Startseite
Sie sind hier: Home > Spiele > Tests & Previews >

Spielend Propaganda machen

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Serious Games  

Spielend Propaganda machen

19.10.2007, 17:21 Uhr | GEE / jr, t-online.de

Kabul Kaboom (Bild: Watercoolergames.com)Kabul Kaboom (Bild: Watercoolergames.com)Kabul Kaboom ist ein eigenartiges Spiel. Es ist gleichzeitig hundsmiserabel und hoch interessant. Die Grafik ist klobig. In wenigen Farben werden fallende Bomben, Hamburger und eine krakelige Spielfigur dargestellt. Die Spielwelt ist eintönig. Vor dem immer gleichen Hintergrund der Kulisse Kabuls müssen wir versuchen, den Raketen auszuweichen und Fleischbrötchen aufzusammeln. Aber es kommt noch schlimmer, denn: Der Spieler verliert immer. Die Bomben und Burger fallen so schnell herunter, dass der Spieler kaum eine Chance hat, zwischen Essensration und sicherem Tod zu unterscheiden und noch rechtzeitig auszuweichen. Die Folge: Oft dauert das virtuelle Leben nur wenige Sekunden. Trotzdem hat Kabul Kaboom etwas zu bieten, mit dem die meisten anderen Games nicht aufwarten können. Es vermittelt dem Spieler anschaulicher und kompakter den bitteren Zynismus des amerikanischen "War on Terrorism" in Afghanistan, als es ein Zeitungsartikel, Film oder Flugblatt könnte. Kabul Kaboom gehört zum Genre der "Serious Games", die versuchen, Argumente und Kritik unter die Leute zu bringen.

GEE-Podcast Splitscreen - Folge 1: Loco Roco
GEE-Podcast Splitscreen - Folge 2: Prey
GEE-Podcast Splitscreen - Folge 3: Scarface
GEE-Podcast Splitscreen Folge 4: Guitar Hero 2
Spiele-Magazin Militärgames: Propaganda in Spielen
#
Schon gemerkt? Mit einem Doppelklick auf jedes beliebige Wort im Artikel gelangen Sie jetzt direkt zum passenden Wikipedia-Eintrag. Klicken Sie sich schlau!

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Watercooler Games-Logo (Bild: Watercoolergames.com)Watercooler Games-Logo (Bild: Watercoolergames.com)Tatsächlich hatten US-Streitkräfte während der Bombardements auf Afghanistan Essensrationen abgeworfen, in denen die uramerikanischen Fast-Food-Brötchen enthalten waren. Durch ein Kunstzitat wird die Botschaft des Spiels noch zugespitzt: Die Spielfigur, die zuerst noch aussah wie eine krakelige Kinderzeichnung, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als ein Motiv aus Picassos Antikriegsgemälde "Guernica": eine schreiende Frau, die ihr totes Kind in den Armen hält. Wird die Frau auf der Suche nach Hamburgern von einer Bombe getroffen, sieht man sie in ein Foto aus dem Afghanistankrieg hineinmontiert - in blutige Stücke zerfetzt und begraben unter Gebäudetrümmern. Ein Sprecher kommentiert das Blutbad zynisch: „Mmmh… yummy!“ Erdacht wurde das Spiel von dem Gamedesigner und Computerspielforscher Gonzalo Frasca. Er gründete gemeinsam mit dem amerikanischen Games-Forscher Ian Bogost die Seite "Water Cooler Games". Dort stellen die beiden nicht nur eigene Kreationen vor, sondern ganz generell Spiele, die versuchen, Weltbilder oder Wissen zu transportieren beziehungsweise infrage zu stellen, Meinungen zu tagespolitischen Geschehnissen zu zeigen oder zu Diskussionen anzuregen. Werbegames stehen hier neben Anti-Diabetes-Spielen, Pazifismus-Games und Spielen über Rassenunruhen.

Spiele-Magazin Rüstige Jäger des Highscores
Spiele-Magazin Horror-Games - Spiel mit der Angst
Spiele-Magazin Zum Fliegen in den Keller gehen

Nie mehr Space Invaders

Invaders 1978 (Screenshot: T-Online)Invaders 1978 (Screenshot: T-Online)Digitale Spiele sind schon lange kein Nischenphänomen mehr. Die Tage, als wir ihnen lediglich in Spielhallen und Kneipen ein paar Münzen opferten, sind lange gezählt. Stattdessen durchdringen sie zunehmend unser Leben, werden zu einem Mainstream-Kulturphänomen. Vom simplen Zwei-Minuten-Minigame über Adventurespiele mit erzählerischem Schwerpunkt bis hin zum MMORPG, das man über Jahre mit Tausenden Gleichgesinnter im Internet spielt, haben Computerspiele sich immer weiter differenziert. Insofern erscheint es ganz logisch, dass sich heute auch "Serious Games" wachsender Beliebtheit erfreuen. All jene, die mit Space Invaders, Pac-Man und California Games aufgewachsen sind, haben heute längst die Pubertät hinter sich gelassen und sind in den Ernst des Lebens eingetaucht. Sie ärgern sich über Steuererhöhungen, den Abbau des Sozialsystems oder die amerikanische Außenpolitik. Dass auch Computerspiele nun anfangen, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen, ist da nur folgerichtig.

Games statt Flugblätter

September 12th (Bild: Watercoolergames.com)September 12th (Bild: Watercoolergames.com)Aber welchen Sinn hat es überhaupt, politische Botschaften in einem Spiel zu äußern, anstatt sie einfach auf Flugblätter zu drucken und zu verteilen? Frasca erklärt: "Ein Vorzug liegt in der Verbreitungsform: Webgames können Ideen viral verbreiten. Auf diese Weise erreichen sie manchmal sogar mehr Leute als kommerzielle Games. Aber auch inhaltlich bieten sie Vorteile. Würde ich einfach sagen: 'In Afghanistan und im Irak Kollateralschäden zu verursachen erhöht zwangsläufig die Zahl der Terroristen', so ist das nur eine Meinung, die andere sich anhören. In einem Spiel aber ist es eine Schlussfolgerung, zu der der Spieler selbst kommt." Und tatsächlich: Wer etwa September 12th, ein anderes "Serious Game" Gonzalo Frascas, spielt, erfährt selbst, wie US-Militärinterventionen und die Zunahme terroristischer Aktivitäten zusammenhängen. Das Spiel bietet eine vollkommen andere Erfahrung des Problems, als einfach auf einem Flugblatt zu lesen: "Amerikanische Bombenangriffe auf Afghanistan gießen nur Öl ins Feuer des islamistischen Terrorismus." In September 12th lenkt der Spieler ein Fadenkreuz über eine orientalisch anmutende Stadt. In deren Straßen tummeln sich Menschen in langen Kaftanen, nur ganz vereinzelt sind dunkel gekleidete "Terroristen" mit Maschinengewehren zu sehen. Der Spieler hat nur eine einzige Handlungsmöglichkeit: mit Langstreckenflugkörpern zu schießen. Oder eben nicht. Die unpräzisen Geschosse treffen zwar nur selten ihr angepeiltes Ziel, verursachen dafür aber fast immer "Kollateralschäden" in Form toter Zivilisten und zerstörter Gebäude. Andere Zivilisten trauern dann um die Toten und verwandeln sich daraufhin selbst in Terroristen. Bombt der Spieler nun alles in Schutt und Asche, so bewegen sich binnen kurzer Zeit fast nur noch Terroristen durch das übrig gebliebene Ruinenfeld.


Spiele-Magazin Schärfer spielen - HDTV für Gamer
Spiele-Magazin Spiele-Lizenzen: FC Unbekannt gegen Bayern München
Spiele-Magazin Ich, der General


Spielend Propaganda machen

September 12th (Bild: Watercoolergames.com)September 12th (Bild: Watercoolergames.com)Dabei ändert die Interaktivität eines Spiels wie 12th September natürlich nichts daran, dass es auch hier vor allem um eins geht: Meinung zu machen. Denn der Spielmechanismus lässt nur ganz bestimmte Schlussfolgerungen zu. Der Spieler kann in September 12th mit seinem militärischen Eingreifen nur scheitern. In dieser virtuellen Welt machen militärische Attacken zwangsweise Zivilisten zu Terroristen, weil der Programmierer es eben so festgelegt hat. Ist damit dieses Computerspiel nicht hochgradig ideologisch vereinfachend? Frasca hält dagegen: "Sicherlich, aber das trifft auf jedes andere Medium, jede Form von Kommunikation ebenso zu. Selbst wenn man einen Editor mitliefert, sind die Modifikationsmöglichkeiten immer noch durch den Designer festgelegt. Freiheit existiert immer innerhalb von Beschränkungen. Und ein Spiel, in dem man tun kann, was auch immer man will, ist kein Spiel mehr."

>>Weiter zu Seite 2 von "Serious Games"

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Brutale Methode 
Therapie mit langer Nadel nichts für schwache Nerven

Diese Behandlung ist garantiert nichts für zartbesaitete Menschen. Video

Anzeige


Anzeige
shopping-portal