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Pozuzo: Österreichs Urwald-Kolonie

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Österreichs Urwald-Kolonie

21.06.2011, 10:59 Uhr | Anne Passow, Spiegel Online, Spiegel Online

Pozuzo: Österreichs Urwald-Kolonie. Das Dorf Pozuzo: Ein Stück Österreich im peruanischen Dschungel (Foto: Anne Passow)

Das Dorf Pozuzo: Ein Stück Österreich im peruanischen Dschungel (Foto: Anne Passow)

Mitten im Urwald Perus steht ein Dorf, das sich als "einzige österreichisch-deutsche Kolonie der Welt" bezeichnet. Die Nachfahren der Einwanderer pflegen in Pozuzo alte Traditionen - mit Tanzgruppen und Blasmusik. Sehen Sie das ungewöhnliche Dorf auch in unserer Foto-Show.

Wiener Schnitzel mitten im Dschungel

Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat sind der Renner. "Das bestellen die Touristen gerne", sagt Andrés Egg. Aber auch die Pozuziner Würstchen mit frittierten Yucas oder der legendäre Bananenstrudel seiner Ehefrau Hilda werden gern genommen. "Eigentlich heißt es ja Apfelstrudel. Aber wir haben hier nun mal keine Äpfel", sagt Hilda Ruiz. Das Ehepaar lebt mitten im peruanischen Urwald. Genauer gesagt in Pozuzo. Mit seinen geschwungenen, grünen Hügeln, seinen Kuhweiden und den Holzhäusern mit Spitzdächern und Balkonen erinnert die kleine Gemeinde ein wenig an ein Tiroler Dorf. Auch Bewohner wie Andrés Egg, groß gewachsen, blaue Augen, verraten etwas über die europäische Komponente in der Geschichte dieses abgeschiedenen Ortes. Eggs Ururgroßvater, der Priester Joseph Egg, war vor über 150 Jahren einer der Gründer Pozuzos. 1857 führte er eine Gruppe von rund 200 Tiroler Landwirten an, die sich aus dem österreichischen Dorf Silz aufmachte, um in Peru eine neue Heimat zu finden.

Siedler aus Tirol und dem Rheinland

In Österreich sahen die Bauern damals keine Zukunft mehr, sie litten unter der Industrialisierung, hohen Steuern, Schulden und Hunger. Viele Menschen folgten deshalb dem Ruf des hessischen Forschers Damian Freiherr von Schütz-Holzhausen: Der hatte mit der peruanischen Regierung vereinbart, im Laufe von sechs Jahren 10.000 deutsche Bauern katholischen Glaubens im peruanischen Urwald anzusiedeln. "Weil er in Deutschland nur ein paar Rheinländer für das Projekt begeistern konnte, warb er auch in Tirol", erklärt Eva Solleder. Die heute 59-Jährige kam 1953 mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem bayerischen Straubing nach Pozuzo. Sie leitet den historischen Kulturverein Asociación de Historia y Cultura de Pozuzo und das Heimatmuseum Schafferer und setzt sich dafür ein, dass die Vergangenheit des Dorfes nicht in Vergessenheit gerät. "Die peruanische Regierung wollte damals das Urwaldgebiet besiedeln, um später eine Eisenbahnlinie von Lima über die Anden und durch den Dschungel zu bauen", sagt sie. Der Transportweg sollte an die Wasserwege des Amazonas angebunden werden und so eine Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik herstellen. Das Projekt wurde jedoch niemals realisiert.

Tapfere Auswanderer kamen 1857 nach Peru

Die Tiroler und Rheinländer, die 1857 die lange Reise nach Pozuzo antraten, wurden bei ihrer Ankunft in Peru bitter enttäuscht. Nach einer viermonatigen Schiffsreise und einem schwierigen Marsch nach Cerro de Pasco mussten sie dort feststellen, dass die peruanische Regierung den versprochenen Pfad nach Pozuzo nicht gebaut hatte. Viele setzten sich deshalb von der Gruppe ab und suchten ihr Glück als Arbeiter in einer der vielen Minen Perus. Andere blieben und bauten auf eigene Faust einen Weg durch die Wildnis nach Pozuzo. Im Juli 1859, etwa zwei Jahre nach der Abreise aus Europa, erreichten von den 300 aufgebrochenen Europäern etwa 170 Pozuzo. 1868 folgte eine zweite Gruppe mit etwa 200 Tirolern und Bayern. Danach kam niemand mehr. Denn der Weg nach Pozuzo ist weit und das Leben war anfangs bei weitem nicht so, wie es den Auswanderern vorher versprochen wurde. Der Dschungel, Hunger, Krankheit und Heimweh machten den Menschen in den Anfangsjahren sehr zu schaffen. Die fruchtbaren Böden und das gute Klima der Region jedoch gaben den Bauern Mut, weiterzumachen. Sie fingen an, Kühe und Schafe aufzuziehen und Mais, Reis, Kaffee und Früchte anzubauen.

Tourismus und Landwirtschaft ernähren Pozuzos Bewohner

Mit Erfolg. Heute leben Pozuzos Einwohner gut von ihrer Landwirtschaft. Als zweite Einnahmequelle haben sie den Tourismus entdeckt und verkaufen ihr Dorf als "einzige österreichisch-deutsche Kolonie der Welt". Wer sich aber aus der Hauptstadt Lima nach Pozuzo aufmacht, muss Zeit und Ausdauer mitbringen. Etwa zwölf Stunden quält sich der Reisebus die knapp 400 Kilometer über die Anden, vorbei am 4800 Meter hohen Ticliopass bis in den 10.000-Einwohner-Ort Oxapampa. Dort fahren Minibusse die restlichen 80 Kilometer, ruckeln zwischen von Nebelschwaden durchzogenen grünen Hängen über einen unbefestigten, schmalen Weg, bleiben immer wieder in quer über den Pfad verlaufenden Wasserfällen stecken und kommen kaum um die engen Kurven. Links fallen die Hänge steil ab, unten strömt braun und reißend der Huancabamba-Fluss. Aufatmen können die Fahrgäste erst nach vier Stunden. Rechts und links tauchen dann Hostels und Restaurants auf mit Namen wie Gästehaus Schmidt, Pizzeria Wolfgang oder Tiroler Adler. Hier gibt es österreichische, deutsche und Pozuziner Küche - und wenn man Glück hat, trifft man auf Gastwirte wie Andrés Egg, der seine Gäste mit einem "Grüß Gott" begrüßt und auf Deutsch - mit tirolisch-spanischem Akzent - drauflosredet. "Als Kind haben unsere Eltern nichts anderes als Tirolisch mit uns gesprochen. Deshalb kann ich das noch", sagt der 66-Jährige. Seine Tochter, Odila Egg, spricht dagegen nur noch Spanisch. Sie möchte das aber ändern. "Seit kurzem werden hier Deutschkurse angeboten. Ich finde es wichtig, dass die junge Generation die Sprache wieder lernt. Viele Besucher erwarten das, wenn sie nach Pozuzo kommen", sagt die 32-Jährige. Sie hat in Lima Tourismus und Hotellerie studiert und kümmert sich um das Restaurant ihrer Eltern.

Ein Hauch von Oktoberfest im Dschungel

Im Moment überwacht sie die Renovierungsarbeiten am Tiroler Adler. Von Mai bis Oktober geht die Touristensaison. Vor allem Peruaner sind neugierig auf das Tiroler Dorf im Urwald. Aber auch Österreicher und Deutsche machen auf ihrer Peru-Reise immer mal wieder einen Abstecher nach Pozuzo. Richtig voll ist es in der letzten Juliwoche. Dann feiert Pozuzo die Ankunft der ersten Einwanderer. Die Tanztruppe des historischen Kulturvereins zeigt deutsche Tänze, Mädchen laufen in deutschen und österreichischen Trachten herum, und der Tourist kann bei einem kühlen Bier mitten im peruanischen Urwald bayerische Blasmusik genießen. Doch auch über die Folklore hinaus gibt es Verbindungen zu Europa. So lernte Andrés Egg vor zwei Jahren mit einigen anderen Gründer-Nachfahren den Ort seiner Ahnen kennen: Silz im Oberinntal. Für ihn war es die erste Flugreise seines Lebens. "Mir hat es sehr gefallen. Überall hat man uns groß empfangen und uns alles gezeigt", erzählt er. Trotzdem war Egg auch froh, als er wieder in Pozuzo war. "Hier ist es schön, hier bin ich wer. Woanders kennt mich doch niemand." Eva Solleder, deren Familie erst in den fünfziger Jahren nach Peru auswanderte, kam noch in Bayern zur Welt. "Erinnern kann ich mich aber nur noch an das Leben hier in Pozuzo", sagt sie. Auch sie besuchte vor einigen Jahren ihre Familie in Ascha, dem bayerischen Dorf ihrer Eltern - und war beeindruckt. "Alles war so schön und geordnet. Ich stand vor dem Haus meines Großvaters und konnte nicht verstehen, warum uns mein Vater damals nach Peru gebracht hat." Doch als eine Tante ihr anbot, nach Deutschland zu kommen, lehnte sie ab. "Ich bin in Pozuzo aufgewachsen, mit all den guten und schlechten Dingen, die hier passiert sind. Hier bin ich verwurzelt, also bleibe ich."

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