Startseite
Sie sind hier: Home > Reisen > Reiseziele >

Tobago: Mit Robinson in den Regenwald

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Tobago: Mit Robinson in den Regenwald

19.01.2011, 12:33 Uhr

Tobago: Mit Robinson in den Regenwald. Tobago. (Foto: Trinidad & Tobago Tourist Office)

Tobago. (Foto: Trinidad & Tobago Tourist Office)

Hier kämpfte der berühmteste Schiffbrüchige der Weltliteratur ums Überleben: Auf der Karibikinsel Tobago ließ Daniel Defoe seinen Robinson Crusoe landen. Die Einheimischen tun sich mit dessen Ruhm noch schwer - dabei haben sie manches gemeinsam mit der Romanfigur. Schauen Sie sich die wundervolle Insel in unserer Foto-Show an.

Erkundungstour auf alten Jagdpfaden

"Willkommen im Regenwald!" Harris McDonald sagt das, als wäre er der Hausherr hier oben in der Forest Reserve der Karibikinsel Tobago. Eine Gruppe vorbildlich in kolonialem Weiß gekleideter Engländer hat sich angemeldet zu einer Wanderung, und McDonald hat für sie den Spring Trail ausgesucht. Einen alten, überwucherten Pfad, den früher die Jäger von Charlotteville benutzten. Er lehnt lässig zwischen zwei jungen Palmen, die wie eine Pforte wirken auf dem Bergrücken am Rand der schmalen Asphaltstraße. Wie ein Türsteher lehnt er da, wie einer, der jederzeit den Eintritt verwehren dürfte ins Reich der Sinne.

Robinson auf Tobago

Ein Reich, das den Europäern bekannter ist als jedes andere Regenwaldgebiet der Welt. Denn lange bevor es so etwas gab wie Tourismus, lange bevor Regenwälder zu etwas anderem wurden als gigantische Rohstofflager für den Schiffs- und Häuserbau, hatte es den berühmtesten aller Schiffbrüchigen hier angespült: Robinson Crusoe. Am 30. September 1659 lässt Daniel Defoe seinen Helden im Süden Tobagos stranden, als einzigen Überlebenden der gesamten Mannschaft. Und trotz aller Angst vor Kannibalen und quälender Einsamkeit entdeckt Robinson nach und nach ein Land "so frisch, so grün, so blühend, alles in unverwelktem Frühlingsglanz, dass es mir wie ein angepflanzter Garten Eden erschien".

Verheerende Zerstörung durch "Flora"

Harris McDonald war keine fünf Jahre alt, als Tobago aufhörte, sein Garten Eden zu sein. Es war der 30. September 1963, auf den Tag genau 304 Jahre nachdem Defoes Held hier angespült worden war. Wie immer hatten die Kinder von Charlotteville am frühen Morgen den Fischern geholfen, die Netze an Land zu ziehen und ihren Familien so das Mittagessen gesichert. Dann waren sie in ihren Uniformen zur Schule gelaufen. Und während sie da saßen, ahnungslos, weil die Transistorradios im entlegenen Charlotteville die Signale des Senders aus der Hauptstadt Scarborough nicht empfangen konnten, war "Flora" schon unterwegs.

Hurrikan verwüstet Tobago

Kaum waren die Kinder zu Hause, brach der Hurrikan über die kleine Karibikinsel herein. Als erstes erwischte "Flora" die Boote im Hafen, dann flogen die ersten Häuser weg, auch das Haus von Harris' Eltern hob einfach ab. Die Familie rannte hinüber zu den Nachbarn, wenig später riss es auch deren Haus in die Luft. Sie flohen durch den peitschenden Regen hinauf in den Wald, und als der Spuk endlich vorbei war, war der größte Teil Tobagos zerstört. Wochenlang lebten die Menschen von Charlotteville in Zelten, an der Stelle, wo einmal der Spielplatz war.

Die Suche nach der großen Liebe

McDonald war 40, als er sein Paradies wiederentdeckte. Er hatte die Schule geschmissen, war durch Europa gereist, ein bisschen aus Neugierde, vor allem aber auf der Suche nach der großen Liebe. Er hatte sich im Süden Tobagos, weit weg von Charlotteville, als Strandwächter verdingt und jedes Jahr ein paar Touristen aus der Strömung gezogen und vor dem Ertrinken gerettet. Und wenn sie ihren Wohltäter dann fotografieren wollten, posierte er stolz im knappen Slip als schwarzer David Hasselhoff.

Zurück in Eden

Doch irgendwann holten ihn die Erinnerungen ein. An die Zeit, in der er gemeinsam mit seinem Vater Riesenmeerschweinchen gejagt hatte. In der ihn der Vater jeden Tag in den "Garten" mitnahm, zur Arbeit auf seinen Yam- und Süßkartoffelfeldern. Die Zeit, in der er aufwachte mit dem Gesang der Vögel und wieder einschlief mit dem Gesang der Vögel. Plötzlich bemerkte McDonald, wie sehr sich Charlotteville zurückverwandelt hatte in den Garten Eden von einst. Er kaufte Bücher über die Vögel, über die Bäume, über die Geschichte Tobagos. Er lernte die Namen aller Spezies auf Englisch, dann auf Latein. Und er las einen Roman, den kaum ein Einheimischer je gelesen hatte: Robinson Crusoe. Am Ende war Harris McDonald staatlich zertifizierter Tour Guide.

Ab durch die Palmen-Pforte

"Willkommen im Regenwald!", sagt er noch einmal, dann gibt er die Palmen-Pforte frei, und schon hat der Garten Eden seine Engländer verschluckt. Er beobachtet seine Gäste genau in diesen Momenten, wie sie eintauchen in den Regenwald, wie ihre Augen vor den tausend Grüntönen kapitulieren, grünblind werden. Und wie schließlich ihre Nasen und Ohren triumphieren, betört von der unsichtbaren Wand aus warmen Düften und Aromen, umtost vom Klacken, Knacksen, Schluchzen, Gurgeln, Pfeifen, Schmatzen und Würgen der Vögel. Selten geben die grünen Wipfel den Blick auf buntes Gefieder frei, sie sind gut versteckt, die wilden Papageien, Tukane, Krähenstirnvögel, Tangaren, Naschvögel. Doch Harris hat ein dickes Fernglas vor seinem Bauch baumeln, und auf einmal beginnen die grünblinden Wanderer auch wieder zu sehen: Der Urwald, er lebt.

Ein Nationalpark für den Zucker

Ein Leben, so üppig und doch so verletzlich. Schon wenige Jahre, nachdem der Roman "Robinson Crusoe" erschienen war, hatten die Sägen der Zuckerbarone einen Großteil Tobagos gerodet. Und kaum waren die ersten Sklavenaufstände niedergeschlagen, da rebellierte die Natur: der Regen blieb aus. Zum Glück für Tobago erkannten Wissenschaftler den Grund, und so geschah 1776 Unerhörtes. Erstmals auf dieser Welt wurde ein Waldgebiet unter Naturschutz gestellt. Ein erster Nationalpark, nicht für die Menschen, sondern für den Zucker. Seither haben auf dem immergrünen Rücken Tobagos nur noch Hurrikane Schneisen geschlagen, "Flora" 1963 und ein bisschen auch "Ivan" 2004. Schneisen, die schnell wieder zuwucherten.

Hier lesen Sie den zweiten Teil: Tobago: Wie Tarzan im Urwald

Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie ein Fan von t-online.de Reisen!


Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Anzeige


Anzeige
shopping-portal