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Geheimnisvolle Zwischenwelten: Durch die Patios von Palma de Mallorca

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Geheimnisvolle Zwischenwelten  

Durch die Patios von Palma de Mallorca

25.02.2014, 12:16 Uhr | Christoph Driessen, dpa-tmn

Geheimnisvolle Zwischenwelten: Durch die Patios von Palma de Mallorca. Palmas Innenhöfe sind oft ein gut gehütetes Geheimnis (Quelle: dpa/tmn)

Palmas Innenhöfe sind oft ein gut gehütetes Geheimnis (Quelle: dpa/tmn)

Palma de Mallorca lebt vom Tourismus und schützt sich vor ihm. Es öffnet seine Ladentüren auf der großen Geschäftsmeile vom Hafen bis über den Placa Major, aber jenseits dieses Trampelpfads schottet es sich ab. Die Fassaden in den Seitenstraßen wirken wie Festungswälle. Meterdicke Hauswände reihen sich ohne Spalt und Scharte aneinander, hohe Mauern versperren die Sicht auf blühende Gärten, von denen nur die höchsten Palmwedel künden, Eisengitter schirmen die Innenhöfe ab. Das ist besonders bedauerlich - denn die Patios von Palma sind Perlen, die wir ihnen auch in unserer Foto-Show präsentieren.

Es waren ursprünglich nicht die Touristen, vor denen sich die Palmesanos, die Einwohner Palmas, mit ihrer Trutzarchitektur schützen wollten. Es waren die Piraten, die die Stadt immer wieder überfielen. Heute kommen andere Invasoren übers Meer. So verständlich das Bedürfnis der Einheimischen nach Ungestörtheit sein mag, so sehr kann man andererseits den Wunsch der Fremden nachvollziehen, hinter die Fassaden zu blicken. Es ist auch ohne große Probleme möglich, wenn man es nur nicht gerade in der Mittagszeit probiert. Viele der insgesamt etwa 60 sehenswerten Innenhöfe im Gassenlabyrinth der Altstadt sind vormittags und am späten Nachmittag geöffnet, schließen aber von 12 bis 16 Uhr. Am besten ist es, wenn man schon früh am Morgen da ist, denn dann ist Palma noch nicht überlaufen, viele Höfe stehen offen, und man kann sie erkunden. Eine ganze Reihe zugänglicher Patios gehört zu Behörden, Instituten oder Akademien mit Publikumsverkehr.

Die Höfe sind Wohnräume unter freiem Himmel

So abweisend die Höfe scheinen, wenn man die Nase durch das zugeschlossene Torgitter steckt, so einladend wirken sie, sobald man Zutritt erhält. Meist geht der Besucher von der Straße aus unter einem der typischen Halbbögen aus mallorquinischem Kalkstein hindurch. Die Höfe sind Wohnräume unter freiem Himmel, oft mit Arkaden und Galerien, in denen man sich unterstellen könnte, wenn es regnen würde, was es aber nicht tut. Jeder Hof bildet den Mittelpunkt eines Stadtpalastes. An allen vier Seiten wird er von dem Gebäude umschlossen. Treppen führen vom Hof aus in die oberen Stockwerke.

Nahezu jeder Hof hat einen Brunnen. Mal ist er bemoost und gähnt den Besucher schwarz an, so als reichte er bis zum Mittelpunkt der Erde. Mal ist er stillgelegt und muss Blumentopf spielen. Mal plätschert er freundlich und verleiht dem Hof Oasencharakter. Wassergeflüster hat in heißen Ländern mit ihren ausgelaugten Flussbetten immer eine weit größere Bedeutung als in Schlechtwetterecken, "in denen das Wasser von selbst vom Himmel fällt". Das schreibt der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, der seit 60 Jahren die Welt bereist, viele Länder schätzt, aber keines so sehr liebt wie Spanien. Noch häufiger als Brunnen sind Zisternen, Auffangbecken für das wertvolle Regenwasser, das zum Waschen und auch zum Trinken genutzt wurde. In jeder dieser Zisternen lebte früher ein Aal. Er hielt das Wasser sauber, indem er die dort lebenden Insekteneier fraß. Manche dieser Fische sollen in ihrem steinernen Gefängnis 50 Jahre und älter geworden sein. Wer nichts davon wusste, konnte einen gehörigen Schrecken bekommen, wenn er sich spät abends über den Rand des Wasserbeckens beugte und dann am Grund die Bewegung des sich windenden Tieres wahrnahm.

Die Patios dienen als Schattenplätze im hitzegetränkten Süden

Die Patios von Palma versprechen nicht nur Erfrischung, sie spenden vor allem auch Schatten. Ein Sonnenanbeter aus dem Norden, der immer nur für wenige Wochen im Jahr einfliegt, wird wohl nie ganz verstehen, was ein Schattenplatz im hitzegetränkten Süden bedeutet - und vor allem früher bedeutete. Es war der pure Luxus. Draußen auf den Feldern mit ihren gelben Gräsern und messerscharfen Disteln gab es keinen Schatten. Die Bauern mussten sich bei der Arbeit verbrennen lassen. Der Adel dagegen ging nie in die Sonne. Ein Leben im Schatten zu führen, war das ultimative Statussymbol. In kleineren Patios, die an allen Seiten von hohen Wänden umgeben sind, spürt man den Temperaturunterschied sofort beim ersten Betreten. Wohltuend empfängt den sonnengeplagten Besucher die Kühle. Käme man im Winter zurück, würde man feststellen, dass die Höfe ebenso die Wärme der Sonnenstunden zu speichern vermögen - Energieeffizienz aus dem Mittelalter.

Wenn der Hof nicht zugepflastert ist, sondern auch Palmen oder sogar Farnen einen Platz bietet, riecht es angenehm erdig, fast ein wenig nach Wald. Ursprünglich züchtete man in den Höfen Nutzpflanzen und hielt dort auch Tiere. Hier und da sieht man an den Wänden noch, wo die Eisenringe für die Pferde befestigt waren. Die Fackeln, die den Hof nach Einbruch der Dämmerung beleuchteten, mussten so hoch angebracht sein, dass man darunter noch durchreiten konnte. Später, im 18. und 19. Jahrhundert, kam die Mode auf, exotische Pflanzen aus den Kolonien zu züchten. Heute gehören schöne Pflanzen unbedingt dazu: Mispeln, Zitronenbäume und Fächerpalmen in Terrakottakübeln und Blumentöpfen.

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Orte der Begegnung

In den Höfen fanden nicht nur die Bewohner des Hauses einen Schattenplatz, sondern vor allem Besucher und Passanten, die sich für einen Augenblick ausruhen wollten. An den Wänden standen für sie immer Bänke bereit - in manchen Patios ist das noch heute so. Der Hof bildete bei Tage eine frei zugängliche Übergangszone zwischen dem öffentlichen Raum der Straße und den Privatgemächern des Hauses. Der Fremde durfte sich auch aus der Zisterne bedienen. So saß man sich dann gegenüber, verschnaufte, kühlte ab und kam ins Gespräch. Der Hof muss ein sehr kommunikativer Raum gewesen sein, ein Ort der Begegnung. Und auch ein Verbindungskanal: Manchmal konnte man von dort in einen angrenzenden Hof gelangen und schließlich die nächste Parallelstraße erreichen.

In nahezu jedem Hof findet man ein Wappen - das Erkennungszeichen der dort wohnenden Familie. Es ersetzte früher Hausnummer und Namensschild. Merkwürdig ist, dass die Häuser ihre Balkone oft zur Straße hinaus haben und nicht an der ruhigen Hofseite. Palmas Fremdenführer erklären das damit, dass die Balkone früher der Zurschaustellung unverheirateter Töchter gedient hätten. Deshalb seien sie an der Außenseite - damit sie von möglichst vielen potenziellen Heiratspartnern gesehen werden konnten. Es ist eine Geschichte, die man unbedingt glauben möchte.

Besonders eindrucksvoll bei Einbruch der Dunkelheit

Aus den Höfen führen geschwungene Treppen in die Planta nobile, die Stockwerke der Herrschaften, die jedoch von schweren Holzportalen abgeriegelt werden. Wie gern würde man einen der vergoldeten Türklopfer betätigen und auch da einmal hineinschauen, aber diese Wege bleiben verschlossen. Mitunter erkennt man hinter den mit Maßwerk verzierten Fenstern Kassettendecken, zuweilen sogar eine Freskenmalerei. Die Dienerschaft bewohnte die obersten Stockwerke. Besonders stimmungsvoll ist es, wenn man einen der Höfe nach Einbruch der Dunkelheit aufsucht. Dann ist die Nacht erfüllt von Pflanzendüften und Grillenzirpen. Zwischen den Fensterläden scheint das matte blaue Licht eines Fernsehers auf. Stimmen wehen heraus. Die Besucher des Hofes sprechen jetzt unwillkürlich leise.

Viele alte Aristokraten aus der Altstadt von Palma haben ihre Häuser in den vergangenen Jahrzehnten verkaufen müssen, da der mallorquinische Adel die Entwicklung der Insel zur Touristenhochburg überwiegend verschlafen hat. Längst nicht alle Stadtpaläste stehen unter Denkmalschutz, so dass oft nicht nur die Inneneinrichtung, sondern zum Beispiel auch ganze Portale nach Amerika verkauft werden. Erst allmählich erkennt man den kulturellen Wert der Höfe, ihr touristisches Potenzial. Nun kauft die Stadt zunehmend Patios an, um ihre Erhaltung sicherzustellen. Seit vergangenem Jahr werden an bestimmten Tagen erstmals Führungen durch die Höfe angeboten, auch auf Deutsch. Die Patios sind Teil einer sehr urbanen Welt. Palma schaut aufs Meer und steht mit dem Rücken zum Hinterland, zu den weiten, teilweise immer noch leeren Ebenen und Bergketten. Palma bedeutet Geschäftigkeit, Leben. Es braucht keine einsamen Landschaften, um zu Atem zu kommen. Es hat seine Höfe.

Weitere Informationen

Reiseziel: Palma de Mallorca besticht mit seiner gotischen Kathedrale und der nahezu lückenlos erhaltenen Altstadt. In der Hauptsaison ist die Innenstadt ab etwa 12 Uhr mittags leider völlig überlaufen. Deshalb ist es besser, sie in der Früh und am späten Abend zu erkunden.
Anreise: Von fast allen deutschen Flughäfen aus wird Mallorca angeflogen.
Reisezeit: Ideal sind Frühjahr oder Herbst, wobei in der Hauptsaison deutschsprachige Führungen durch die Höfe angeboten werden. Hitze ist kein Hinderungsgrund, denn gerade wenn die Sonne vom Himmel brennt, gehören die schattigen Höfe zu den angenehmsten Aufenthaltsorten.
Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt; www.spain.info

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