein gemahnt optisch an einen zu groß geratenen Bienenstock und bietet völlig luxusbefreit Platz für maximal einen Gefangenen. 

Ein ungenutztes Gefängnis

"Ich kann mich nicht erinnern, wann das Gefängnis zum letzten Mal genutzt wurde", so Lesley, mit Blick auf die Tatsache, dass Herm wohl zu den wenigen Orten der Welt gehört, auf denen Kriminalität wie ein Fremdwort anmutet. Dazu passt auch, dass drei Insulaner abwechselnd ehrenamtlich als Hilfs-Polizisten fungieren. Wobei die Hobby-Staatsmacht in der Regel nicht viel zu tun hat. Fast scheint es, das einzige denkbare Verbrechen wäre, Herm nicht bezaubernd schön zu finden. 

Weitere Informationen: 

  • Allgemeine Infos unter www.herm.com und www.visitguernsey.com/deutsch 
  • Allgemeines: Herm ist die kleinste bewohnte Kanalinsel und gehört zur Vogtei (Bailiwick) Guernsey. Herm ist wie die übrigen Kanalinseln weder Teil des Vereinigten Königreichs noch eine Kronkolonie, sondern als Kronbesitz direkt der britischen Krone unterstellt und auch kein EU-Mitglied. 
  • Lage: Herm liegt rund 130 Kilometer südlich von England und 40 Kilometer nördlich der französischen Küste im Golf von St. Malo. Rund fünf Kilometer Luftlinie sind es bis nach Guernsey. 
  • Anreise: Von Mai bis Oktober bietet Air Berlin Direktflüge von Düsseldorf und Stuttgart nach Guernsey an. Alternativ empfiehlt sich die Anreise mit British Airways nach London Gatwick oder London City Airport und von dort weiter mit Aurigny. Von Guernsey aus ist Herm bequem mit dem Boot zu erreichen. 
  • Fähre: Die Bootsfahrt von Guernsey nach Herm dauert rund 20 Minuten und kostet 13 Guernsey Pounds. Weitere Informationen unter Tel. 0044/1481/7211379 und unter www.traveltrident.com
  • Währung: Zahlungsmittel ist das Britische beziehungsweise das gleichwertige Guernsey Pfund. Ein Pfund entspricht etwa 1,26 Euro, ein Euro etwa 0,78 Guernsey Pfund. 
  • Übernachten: White House Hotel, Herm, Guernsey GY1 3HR, Tel. 0044/1481/750000, www.herm.com. Das einzige Hotel auf Herm ist von Ostern bis Oktober geöffnet und verfügt über 40 Zimmer. Das Viersternehotel hält in den Zimmern weder einen Fernseher noch ein Telefon bereit. Aber es gibt Wifi. Übernachtungen mit Halbpension beginnen bei 107 Pfund. 

Die Insel verfügt auch über einen Zeltplatz. Außerdem stehen 20 Miet-Cottages zur Verfügung. Informationen unter Tel. 0044/1481/750000.

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