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Meyer Werft in Papenburg: Wiege der Kreuzfahrtschiffe

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Meyer Werft: Wiege der Kreuzfahrtriesen

04.01.2012, 11:41 Uhr | Bernd Ellerbrock, Spiegel Online, Spiegel Online

Meyer Werft in Papenburg: Wiege der Kreuzfahrtschiffe . In der Meyer Werft können Besucher dabei sein, wenn neue Kreuzfahrtschiffe entstehen. (Quelle: Meyer Werft)

In der Meyer Werft können Besucher dabei sein, wenn neue Kreuzfahrtschiffe entstehen. (Quelle: Meyer Werft)

Faszination Baustelle: In der Meyer Werft können Kreuzfahrt-Fans live dabei sein, wenn 300 Meter lange Riesenschiffe entstehen. Hunderttausende lernen jedes Jahr im Besucherzentrum viel über moderne Ingenieurskunst - und wenig über die damit verbundenen Umweltprobleme. Sehen Sie Eindrücke aus der Meyer Werft auch in unserer Foto-Show.

Meyer Werft: Die gläserne Fabrik

Als die Besucher ihre Plätze eingenommen haben und der Shuttlebus endlich abfahren kann, greift Gästeführer Fritz Küper beherzt zum Mikro und verkündet: "Wir fahren jetzt nach Meyer." Und korrigiert schnell: "Natürlich auf die Meyer Werft." Die kleine Ungenauigkeit spricht Bände: Papenburg, das ist Meyer. Und Meyer, das ist Papenburg. Ohne Meyer läuft hier nichts. "Wir sagen hier: Wenn Meyer hustet, hat die ganze Region eine Lungenentzündung", wird später Gästeführer Günther Fenske die ökonomische Situation im Emsland seinem Publikum erläutern. Die sind jedoch nicht für eine Nachhilfestunde in regionaler Wirtschaftsentwicklung hier, sondern sie wollen vor allem eins sehen: Kreuzfahrtschiffe. Je größer, desto besser. Und nicht als Modell, als Animation oder als Video. Nein: live im Bau in der gläsernen Fabrik.

300.000 Besucher jährlich in der Werft

PR-Leute der Meyer-Werft und die Tourismusförderer in Papenburg haben früh erkannt, welche Faszination Kreuzfahrtschiffe auf Menschen ausüben. Und dass sich der Blick hinter die Kulissen bestens vermarkten lässt. Ein Besucherzentrum wurde eingerichtet, das inzwischen mehrfach modernisiert und erweitert wurde, um den gewaltigen Strom von Kreuzfahrt-Enthusiasten besser verkraften zu können. Die 80 Menschen aus dem Bus drängeln sich in dem aus Glas und Stahl gefertigten Eingangsturm nach oben, um schließlich über einen der sogenannten Skywalks ins Informationszentrum zu gelangen. Dort heißt es zunächst warten, denn die beiden Kinosäle zu Beginn des Rundgangs sind noch von anderen Gruppen belegt. Sechs Millionen Euro habe die Meyer Werft in das 2300 Quadratmeter große Zentrum investiert, sagt Fenske. Und es sei mit fast 300.000 Besuchern jährlich rund um die Uhr ausgelastet, große Gruppen müssen manchmal Monate vorher reservieren. Auch an diesem Wochenende sind sämtliche Termine ausgebucht.

Werft mit Tradition seit 1795

Ein zehnminütiger Imagefilm im kleinen Kinosaal stimmt die Gäste auf die vor ihnen liegenden zwei Stunden Rundgang ein. Es geht um die Geschichte des Familienunternehmens Meyer: Die 1795 gegründete Werft befindet sich in nunmehr sechster Generation im Besitz der Familie Meyer. 1872 verabschiedete sie sich vom traditionellen Holzschiffbau und ging zum Bau von Eisenschiffen über. 1874 lief das Erste, die "Triton", vom Stapel. Treibende Kraft sei damals der junge Josef Lambert Meyer gewesen, der den Bau von Eisenschiffen in Stettin kennengelernt hatte, erzählt Fenske. "Und", fragt er verschmitzt in die Runde, "was brachte der aus Stettin wohl mit?" "Eine Frau!", kommt spontan die Antwort. Fenske stellt richtig: "An Frauen hat der nicht gedacht. Facharbeiter hat er mitgebracht. Die Papenburger dachten, Eisen könne nicht schwimmen. Die verstanden sich nur auf Holzbau."

1984 baut die Werft das erste Kreuzfahrtschiff

Und so überlebte die Firma am Standort als einzige von mehr als 20 Werften. Die Meyers hatten gewagt - und gewonnen, weil sie die Zeichen der Zeit erkannt hatten. Wie auch hundert Jahre später, im Jahr 1984, als Unternehmenschef Bernard Meyer den ersten Auftrag zum Bau eines Kreuzfahrtschiffes an Land zog. Man habe an diesem Auftrag seinerzeit keinen Pfennig verdient, verrät Fenske. Doch mit dem Bau der "Homeric" für die Reederei Home Lines gelang Meyer mitten in der Krise des deutschen Schiffsbaus der Einstieg in ein später boomendes Marktsegment, das heute Tausenden die Existenz sichert. 34 Mal wurde seitdem bereits ein Glückspfennig unter einen neuen Kiel gelegt.

Modelle für zehntausende Euros

In der Abteilung "Bauprogramm" werden Modelle der Meyer-Schiffe in Glasvitrinen präsentiert: Flüssiggastanker, Massentiertransporter, Fähren und eben die Luxusliner. Dass von jedem abgelieferten Ozeanriesen zwei Modelle hergestellt werden, erfahren die Gäste. Eins für den Reeder, eins für die Werft. Zehntausende Euro kostet das, wohl Peanuts bei einer Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. Über die wirtschaftliche Bedeutung des Familienunternehmens für die Region erfahren die Besucher mehr als genug. 2500 Mitarbeiter beschäftige Meyer, sichere 1800 Zulieferfirmen das Überleben, in den Schiffen stecke 85 Prozent "echte deutsche Wertarbeit", 21.000 Menschen hingen existenziell von Meyer ab. "Auch Sie tragen dazu bei, wenn Sie hier Kaffee trinken, übernachten oder Essen gehen", sagt Fenske. Neun Euro Eintritt kostet die Tour außerdem, reichlich Werbeminuten inklusive.

Momentan baut die Werft das neue Disney-Schiff

Bevor es hoch zur Besuchergalerie geht, darf die Reederei Disney Cruise Line sich noch selbst inszenieren, immerhin hat sie zwei Schiffe für ihre Flotte bei Meyer geordert, von denen eins gleich zu sehen sein wird. Für sie wurde Anfang 2010 ein eigener Bereich des Besucherzentrums eröffnet, in dem sich alles um die Kreuzfahrt im Entenhausen-Stil dreht: Displays, Fotos, ein Modell der "AquaDuck", der ersten Wildwasserbahn auf einem Kreuzfahrtschiff, ein Doppelbett mit vorgetäuschter Bullaugensicht aufs Meer und Bilder von Disneys Privatinsel Castaway Cay. Fenske schwärmt, was für eine "tolle Sache" eine Reise mit solch einem "tollen Schiff" sei, als würde er Provision für jede Buchung erhalten. Dass er selbst noch nie eine Kreuzfahrt unternommen hat, verrät er erst am Ende der Führung. Die Touristen erfahren, wie pingelig die Disney-Reederei auf die Einhaltung ihre Wünsche achtet und ahnen, dass so ein Kreuzfahrtschiff-Bau auch jede Menge Nerven kosten kann.

Einblicke für die Kinder, Schnellkurs für Erwachsene

Endlich ist im vierten Obergeschoss die Besuchergalerie erreicht, das Herzstück des Zentrums. Durch die riesige Fensterfront und von zwei Podesten aus erhalten die Besucher Einblick in das "Baudock 2", wo gerade die "Disney Fantasy" entsteht, ein blendaxweißer Ozeanriese für 4000 Passagiere, 340 Meter lang und 37 Meter breit. Während die Kinder sich an den Scheiben die Nasen eindrücken, gibt es für die Erwachsenen einen Schnellkurs in Sachen Schiffsbau: über Plasmabrenn- und Laserschweißtechnik, über I-core-Paneele und Sektionsmodule, Materialfluss-Leitsysteme und das von Meyer entwickelte Blockbau-"Lego"-Prinzip. Über Antriebstechnik, Innenausbau und nautische Geräte. Von hinten drängelt die nächste Gruppe. Es geht vorbei an einer Fotogalerie und einer Musterkabine als Anschauung für all jene, die noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff mitgefahren sind. In Fenskes Reisegruppe ist diesmal keiner. Wie das Kunststück vollbracht wird, diese riesigen Pötte von einer weitab vom Meer liegenden Werft an die Nordsee zu überführen, erfahren Interessierte an der vorletzten Station, wo ein Video das Schauspiel zeigt, das regelmäßig Zehntausende an die Ems zieht.

Viel über Technik, wenig über Umweltschutz

Hier erfahren die Besucher zwar alles über die nautische Meisterleistung bei der Überführung immer größerer Schiffe, aber wenig über die damit verbundenen ökologischen Probleme. Dazu zählen die Verschlickung und der Sauerstoffmangel der Ems oder die Massenaufläufe Neugieriger auf den sensiblen Deichen. Immerhin muss der Fluss vor solch einer Überführung erst tagelang von dem 223 Millionen Euro teuren Sperrwerk bei Gandersum aufgestaut werden, um einen Tiefgang von 8,50 Metern zu ermöglichen. Verworfen wurde jüngst die Idee eines Kanals zur Entlastung der Ems, der eine Milliarde Euro verschlingen würde. Fenske wendet sich immer wieder den Kindern zu, um auch sie einzubeziehen - auch die Meyer Werft leidet unter Nachwuchsmangel bei den Facharbeitern. "Na, was möchtest du denn mal werden? Techniker, Ingenieur, Schiffbauer? Oder Kapitän, oder doch lieber Lotse?" Der Junge guckt etwas verschämt. Wo er denn herkomme, fragt Fenske dann, als keine Antwort kommt. Vom Neckar, stellt sich heraus. Da fahren leider keine Ozeanriesen.

Letzte Station Baudock 1

Letzte Station ist das kleinere "Baudock 1", wo gerade das rund 350 Millionen Euro teure Clubschiff "AIDAmar" mit Kussmund heranwächst und ebenfalls von zwei Besuchergalerien aus bewundert werden kann. Als ein Pärchen verrät, mit der "AIDAmar" auf Jungfernreise zu gehen, brandet Beifall auf. Die Glücklichen, aber wo bloß ist ihre Kabine in diesem Hochhaus? Seit Jahren füllen die Großaufträge der Kreuzfahrtreederei Aida Cruises aus Rostock die Auftragsbücher der Werft, bis 2013 waren es allein sieben Schiffe. Doch die beiden letzten Aufträge der Reederei wurden nicht an Meyer, sondern nach Japan an die Mitsubishi Heavy Industries vergeben. Ein schwerer Schlag für Meyer? Das Thema ist kritisch, Fenske wimmelt zunächst ab: "Darüber wollen wir nicht diskutieren."

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