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Tansania: Mit der Bahn vom Victoriasee zum Indischen Ozean

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Tourismus  

Tansania: Per Bahn vom Victoriasee zum Indischen Ozean

08.07.2014, 11:18 Uhr | dpa

Tansania: Mit der Bahn vom Victoriasee zum Indischen Ozean. Fertig für die Fahrt: In Mwanza startet der Zug seine Fahrt nach Daressalam.

Fertig für die Fahrt: In Mwanza startet der Zug seine Fahrt nach Daressalam. Foto: Matthias Benirschke. (Quelle: dpa)

Mwanza (dpa/tmn) - Es gibt bequemere und schnellere Möglichkeiten, vom Victoriasee zum Indischen Ozean zu reisen als mit der tansanischen Eisenbahn. Aber wer eher meditativ und landestypisch reisen möchte, ist hier richtig.

Der Waggon schaukelt sanft, das Fenster klappert, im Halbschlaf fragt man sich, wo man eigentlich ist und lässt sich dann vom rhythmischen "Tatam, Tatam" wieder einlullen. Wenn man sich erst mit dem kargen Abteil und der Zeitlosigkeit der Reise angefreundet hat, beginnt eine Fahrt mit der tansanischen Eisenbahn richtig Freude zu bereiten.

Drei Tage zuvor am Bahnhof von Mwanza am Südufer des Viktoriasees. Es ist noch dunkel. Eine monströse blau-gelbe Lok tuckert vor sich hin. Ein Mann weist uns Abteil E in Wagen 1173 zu. Nichts von dem erhofften postkolonialen Charme, stattdessen postsozialistische beschichtete Spanplatten und eine durchgesessene Sitzbank mit rotem Plastikbezug. Ein Mini-Waschbecken und ein halbblindes Fenster.

Der Speisewagen: Klapptische, 1970er-Jahre-Muster, fettverklebte schwarze Ventilatoren an der Decke. Die Bänke der 2. und 3. Klasse füllen sich, Taschen und Säcke stehen im Weg. Erst müde, dann erstaunte Gesichter, Kinder starren uns unverhohlen an: Musungu, Musungu - ein Weißer.

Vor uns liegen 1200 Kilometer, quer durch Tansania, das mit 945 000 Quadratkilometern fast dreimal so groß ist wie Deutschland. Abschied vom Viktoria-See, dem drittgrößten See der Welt, 128 Mal so groß wie der Bodensee. Vor Mwanza steht auf einem Granitblock mitten im Hafenbecken der Bismarck-Felsen, der auch fast 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit in Ostafrika noch von vielen hier so genannt wird.

Vorbei an Granitfelsen schlängelt sich der Zug durch die schmale Trasse, bis die Landschaft ebener wird und die einzelnen "Kopjes" sich in der Weite verlieren. Kopjes ist Afrikaans und bedeutet kleine Köpfe, manche allerdings groß wie ein Einfamilienhaus, die Felsen sehen nicht selten tatsächlich aus wie Köpfe, andere wie von Riesenvögeln wahllos in die Landschaft gelegte Eier.

Der Mann aus dem Speisewagen bringt heißen Instant-Kaffee in Thermoskannen ins Abteil. Dörfer ziehen vorbei, strohgedeckte Hütten, Kinder winken, laufen los und versuchen ein Stück des Weges mit der röchelnden und rauchenden Riesenschlange mitzuhalten. Es ist ihr Maß der Schnelligkeit. Eine Szene die sich in fast jedem Dorf, nach fast jedem Halt wiederholt.

Ankunft in Tabora. Die Stadt ist der Knotenpunkt der Ost-West-Route und der Verbindung nach Norden. Diese Trasse haben die Engländer bis Ende der 1920er Jahre bauen lassen. Die mehr als 1250 Kilometer lange Strecke von Daressalam nach Kigoma am Tanganjika-See, die Mittellandbahn, wurde von der Deutschen Kolonialmacht gebaut.

Ein knappes Drittel der Strecke ist schon bewältigt. Wir werden sehr viel früher in Daressalam sein, als befürchtet - denken wir. Als wir eine halbe Stunde später immer noch am Bahnhof stehen, wächst die Unruhe: Die Lokomotive ist weg.

Vor uns liegt der Bahnhof, Hunderte Menschen lagern dort unter dem großen Vordach, Kinder schreien, aus dem Lautsprecher scheppert Musik, unterbrochen von Nachrichten der Deutschen Welle. Händler bieten Weißbrot, Wasser, Grillspieße und Bücher an. Säcke mit Mehl oder Zucker werden ausgeladen. Es geht bestimmt gleich weiter.

Die Sonne geht unter, Dunkelheit fällt über die Szenerie. Auch im Zug geht für einige Zeit das Licht aus. Die Menschen gehen umher, telefonieren, hier hat jeder ein oder zwei Handys. Niemand wirkt beunruhigt oder ungeduldig. Der Kellner verspricht uns "good dinner" mit Bier, leider nicht mehr kalt.

Am nächsten Morgen geht die Sonne tiefrot auf. Wir sind jetzt seit 24 Stunden unterwegs. Bei den Zwischenstopps zieht immer wieder der Duft von gebratenem Fleisch, deftigen Suppen oder gegrillten Maiskolben in die Nase. Vor dem Zug haben Frauen ihre wackeligen Tische und Grills aufgebaut, leider nur auf Höhe der zweiten und dritten Klasse.

Und als wir dann vor der großen Freiluftkantine stehen, sehen wir, was uns fehlt: Teller und Besteck. So ziemlich alle außer uns haben ihre Ausrüstung dabei. Nicht umsonst soll der Begriff Musungu vom Suaheli-Wort für "herumirren" kommen. Also müssen wir wieder auf Chipsi, Erdnüsse und Bananen zurückgreifen.

Am Nachmittag erreichen wir die Hauptstadt Dodoma. Ein paar Glaspaläste ragen zwischen den Häusern empor. Hier tagen zwar die Abgeordneten, das Leben - auch das politische - spielt sich aber nach wie vor in Daressalam ab, sagt Paul, der hier Internationale Beziehungen studiert hat und jetzt arbeitslos ist.

Wieder wird es Nacht, kurz nach Mitternacht erreichen wir Morogoro, noch 200 Kilometer bis zum Ziel. Trotz der Nachtstunde herrscht auf dem Bahnsteig wildes Treiben. Kinder bieten Reiseproviant an. "Asali, Asali", Honig in Flaschen. Wir landen mal wieder auf dem Abstellgleis, diesmal aber nur für zwei Stunden.

Am nächsten Morgen klopft es, der Schaffner sammelt die Tickets ein. Heißen Kaffee gibt es im Zug nicht mehr, die Toiletten sind noch weniger einladend als bei der Abfahrt. Dafür wird die Landschaft mit jedem Kilometer grüner.

Wenig später erreichen wir die Vororte von Daressalam, nach 1891 einige Jahre Sitz der Kolonialverwaltung für Deutsch-Ostafrika. Die Bahntrasse führt vorbei an endlosen Reihen ärmlicher Hütten. Im Zug wird aufgeräumt. Plastikflaschen fliegen aus den Fenstern, Kinder sammeln sie auf. Noch einmal pfeift der Zug, seht her, ich hab' es wieder geschafft, diesmal in gut 50 Stunden.

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