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Kuriose Spieler  

Oma Hardcore im God Mode

19.10.2007, 17:19 Uhr | T-Online, t-online.de

Von Christian Stöcker

Sie lieben es, wenn die Zombieköpfe platzen, sie hassen Zensur, sie wollen gute Geschichten, sie geben eine Menge Geld für Games aus - und die Industrie ignoriert sie. SPIEGEL ONLINE hat mit Hardcore-Gamern jenseits der Sechzig gesprochen, der Zielgruppe der Zukunft. Helge Tantzscher spielt an seinem Flügel gern Chopin. Er hat 300 Opern auf Video, sein Lieblingsautor ist Thomas Bernhard. Abends sieht sich der 65-jährige Rentner mit seiner Frau die Tagesschau an. Und dann schaltet er eine seiner drei Spielkonsolen ein und fängt an, Zombieköpfe platzen zu lassen.

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Je älter, desto mehr ...

Tantzschers momentaner Favorit ist "Resident Evil 4". Das ziemlich blutige Horrorgame hat er schon neunmal durchgespielt, aber auch "Doom 3", "Splinter Cell" und "Metal Gear Solid". Der Diplomsoziologe gehört zu einer Gruppe, die in den Schlachtplänen von Politikern und Spieleindustrie nicht vorkommt: Ältere Menschen, die Videospiele spielen. Dabei sind die, zumindest in den USA, gar keine kleine Gruppe mehr. Die Entertainment Software Association veröffentlichte kürzlich Zahlen, denen zufolge 19 Prozent aller Amerikaner über 50 Jahre regelmäßig am PC spielen. In Deutschland sind nach Zahlen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, immerhin schon acht Prozent der Gamer über 40, bei PC-Spielen sind es sogar 13 Prozent.

Mit "Tomb Raider" fing alles an

Tantzscher, der Mitte der Neunziger mit "Tomb Raider" anfing, fühlt sich mit seinem Hobby ein bisschen alleingelassen. Wenn er in Internetforen mit anderen Fans über Spiele diskutiert, verheimlicht der 65-Jährige sein Alter. Denn wenn er das preisgibt "werden die andern gleich ganz befangen." Er komme sich vor "wie ein Exot", sagt er. Mit seinen gleichaltrigen Freunden und Bekannten kann er über das Thema nicht sprechen, "wenn ich da was erzähle, kucken mich die Leute scheel an." Dabei würde er gerne mal jemand finden, mit dem er zum Beispiel "über die wunderschöne Musik" reden kann, die David Lynchs Hauskomponist Angelo Badalamenti für das Spiel "Fahrenheit" geschrieben hat. In den USA ist man schon weiter. GeezerGamers.com zum Beispiel ist ein Internetforum, das sich speziell an "reife" Spielefans wendet. "Wir haben Kinder, Ehefrauen, Exfrauen, Hypotheken und Kombinationen davon", heißt es in der Selbstbeschreibung, "und wir lieben ein gutes Game". Bei einer internen Umfrage kam heraus, dass die meisten zwar zwischen 30 und 40 sind - etwa sieben Prozent sind aber älter als 45, immerhin vier Prozent über 51 Jahre alt. Die ältesten der 4500 Mitglieder sind weit über 60. Gestandene Ehepaare verabreden sich in den Foren zu Onlinedates, um sich gegenseitig bei "Halo 2" mit Laserwaffen zu beharken.

"Grandma Hardcore" ist eine Berühmtheit

Barbara St. Hilaire ist berühmt. Die 69-Jährige bekam vor einigen Monaten ihr eigenes Weblog, geführt von ihrem Enkel Timothy, denn "der Computer und ich verstehen uns nicht", wie sie sagt. St. Hilaire spielt Konsolenspiele - im Schnitt etwa 10 Stunden am Tag. Unter dem Titel "Old Grandma Hardcore" berichtet Timothy online aus dem Leben seiner Großmutter. Darüber, wie sie "Feuer und Flamme war" als sie zum ersten Mal eine Xbox 360 ausprobieren durfte, über ihre Besessenheit von der Rollenspiel-Serie "Growlanser", und darüber, wie sie ihre Spielfigur mit wüstesten Worten beschimpft, wenn die nicht tut, was sie soll. Seit den Siebzigern spielt die Dame.

"Oma flucht viel"

"Ich ging zum Bowlen oder ins Kino, und spielte da an Arkade-Automaten", erzählt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "und als das Nintendo [Entertainment System, eine der ersten Farb-Spielkonsolen] herauskam, bin ich hängengeblieben", erzählt sie. Heute daddelt die ganze Großfamilie. Die Gaming-Matriarchin hat fünf Kinder und zwölf Enkel. Durch das Netz wurde St. Hilaire zu einer kleinen Berühmtheit. Dann kam MTV und bot ihr einen Job an. Für die Game-Sendung G-Hole bespricht Barbara St. Hilaire seit dem 14. November Spiele - auf ihre unnachahmliche Weise. Entsprechend den strikten Regularien des US-Fernsehens werden wohl viele der Beiträge hauptsächlich aus Pieptönen bestehen, denn, wie Timothy es formuliert, "Oma flucht viel." St. Hilaire hat früher in der Fabrik gearbeitet, bei Black & Decker an der Maschine - da gewöhnt man sich einen rauen Umgangston an.

"Ich werde bis an mein Lebensende zocken"

Ihr heutiger Lebensstil - aufstehen, ein paar Stunden Gaming, dann ein gutes Buch Lesen, ein bisschen Ölmalen, mit den Enkeln eine Runde Konsolengolf und dann wieder auf Zombiejagd - ist ein Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft. Helge Tantzscher aus Berlin sagt: "Ich gehe davon aus, dass ich bis an mein Lebensende zocken werde." "Grandma Hardcore" hat auch nicht vor, den Controller demnächst aus der Hand zu legen - obwohl sie die Arthritis manchmal sehr plagt und sie an Ego-Shootern nicht mehr so viel Spaß hat, weil ihre Reaktionen nicht mehr ganz so schnell sind. Beide sehen kaum fern. Beide besitzen alle aktuellen Videospielsysteme und nutzen sie auch - die Industrie übersieht einen extrem kaufkräftigen Markt, weil sie auf die unter 30-Jährigen starrt.

Weiter zum 2. Teil von "Oma Hardcore im God Mode"

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