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Auf Schatzsuche in Höhlenstädten

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Auf Schatzsuche in Höhlenstädten

24.10.2007, 13:46 Uhr | Fotos: expeditionzone.com

Manchmal passieren Dinge, weil es einfach so sein muss: Yüksel, ein Ex-Gebirgsjäger, Abenteurer und begnadeter Erzähler am Lagerfeuer machte uns spontan das Angebot, gemeinsam eine Expedition zu einem der letzten "Weißen Flecken" auf der Landkarte in seiner Heimat zu unternehmen - nach Karapinar, einer kleinen Provinz mitten in den Weiten Anatoliens.

Foto-Serie Unerforschtes Anatolien
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Die Hochebene von Karaman
Langsam quält sich unser Van über Staubstraßen durch die karge Landschaft der Hochebene von Karaman. Kilometerweite Fernsicht, die Luft flimmert. Weit am Horizont sind schemenhaft einige winzige Sommerdörfer von Schafzüchtern zu erkennen. Wir befinden uns in einer kaum besiedelten Steppe nahe der Kreisstadt Karapinar, die rund 120 Kilometer westlich der berühmten Höhlenstadte Kappadokiens und ebensoweit nordöstlich vom Urlaubsparadies Antalya entfernt liegt. Musa Ceyhan, der Umwelt-Stadtrat von Karapinar, sitzt mit uns im heftig schaukelnden Wagen und erzählt ausführlich über die unerforschten Schätze seiner Heimat. Er wurde uns von Bürgermeister Kamil Bülbül Okuyucu als ebenso freundlicher wie hilfreicher Reisebegleiter beigestellt. Musa meint, dass auf den meisten der weit verstreuten, kleinen Hügelketten, die sich nicht höher als 12 Meter aus der weiten Ebene erheben, einst kleinere frühchristliche Siedlungen standen, vielleicht Karawansereien, oft sind noch die Grundrisse der Gebäude erkennbar. Doch was schon damals ein Geheimnis war und auch heute nur einige Hirten und Bewohner der Gegend wissen: In und unter den Hügeln verstecken sich zum Teil weitverzweigte Höhlenstädte. Und kaum jemand wagte sich bisher tiefer hinein.
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Der Cirali Krater - Nekropole oder Fluchtburg
Wir steuern jedenfalls den einzigen Hügel in der Gegend an - dort befindet sich angeblich der eindrucksvollste Ort, ein Krater aus dessen Wänden irgendwann kurz nach Christi Geburt eine ganze Stadt herausgemeisselt wurde. Über die geröllbestückte Flanke des Kraters, der von unten wie ein ganz normaler Hügel aussieht, geht es langsam bergauf. Faisal, unser Fahrer, bremst jäh ab und wir steigen aus. Rund um uns Stille, nur unterbrochen vom heiseren Krächzen eines neugierig kreisenden Berghabichts. Die letzten Schritte zum Rand des Kraters. Und dann der erste Blick in die Tiefe. "Einfach fantastisch!" Siebzig Meter tief stürzen sich die Felshänge hinunter bis zum smaragdenen Kratersee. Die Reste einer wohl von byzantischen Architekten angelegten Straße führen in den schwindelerregenden Abgrund.

Ringsum in den Wänden erkennen wir zahllose Höhleneingänge, eindeutig von Menschenhand geschaffen: Die Tore zur geheimnisumwitterten Unterwelt des Cirali Kraters. Langsam steigt das Team ab. Niemand spricht. Die Präsenz der schon längst zu Asche gewordenen Benutzer oder Bewohner dieses Ortes ist beinahe physisch merkbar.

Eine Zeitreise beginnt, tiefer mit jedem Schritt bergab - zu den letzten byzantinischen Siedlern, berannt von beutegierigen Eroberern? Zu frühchristlichen Eremiten, die sich hier in frommer Andacht und stiller Meditation versenkten? Zu einer gigantischen Kult- und Totenstätte, erschaffen, um ganzen Generationen eine Existenz im Jenseits zu sichern?

Einstieg in den Hades
Fast gewaltsam müssen wir uns vom selbstversunkenen Bestaunen dieser eindrucksvollen Kulisse trennen. Kameras, Laptops, Höhlenlampen, Helme, Kletterseile, Karabiner - das bisher unbeachtete Equipment ist für uns plötzlich der greifbare Beweis dafür, daß es auch eine reale Wirklichkeit gibt. Und gibt mentale Sicherheit für den kommenden Job - den Einstieg in den Hades von Cirali. "An die Arbeit, Jungs" - Höhle für Höhle wird nun systematisch durchgekämmt, nach Besiedelungsspuren und brauchbaren Hinweisen auf Zeitepoche und Verwendungszweck durchsucht, fotografisch dokumentiert.

Der Hang aus Fels und Löss gleicht förmlich einem schweizer Käse, so durchsetzt ist er mit untereinander verbunden Kammern. Die rauchgeschwärzten Trennwände und Decken sind manchmal nur rund einen halben Meter stark und tragen dennoch. Die meisten Höhlenräume sind klein - bis zu 5 Meter im Durchmesser - und reichen waagrecht nur zwei bis drei Kammern tief in den Berg hinein, einige jedoch gehen tiefer und erweitern sich mitunter zu richtiggehenden Versammlungssälen mit rundum laufenden Sitzbänken und einem Podium für Kulthandlungen.

Dann gehts in die Vertikale: Ein gähnender Schacht über 4 Etagen kann nur mit professioneller Abseiltechnik bezwungen werden - die einstmals vorhandenen Handgriffe sind abgebröckelt, nur noch zu erahnen. Keuchend vor Anstrengung tappen wir dann in immer neue Labyrinthe, überwinden Schutthalden, werfen Phosporstangen in klaffende Abgründe, um den Weg bestimmen zu können. Überall finden wir Reste von Lehmverputz an den behauenen Wänden, die beweisen, daß die Räume verschönt wurden, der rohe Fels den Benutzern zu ungemütlich war.

Ein ganzes System unterirdischer Städte
Richtig eng wird es dann in den weiter bergeinwärts verlaufenden Stollen, hier gehts nur noch kriechend in Bauchlage voran. Ein Gang führt ganz tief in den Berg hinein. Yüksel war schon drei Mal hier, doch er hat es nie geschafft, diesen Tunnel bis ans Ende zu gehen. Von ihm wird nämlich angenommen, dass es ein Fluchtweg oder Verbindungstunnel zu einer mehrere Kilometer entfernten, weiteren unterirdischen Siedlung ist, von der an der Oberfläche nur mehr eingestürzte Überreste zu sehen sind.

Auch zwei andere, kleinere unterirdische Siedlungen, die ebenfalls noch größtenteils unerforscht sind, liegen in Ziellinie des Tunnels. Nach einigen hundert Metern und zahlreichen abzweigenden Kammern sehen wir das erste Mal einen der für diese Siedlungen markanten mächtigen Verschlußsteine, die - aus einer Nische herausgeschoben - den Gang passgenau abriegeln konnten. Diese Mühlrädern gleichenden Torsperren mit einem Loch zum Durchschlingen eines Seils geben Zeugnis von den unruhigen Zeiten, in denen sie Mensch und Vieh vor Verfolgern schützten - oder galt es eher, wertvolles Kultgerät, Tempelschätze oder gar Dokumente und Bibliotheken vor unbefugtem Zugriff zu bewahren? Doch nach weiteren rund 200 Metern ist die Decke eingebrochen und große Felstrümmer liegen dermaßen bedrohend im und über dem Gang, dass wir uns möglichst erschütterungsfrei zurückziehen. Ein durchqueren dieser Passage erscheint uns nach eingehender Untersuchung - ebenso wie Yüksel - einfach als ein zu großes Risiko. Zerschunden und erschöpft gelangen wir erst nach Stunden wieder an`s Tageslicht. Und von den rund 100 Höhleneingangen bleiben immer noch viele unbegangen.

Picknick am Kratersee
Auch unter dem meterhohen Schutt, der im Laufe der Zeit von oben die Kraterwände herabgefallen ist, sind sicher noch weitere Eingänge verborgen, vielleicht auch im See, der derzeit rund 20 bis 25 Meter tief ist. Deshalb wollen wir ein kühlendes Bad gleich mit einem Tauchgang verbinden. Doch das trübe Wasser und ein überaus dichter Algenbewuchs lassen nicht viel erkennen. Hier reichen Schnorchel und Tauchermaske nicht aus und für Pressluftflaschen müssten wir erst zurück nach Antalya fahren. Die Wassertemperatur von knapp 10 Grad treibt uns nach einer letzten Umrundung bald wieder ans Ufer des im Abendlicht herrlich schimmernden Kratersees. Er wechselt aufgrund der unterschiedlichen Sonneneinstrahlung mehrmals täglich seine Farbe von Dunkelblau bis Smaragdgrün. In der Nase den verheißungsvollen Duft des über dem Lagerfeuer köchelnden Eintopfs aus Lammfleisch und Gemüse, disputieren wir uns die Köpfe heiß über mögliche Erklärungen des Phänomens Cirali.

Was geschah an diesem mystischen Platz vor rund 1.900 bis 1.500 Jahren? Wer suchte hier Zuflucht? Lebten hier ständig Menschen - oder war Cirali lediglich eine Begräbnisstätte? Da hier noch kaum ein Archäologe war und die spärlichen Oberflächenfunde keine These eindeutig präferieren, wird in der Diskussion mehr als eine Flasche Efes Bier geleert und jeder im Team hat seinen Beitrag, seine ganz persönliche Ansicht über die Entstehung und Nutzung dieses magischen Ortes. Alle sind jedoch darin einig, dass ein konkretes, längerfristiges Forschungsprojekt nötig wie lohnend wäre, um das Geheimnis von Cirali zu lüften.

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