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Gällivare in Lappland: Ballonfestival bei minus 30 Grad

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Gällivare in Lappland  

Ballonfestival bei minus 30 Grad

08.01.2014, 15:37 Uhr | Florian Sanktjohanser, dpa

Gällivare in Lappland: Ballonfestival bei minus 30 Grad. Extreme Anforderungen an Piloten und Material: Bei Temperaturen von bis zu Minus 30 Grad heben die Ballons ab. (Quelle: dpa)

Extreme Anforderungen an Piloten und Material: Bei Temperaturen von bis zu Minus 30 Grad heben die Ballons ab. (Quelle: dpa)

Gällivare ist eine unspektakuläre Bergbaustadt in Nordschweden. Doch jeden Winter wird sie zum Sehnsuchtsort von Ballonfanatikern aus ganz Europa. Denn die Fahrten über das tief verschneite Lappland sind selbst für Profis ein Abenteuer. Sehen Sie Bilder des einmaligen Festivals auch in unserer Foto-Show.

Bei minus 25 Grad gefrieren die Härchen in der Nase, sobald man zur Tür hinausgeht, es fühlt sich an wie Kleber. "Perfektes Wetter", sagt Mathias Svalenström. "Die Vorhersage sieht so aus, als könnten wir dieses Jahr jeden Tag fliegen." Svalenström studiert den Wetterbericht pedantisch. Er leitet das Arctic Balloon Adventure in Gällivare, rund 100 Kilometer nördlich des Polarkreises. Und nichts ist für die aus ganz Europa angereisten Ballonfanatiker wichtiger als das Wetter.

Ballonfahrten bei arktischer Witterung

"Es darf nicht schneien, nicht neblig oder zu windig und nicht kälter als minus 30 Grad sein", erklärt Svalenström. Ansonsten wäre es zu gefährlich. Denn Ballonfahrten bei arktischer Witterung sind trotz GPS und Handy eine Herausforderung. Die Profis lieben das. Deshalb kommen Teams aus Frankreich, Litauen, Deutschland und den Niederlanden in die Bergbaustadt im fernen Norden Schwedens gekommen.

"Das hier ist für alle ein richtiges Abenteuer", sagt Hans-Joachim Häuser, der Geschäftsführer eines Anbieters von Ballonfahrten in Köln. "Die Anforderungen für die Piloten und das Material sind enorm. Letztes Jahr hatte es minus 44 Grad."

Die Stimmung bei der Morgenbesprechung ist aufgekratzt und jovial. Schulterklopfen, Lachen. Man kennt sich, viele Fahrer waren schon einige Male dabei. Sie kämen nie in so einer lächerlichen Leichtmatrosenmontur an wie ich. Gefütterter Ledermantel, zwei Pullover, Jeans, Skiunterwäsche, Winterstiefel. Reicht das? Mathias Svalenström lächelt, schüttelt den Kopf. "Auf keinen Fall." Er gibt mir einen Overall und Thermostiefeln. Ich fühle mich wie Marshmallow Man. Svalenström nickt zufrieden und teilt mich dem Team von Leon Kurstjens zu.

Viele Veteranen unter den Fahrern

Der Niederländer ist ein alter Ballonhase, zum siebten Mal beim Festival dabei. Er hat sich gerade die neuesten Wetterdaten besorgt. "Wir starten heute südwestlich von Gällivare hinter dem Dundret", sagt Kurstjens. "Wir wollen mit dem Wind in 1000 bis 1500 Metern Höhe um den Berg oder darüber hinweg fliegen. Dort oben soll es wärmer sein." Klingt nach einem vernünftigen Plan.

Wir fahren über die Landstraße. Es hat zwei Wochen durchgehend geschneit, die Bäume beugen sich unter der Last des Schnees über die Straße. Eine schwedische Familie fährt im Wagen mit. Emil Fharum arbeitet in der Eisenmine, dem wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Region. "Das ist ein großes Ereignis für Gällivare", sagt er. "Jeder sieht die Ballons am Himmel." Besonders am Wochenende sei es schwierig, ein Ticket zu bekommen.

Notfallpaket, falls man vom Kurs abkommt

Kurstjens und seine beiden Helfer wuchten Korb und Ballon von der Ladefläche. An den Korb ist ein Rucksack geschnallt. "Da sind Zelt, Schlafsäcke, Trockennahrung und Kocher drin", erklärt Kurstjens. "Damit wir überleben, wenn wir in die falsche Richtung treiben und nicht gefunden werden." 2012 flog das deutsche Team 80 Kilometer weit bis Purnu und landete mitten Wald. Erst nach Mitternacht waren sie zurück in Gällivare.

Der Propeller bläst erst kalte Luft in den Ballon, dann schießt der Gasbrenner heiße Luft nach. Die Dichtungen sind mit einem speziellen Fett eingerieben, erklärt Kurstjens, um der beißenden Kälte zu widerstehen. Der Stickstoff hat 10 Bar Druck statt der normalen 1,5 Bar, "damit das Propangas bei der Kälte überhaupt rausgedrückt wird".

Langsam richtet sich der Ballon auf, dann muss es plötzlich schnell gehen. "Alle rein", ruft Kurstjens. Wir heben ab, schweben über die Baumkronen und immer höher. Der Wind erfasst den Ballon, das GPS-Gerät zeigt 10 Stundenkilometer, dann 20. Und es wird tatsächlich wärmer. In 1000 Metern Höhe hat es nur noch minus vier Grad.

Die tiefe Sonne strahlt über die verschneiten Wälder und Seen, die Sicht ist überwältigend. "Das da hinten sind die Berge Norwegens", sagt Kurstjens. "200 Kilometer entfernt." Es wäre vollkommen still, würde nicht jede halbe Minute der Brenner fauchen. Eine Elchkuh mit ihrem Kalb stakst unter uns durch den Schnee. Vergangenes Jahr haben die Ballonfahrer viele Rentiere gesehen.

Kalte Luft trägt besser

Das Fahren sei einfacher als im Sommer in den Niederlanden, erklärt Kurstjens. "Die kalte Luft trägt besser, und man braucht ein Drittel weniger Gas." Dafür sei das Landen zehnmal schwieriger. "Wenn man in eineinhalb Meter tiefen Schnee plumpst, kann einen das Schneemobil nicht abholen."

Wir schweben über den Dundret. Sein Name stammt vom lappischen Wort Tuoddar. Es bedeutet schlicht: Berg. Er ist nur 823 Meter hoch, aber von seinem Gipfel soll man bei klarem Wetter ein Elftel Schwedens sehen können. Glaubt man sofort. Neun Skipisten gibt es auf dem Dundret, vor allem die Einheimischen wedeln am Feierabend beim Nachtskifahren und am Wochenende talwärts. Sie müssen bei Laune gehalten werden. Denn viele sind nur wegen der Arbeit in diese abgelegene Wildnis gezogen.

Gällivare: Eine Stadt hat sich gemausert

Früher lebten hier nur Sami und Bauern. Doch dann wurden riesige Eisen- und Goldvorkommen gefunden. Viele Glücksritter kamen nach Gällivare, weil sie in den Minen zehnmal so viel wie im Rest Schwedens verdienen konnten. Die Bergleute wohnten zunächst in kleinen Hütten, es gab Glücksspiel und Prostituierte, wilder Westen in Lappland.

Heute hat sich die Stadt gemausert, ein Kulturpfad führt zur hübschen, weißen Kirche, dem Bahnhof aus Holz und der Sommervilla des Chefs der Bergbaugesellschaft im 19. Jahrhundert. Doch die Atmosphäre einer Pionier- oder Grenzstadt ist geblieben.

In der Ferne kommen ein dampfender Fabrikschlot und die Stadt in Sicht. Wir sinken in den Schatten des Bergs, und sofort wird es 20 Grad kälter. Am Ufer des Sees leuchten die bunten Holzhäuser, vor denen die Bewohner von Gällivare im Sommer fischen. Ein großes X markiert den Zielpunkt. Jeden Morgen legen es die Organisatoren aus. Wer am Ende der Woche am nächsten daran gelandet ist, bekommt einen Preis.

Anspruchsvolle Landung

Kurstjens zieht an der Leine, die Luke an der Oberseite des Ballons öffnet sich, wir sinken schneller. "An der Gasflasche festhalten, nicht mit dem Kinn zu nahe an den Korb, und die Knie beugen", ruft Kurstjens, dann sitzen wir hart auf, schleifen kurz über das Eis und kippen um. Schneemobile knattern herbei und sammeln uns auf.

In Gällivares Schule begrüßt Ton Kurvers, ein weiterer Niederländer, die zurückkehrenden Teams. Er ist seit 1977 Ballonfahrer und hatte die Idee zum Arctic Ballon Adventure. Ein Freund aus Hamburg erzählte ihm eines Tages, wie schön Lappland sei. Kurvers sagte zu ihm: "Machen wir doch eine Ballongeschichte in Lappland." Ein Festival nördlich des Polarkreises. "Das gab es auf der ganzen Welt nicht", sagt Kurvers.

Er telefonierte herum. Und fand Levi, einen Skiort in Finnisch-Lappland. Das Dorf war interessiert, nach einem Monat stand alles fest. Vier Jahre lang fuhren die Ballonfahrer nach Levi. Doch dann wurde der Bürgermeister neu gewählt. "Der Nachfolger brachte es nicht mehr hin", sagt Kurvers.

Ballonfestival bringt Touristen

Also machte er sich wieder auf die Suche. Gällivare wollte den Event haben. Die Industriestadt müsse sich im Wettbewerb um Aufmerksamkeit gegen Kiruna mit seinem berühmten Eishotel behaupten, sagt Kurvers. Er sagte zu. Denn Gällivare hat einige Vorteile. Die Stadt liegt günstig im Tal, und ihre beiden Seen eignen sich gut zum Landen. Ein weiterer Pluspunkt: "Die Leute hier verdienen gut und können sich die Tickets leisten." Touristen kommen bisher kaum. Das deutsche Team hat dieses Jahr gerade mal zwei zahlende Gäste mitgebracht.

Umso wichtiger ist ein bisschen Spektakel, um die Gällivarer zu locken. Am Abend werden drei Ballons auf einem Schneefeld inmitten der Stadt aufgeblasen. Vangelis und anderes hymnische Zeug dröhnt aus den Lautsprechern, dazu erleuchten rhythmische Feuerstöße die Ballons. Jugendliche verkaufen Glühwein, Partystimmung will trotzdem nicht so richtig aufkommen. Könnte an den minus 29 Grad liegen.

Stimmungsvoller ist es, sich in der Kutsche von dampfenden Ardennenpferden durch den nächtlichen Wald ziehen zu lassen. Die Bäume sehen im flackernden Schein der Fackeln aus wie Riesenspinnen mit weißen Haaren. Die Kutsche hält vor einer Rundhütte. In der Mitte knistert ein Feuer im Eisenkamin. Und es gibt Rentierbraten in Sahne mit Kartoffelpüree.

Weiter Informationen

Anreise: Mehrere Airlines fliegen aus Deutschland nach Stockholm, von dort fliegt NextJet zweimal täglich nach Gällivare. Die Bahngesellschaft SJ bietet einen Übernachtzug von Stockholm nach Gällivare. Im Sommer können Besucher mit der Inlandsbahn anreisen. Mit dem Sieben-Tage-Ticket darf man unterwegs aus- und wieder einsteigen.

Klima und Reisezeit: Lappland hat einen langen, kalten Winter und einen kurzen, aber hellen Sommer. Im Januar und Februar ist es oft kälter als minus 20 Grad. Die beste Zeit für Wintersport ist im März und April, wenn es nicht mehr so eisig ist und die Tage länger sind. Im Juli kann es über 20 Grad warm werden, allerdings haben dann auch die Mücken Hochsaison. Im August und September ist die beste Zeit zum Wandern, wenn die Mücken weniger werden und sich das Laub verfärbt.

Unterkunft: Es gibt alles von der Jugendherberge und dem Campingplatz bis zum Grand Hotel.

Ballonfahrten: Das nächste Arctic Balloon Adventure findet vom 5. bis zum 13. Februar 2014 statt. Tickets kann man über das Tourismusbüro buchen. Für Erwachsene kosten sie rund 200 Euro, für Kinder von sechs bis zwölf Jahren rund 145 Euro.

Informationen: Visit Gellivare Lapland, Storgatan 16, 98231 Gällivare (Tel.: 0046/970/166 60, E-Mail: info@gellivarelapland.se).

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