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Tourismus: Futurismus und Kontemplation - Auf Zeitreise in Tokio und Kyoto

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Tourismus  

Futurismus und Kontemplation - Auf Zeitreise in Tokio und Kyoto

28.10.2014, 13:13 Uhr | dpa

Tourismus: Futurismus und Kontemplation - Auf Zeitreise in Tokio und Kyoto. Megacity Tokio: Vom 45.

Megacity Tokio: Vom 45. Stock der Stadtverwaltung aus sieht man in alle Himmelsrichtungen bis zum Horizont nur Häuser. Foto: Philipp Laage. (Quelle: dpa)

Tokio/Kyoto (dpa/tmn) - Tokio ist eine hypermoderne Riesenmetropole, Kyoto ein historischer Schatz voller Tempel und Schreine. Ein Besuch beider Städte führt den Touristen in die ferne Vergangenheit der Samurai und in eine durchdesignte Zukunft der globalen Megastädte.

Wenn es Nacht wird in Tokio, beginnt das Spiel der Neonfarben. In Shinjuku, dem repräsentativsten Bezirk der Stadt, rast buntes Licht die Fassaden hinauf und wieder hinab. Die Straßen sind voll. In den Elektronikgeschäften laufen alle Fernseher gleichzeitig. Der Duft eines Yakitori-Grill-Imbisses dringt hinaus in die Gassen der Megametropole. Drinnen sitzt eine junge Frau so elegant mit ihrer Zigarette da, dass man sie sich sofort in einem Café auf einem Pariser Boulevard vorstellen kann. Dazu überall Glitzer, Glamour und Glas. Tokio fühlt sich an wie eine überdrehte Version westlicher Urbanität.

Als Tourist ist man bemüht, die Eindrücke zu sortieren. Die jungen Machos in dieser sehr teuren Gegend tragen Stiefel und wilde Gelfrisuren. Ernst blickende Society-Damen staksen mit teuren Handtaschen über das Trottoir. Das Ausgeh- und Amüsierviertel Kabukicho hat kaum etwas Anrüchiges. Dort stehen Nachtclubs, Karaoke-Bars und Love-Hotels mit Kassenhäuschen und Milchglasfenstern, durch die kein Blick dringt. Ein maximal anonymer Ort für die Liebe in einer Stadtregion mit 35 Millionen Menschen.

Das Gefühl, zehn Jahre in die Zukunft gereist zu sein, entsteht schon bei der Ankunft in Tokio, vor allem an der Shinjuku-Station. Etwa 3,5 Millionen Passagiere steigen hier jeden Tag ein und aus, es ist der größte Bahnhof der Welt. Das Gewirr aus Gängen, Bahnsteigen und Rolltreppen ist scheinbar endlos. Und doch gibt es kein Chaos, niemand rempelt, vor den Zügen stellen sich die Japaner in einer Reihe auf. Tokio strahlt eine zivilisierte Überlegenheit aus.

Ganz anders als die Hauptstadt ist Kyoto. Wer mit einem Shinkansen-Schnellzug anreist, sieht zuerst den Bahnhof mit seinem 500 Meter langen Atrium samt Glasdach. Doch sobald man auf die Straße tritt und ein wenig durch die Gassen läuft, fühlt man sich überall an ein vormodernes Japan erinnert. In Kyoto dürfen keine Hochhäuser gebaut werden. Dafür gibt es so viele Tempel, Paläste, Schreine und Zen-Gärten, dass es viele Tage bräuchte, um sie alle zu besuchen. Man spaziert durch eine andere, eine vergangene Zeit.

Die alte Kaiserstadt wurde schon im 8. Jahrhundert gegründet und schachbrettartig angelegt, man findet sich bestens zurecht. Kyoto bildete viele Jahrhunderte lang das politische und religiöse Zentrum Japans. Mit dem Aufstieg der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, und dem Beginn der Tokugawa-Zeit kam dem Tenno ab dem 17. Jahrhundert allerdings nur noch eine symbolische Funktion zu, und Kyoto büßte an Einfluss ein. Edo, das heutige Tokio, wurde das neue politisch-militärische Machtzentrum.

"Kyoto ist ein Sehnsuchtsort, wo vieles von einer durchgreifenden Modernisierung verschont wurde", sagt Wolfgang Schwentker, Professor für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität Osaka. Repräsentationsbauten prägen das Stadtbild, in Tokio liegen sie eher versteckt. Kyoto wirke insgesamt sehr traditionell und ästhetisch-kultiviert. "Die Amerikaner haben aus gutem Grund auf eine Bombardierung verzichtet", erklärt der Historiker.

In dem alten Viertel Gion reihen sich schicke und zugleich dezente Restaurants aneinander. Immer weht ein Vorhang vor der Tür, es hat geregnet, und jetzt tropft es überall von den überstehenden Dächern. Auf kleinen Balustraden und Balkons wachsen Zierbäume. Eine Geihsa, die traditionelle japanische Unterhaltungskünstlerin, läuft anmutig über den regennassen, dampfenden Asphalt.

Am Kinkakuji-Tempel im Norden der Stadt hängen noch Gewitterwolken an den Berghängen. Hier steht der Goldene Pavillon hinter einem großen Teich, in dem sich der komplett mit Blattgold überzogene Bau spiegelt. 1950 zündete ein buddhistischer Schüler den Tempel an, angeblich weil er dessen Schönheit nicht ertragen konnte. So schildert es der Schriftsteller Yukio Mishima in seinem Buch "Der Tempelbrand". Nach der Zerstörung wurde der Pavillon neu errichtet und komplett vergoldet. An einem Tag wie diesem, an dem wegen des Regens kaum Besucher kommen, ist Kinkakuji ein Ort stiller Kontemplation. Man ist tief entspannt und doch unerklärlich bewegt.

Für Sinnsuche haben die Tokioter dagegen wenig Zeit: Ihre Stadt ist auf Fortschritt getrimmt, sie ist ein Schaufenster für die Moden und Trends, die mit einer Saison Verspätung den Westen erreichen. Wer sich davon ein Bild machen möchte, der muss nach Shibuya und noch besser nach Harajuku fahren, in das Hipsterviertel Tokios. In der Takeshita-Straße reiht sich ein Geschäft an das nächste. Es kann passieren, dass man arglos in ein Fotoshooting für ein Modemagazin oder doch nur für einen unbedeutenden Fashionblog hineinspaziert.

"Tokio absorbiert viel Energie", sagt Schwentker. Wäre die Stadt ein Staat, hätte die Metropole ein größeres Bruttoinlandsprodukt als Thailand oder Österreich. Es gibt natürlich auch kein einzelnes Zentrum, sondern zig Subzentren. Der Blick auf den U-Bahn-Plan sieht aus, als habe ein Kleinkind mit bunten Stiften achtlos Kreise gemalt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Angestellter in Tokio zwei bis drei Stunden pendelt, um zur Arbeit zu kommen. Wer es sich leisten kann, wohnt deshalb in der Nähe eines großen Bahnhofs. Und auch Touristen tun gut daran, ein Hotel in der Nähe eines Verkehrsknotenpunkts zu beziehen - sonst verlieren sie leicht den Anschluss in dieser hochtourigen Megacity.

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