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Höhlentour in der Schweiz: Abstieg ins Höllenloch

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Höhlentour in der Schweiz  

Abstieg ins Hölloch

05.02.2013, 07:19 Uhr | Fabian Schweyher, Spiegel Online

Höhlentour in der Schweiz: Abstieg ins Höllenloch. 48 Stunden Abenteuer im Schweizer Hölloch. (Quelle: Trekking Team AG)

48 Stunden Abenteuer im Schweizer Hölloch. (Quelle: Trekking Team AG)

Enge Röhren, weitläufige Steinsäle, steile Felsrutschen: Eine Tour im Schweizer Hölloch kann zutiefst beängstigend sein - und zugleich befreiend. Im zweitgrößten Höhlensystem Europas können Besucher sogar übernachten. Fabian Schweyher war zwei Tage in der ewigen Finsternis. Erste Impressionen sehen Sie in unserer Foto-Show.

Kompass und Karte geben Orientierung

Plötzlich ist Marco Lussmann in der Dunkelheit verschwunden. Die kleine Gasflamme auf meinem Helm erleuchtet schwach die Umgebung, doch da ist nichts außer schroffen Steinwänden. Wo ist der Höhlenführer hin? Unter einem Vorsprung mache ich einen Gang aus, in den ich gebückt hineinkrabbele, mich bald liegend hindurchzwängen muss. Endlich erreiche ich einen Raum im Fels - dort wartet Lussmann auf seine Schützlinge. Am Vormittag ist der Höhlenführer mit acht Touristen in das Hölloch in der Schweiz eingestiegen, das nahe der Gemeinde Muotathal im Kanton Schwyz liegt. Zwei Tage und eine Nacht werden wir mit Lussmann in dem Höhlensystem verbringen, das mit rund 200 Kilometern bekannter Länge als zweitgrößtes in Europa gilt. Der 33-Jährige wirkt, als könne er in der Finsternis sehen, als trage er einen Plan des Höllochs in sich. "Man muss sich die Gänge fotografisch einspeichern", sagt er. Lussmann orientiert sich an bestimmten Gesteinsformationen, im Zweifel helfen auch Kompass und Karte.

Mit Schlafsack in die Unterwelt

Unter den Höhlengängern sind Studenten, ein Uhrmacher, ein Koch und ein Universitätsdozent. Die Frauen und Männer sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Die meisten von ihnen hat die Neugier in das Hölloch geführt. "Wir wollten etwas Neues ausprobieren", sagen die Freunde Markus und Robert, die sonst auf und nicht in den Bergen unterwegs sind. Für den Trip in die Unterwelt haben wir uns mit roten Overalls und Gummistiefeln gewappnet, im Rucksack sind Schlafsack, Wäsche und Verpflegung dabei. Den Kopf schützt ein roter Helm, an dem eine Gasflamme leuchtet. Genährt wird die Karbidlampe über einen Schlauch, der mit einem Metallbehälter an der Hüfte verbunden ist. Darin reagiert Wasser mit Karbid zu brennbarem Gas. Eine alte, robuste Technik. Zwar hat Lussmann auch eine elektrische Leuchte dabei. Doch im Vergleich zu dem grellen Kunstlicht erhellt die Flamme viel sanfter die Nacht.

Angst vor der Finsternis

Unser Weg durch das Gängesystem ist ein ständiges Auf und Ab. Immerhin kann der größte Teil des Höhlensystems aufrecht begangen werden. Doch irgendwann kann eine junge Frau nicht mehr. "Ich habe Angst vor der Finsternis", sagt sie und schaut, als ob sie in der ewigen Nacht dunkle Gestalten vermute. Sie will nur noch raus. Jetzt steht die gesamte Gruppe vor der Entscheidung: Entweder geht man zusammen weiter - oder tritt den Rückweg an. "In der Höhle gibt es nicht 'mein Problem', sondern nur 'unser Problem'", sagt der Höhlenführer, in dem unterirdischen Labyrinth sei jeder auf jeden angewiesen. Wir sollen in der Finsternis aufeinander aufpassen, müssen uns an Kletterstellen helfen, uns gegenseitig vor Abgründen warnen. "Ihr müsst miteinander sprechen", sagt Lussmann. "Das ist hier unten das Wichtigste."

Schritt für Schritt zum Mut

Die Gruppe macht eine Pause und geht dann langsam weiter. Der Führer beobachtet genau, wie sich die Frau fortbewegt. "In Höhlen trifft man auf viele Dinge, die Angst machen", sagt er. "Die Finsternis, die Enge." Die Höhle zwinge den Menschen, sich seinen Ängsten zu stellen, immer wieder - auch er müsse das tun. Die junge Frau scheint sich zu beruhigen, Schritt für Schritt gewinnt sie ihren Mut zurück. Die gewundenen Gänge des Höllochs sind typisch für Karstgebiete, bei denen das Wasser an der Oberfläche nicht abfließen kann. Stattdessen läuft es durch winzige Verästelungen in das Gestein - bis schließlich nach vielen tausend Jahren ein Röhrennetz entstanden ist. Rund 55 Tierarten haben hier ihr Zuhause. Die meisten von ihnen sind äußerst klein, weil sie nur wenig Nahrung finden. Nach vier Stunden Gehzeit öffnet sich der enge Fels in einen großen Hohlraum. Das Nachtlager ist erreicht: Feldbetten, drei Tische mit rotweiß gemusterten Tischdecken, Sitzbänke. An einer der Steinwände eine Spüle mit zwei Herdplatten. Dort steht Hans Moor und pfeift vor sich hin. Er trägt keinen Ganzkörperanzug, sondern eine helle Weste aus Wolle. Lässig bewegt sich der 52-Jährige durch die dunkle Kaverne, ganz so, als ob er hier zu Hause wäre. "Böse Zungen behaupten das", sagt der Biwakchef grinsend, der für das Lager zuständig ist. Moor nennt es ein "Luxusbiwak". Für die Touristen gebe es schließlich fließendes Wasser, Medikamente und eine Toilette hinter einer Plane. Nicht zu vergleichen mit den Biwaks tief im Inneren des Höllochs, in denen die Forscher nächtigen. Dort gibt es nur Benzinkocher und Gummimatratzen.

Ab durch die Schlange

Auf dieses Nachtlager sind die Wissenschaftler angewiesen, denn die noch weißen Flächen auf den Karten liegen so tief im Inneren der Erde, dass sie mehrere Übernachtungen einplanen müssen. Experten gehen davon aus, dass sich das Hölloch auf 1000 Kilometer Länge erstreckt. Wir lassen die Rucksäcke am Biwak zurück und bahnen uns den Weg durch den Berg, um in die sogenannte Schlange einzusteigen. Ein langer und gebogener Gang, gerade mal brusthoch und abschüssig wie eine Skipiste. Die Frau, die zuvor noch ängstlich durch die Höhle tappte, geht jetzt direkt hinter Marco Lussmann. Zielstrebig setzt sie sich auf den feuchten und glatt polierten Steinboden und jagt ihm den Abhang hinterher. Ich folge ihr. Rasend schnell geht es hinab, dann wieder müssen die Hände nachhelfen. Danach geht es zu Fuß viele Dutzend Meter eine Rampe hinauf. Immerhin kann ich fast aufrecht gehen. Als der Gang sich kurz zu einem Spalt verengt, krieche ich hindurch. Manchmal kann ich mich auf dem Bauch liegend seitlich durch die Felsen schieben.

Schweizer Spezialität gegen die Kälte

Für Höhlenführer Lussmann ist das Hölloch mehr als ein dunkler Hohlraum. "Der Stress von außen kommt hier nicht rein", sagt der 33-Jährige. Hier drinnen, tief im Gestein, könne er abschalten, zu sich kommen. Die Sinne erleben eine Verschnaufpause. In der Finsternis fallen auch Kleinigkeiten wieder auf, etwa die filigranen Schattenspiele, die die Leuchten an den Wänden entstehen lassen. Weil es in der Höhle vollkommen still sei, richte sich die eigene Aufmerksamkeit nach innen. "Hier drinnen kann man spüren, wo man im Leben steht", sagt Lussmann. Am Abend sitzen die Höhlengänger wieder auf den Bänken im Biwak. Das Licht zweier Tischlampen taucht die Gesichter in fahles Licht. Zufrieden mit den Erlebnissen sind sie, doch der Tag im Fels hat Spuren hinterlassen: "Das wird einige blaue Flecken geben", sagt Markus. Käsefondue wärmt von innen, während die Kälte von außen durch die Kleidung schleicht. Die Temperatur im Hölloch beträgt konstant 6,5 Grad Celsius.

Erst seit 1995 touristisch erschlossen

Der Bergbauer Alois Ulrich entdeckte 1875 zufällig den Eingang des Höllochs. Er berichtete damals von einem "Hälen", das so viel wie ein "rutschiges Loch" bedeutet. Daraus entstand der heutige Name, der also nichts mit der Hölle zu tun hat. 1905 begann eine belgisch-schweizerische Gesellschaft, die Höhle touristisch zu erschließen. Der Eingangsbereich wurde künstlich beleuchtet, Treppen und Geländer installiert. Als die Firma fünf Jahre später pleite ging, wurde es still um das Hölloch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wagten sich Forscher erneut in die Höhle. 1995 kaufte die Firma Trekking Team die Nutzungsrechte. Seitdem besichtigen wieder Touristen die Höhle, im Sommer bei Kurzführungen, im Winter bei mehrtägigen Expeditionen. Im Gegensatz zu vielen anderen Höhlen sei der Eingang des Höllochs problemlos zu erreichen, sagt Firmeninhaber Peter Draganits, und das Innere einfach zu begehen. Er will allerdings mehr als Abenteuer bieten: Die Besucher sollen erfahren, dass grundlegende Dinge wie Licht in der Höhle überlebenswichtig sind, während etwa Geld jeglichen Wert verliert. "Ein 500-Euro-Schein brennt gerade mal zwei Sekunden. Eine Taschenlampe spendet dagegen stundenlang Licht, ohne das es kein Überleben gibt." Auch das Miteinander sei in der Unterwelt weniger oberflächlich. "Wenn ein anderer sein Essen mit dir teilt, weil du es vergessen hast, dann hat das einen anderen Stellenwert", sagt Draganits.

Sensoren messen den Wasserstand

Nach einer Nacht verlassen wir am nächsten Nachmittag das Biwak in Richtung Ausgang. Während am Tag zuvor ein Gang dem nächsten glich, erkenne ich jetzt viele Passagen wieder, auch die Alligatorsteige, die wir erklommen hatten. Schritt für Schritt klettere ich die Schrägwand wieder hinunter, während mein Karabiner an einem Stahlseil hängt und mich sichert. Ab und zu erleichtern in den Stein eingelassene Metallklammern und Leitern das Vorankommen. Manchmal rutsche ich einfach die paar Meter bis zum nächsten Plateau. Im Siphon ist der Wasserstand gefallen. Während wir ihn am Tag zuvor nur mit einem Schlauchboot überqueren konnten, waten wir nun in Gummistiefeln hindurch. Im Winter ist diese Stelle oft passierbar, weil auf den Bergen der Niederschlag als Schnee fällt. Wird es jedoch wärmer, fließt der Regen von der Oberfläche in das Hölloch und stürzt durch die Gänge zum Höhleneingang. Dabei bleibt Wasser im u-förmigen Siphon stehen, verschließt den Weg - und wird zum unüberwindbaren Hindernis. Um davon nicht überrascht zu werden, sind in der gesamten Höhle Sensoren verteilt, die via Funk ständig über den Wasserstand informieren.

Nach 48 Stunden im Hölloch wieder Tageslicht

Nach zwei Tagen, rund 15 Kilometer Fußweg und 1500 Höhenmetern im Berg trete ich aus dem Hölloch wie durch eine Schleuse. Hat mich gerade noch die Finsternis umhüllt, so bin ich jetzt für einige Augenblicke geblendet. Dann erst spüre ich, wie sehr mir die Sonne gefehlt hat. Der Ausgang des Höllochs ist zugleich der Beginn der Höllschlucht, die sich in den Wald gegraben hat. Die Steinwände sind von Moos bedeckt. Das matte Grün leuchtet, genauso das rötliche Braun der längst verwelkten Blätter, die überall auf dem Boden liegen. Herrliche Farben, denke ich. Eine wunderbare Welt, die ich ohne mein Höhlenabenteuer so nicht wahrgenommen hätte.

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