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Gemessen mit zweierlei Maß

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Hetzjagd auf Spiele-Entwickler  

Gemessen mit zweierlei Maß

19.10.2007, 17:25 Uhr | Golem.de, dpa / jr, t-online.de

 (Bild: Rockstar, Activision / Montage: T-Online) (Bild: Rockstar, Activision / Montage: T-Online)Zum Auftakt der Entwicklerkonferenz im Vorfeld der Leipziger Spielemesse Games Convention (23. bis 26. August) stand die Gewaltspiel-Debatte und die Auswirkungen auf Computer- und Videospiele im Mittelpunkt. Die Branche fühlt sich durch geltende Jugendschutz-Praktiken ungerecht behandelt. Während man im Kino bei Filmen wie Bonnie & Clyde, Clockwork Orange oder Natural Born Killers Szenen mit hohem Gewaltpotential zeigen dürfe, müssten Spiele-Hersteller solche Szenen bis zur Unkenntlichkeit verfremden, um eine Jugendfreigabe für ihre Produkte zu bekommen. Julian Eggebrecht, Chef der Spieleschmiede Factor 5, sprach in seiner Rede unter dem Titel "No Sex, no Drugs, and little Rock'n Roll - Ratings and Games"gar von einer neue McCarthy-Ära, nur dass diesmal nicht Kommunisten, sondern Spieleentwickler das Feindbild seien.

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Ärger um "sympathische Gewalttäter"

Manhunt 2 (Bild: Rockstar Games)Manhunt 2 (Bild: Rockstar Games)Großes Aufsehen und kontroverse Diskussionen bis Anfeindungen für Regisseure hat es Eggebrechts Beispielen zufolge vor allem dann gegeben, wenn die Hauptdarsteller in Filmen keine positiven Vorbilder, sondern "sympathische" Gewalttäter waren, wie etwa in Reservoir Dogs. Trotz der Aufregung sei dabei die Gewaltdarstellung jeweils gar nicht so ausufernd gewesen - und die Einstufung in der Regel später nach unten korrigiert worden. Auch um das von Rockstar entwickelte und mittlerweile verschobene Spiel Manhunt 2 gibt es im Vorfeld viel Aufregung. Hier schlüpft der Spieler in die Rolle eines Todeslisten-Kandidaten, der allerlei andere Bösewichte ausschalten muss, um sein eigenes Überleben zu sichern. "Wenn wir uns als Kunstform betrachten, dann müssen wir auch die dunkleren Seiten nutzen können. Wenn das in Filmen möglich ist, warum dann nicht auch in Spielen?", fragt Eggebrecht.

Kein Mut mehr zu Mods

GTA San Andreas (Bild: Take2)GTA San Andreas (Bild: Take2)Gespielt hat Manhunt 2 noch keiner der Kritiker, auch Eggebrecht hat es noch nicht selbst gesehen. Er nimmt es dennoch als Beispiel her und bezeichnet die Entwicklung als erschreckend. Die Anfeindungen in Richtung Spielebranche erinnern ihn an die McCarthy-Ära mit ihrer verrückten Kommunistenjagd. Aus Angst vor Repressalien habe Factor 5 beim gerade in den USA veröffentlichten Drachen-Actionspiel Lair auf eine Hot Coffee Mod-Anspielung verzichten müssen. Wer einen 16-stelligen Code eingab, sollte eigentlich ein hochauflösendes Video einer Factor-5-Kaffeemaschine zu Gesicht bekommen. Das ursprüngliche Hot Coffee Mod schaltete im Action-Spiel Grand Theft Auto: San Andreas versteckte Sex-Szenen frei, bei denen die angekleideten Spielfiguren sexuelle Posen einnahmen - zu sehen war aber letztlich nichts. Dennoch wurde das Thema sogar zu einem Politikum hochgespielt, da das Spiel nicht nur Gewalt, sondern auch Sex zeige - der Publisher Take 2 wurde deswegen sogar von der US-Handelskommission unter die Lupe genommen. Über die Ermittler mache man sich Eggebrecht zufolge besser nicht lustig, aus dem Kaffeemaschinenvideo wurde so also nichts.

Schere im Kopf

Prüfsiegel der USK (Montage: T-Online)Prüfsiegel der USK (Montage: T-Online)Dass Sex keine Rolle in Spielen spielt, zeigt auch der Titel von Eggebrechts Rede: "No Sex, no Drugs, and little Rock'n Roll - Ratings and Games", obwohl es sich um ein menschliches Bedürfnis handle. Essen hingegen werde in Spielen sehr wohl thematisiert. Wer jedoch Spiele mit Gewalt und Sex entwickle, könne mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie nicht in den Handel kämen - sowohl in den USA als auch in Europa. Auch hier würden Spiele und Filme nicht als gleichwertig betrachtet - Filme wie Eyes wide shut oder Basic Instinct wären als Spiele gar nicht denkbar. Solange Spiele als Spielzeug für Kinder betrachtet werden, wird sich daran auch nichts ändern. "Spiele werden immer noch nicht als Kunstform gesehen, nicht einmal von unseren eigenen Alterseinstufungssystemen." Es sei Zeit, aufzuwachen, so Eggebrecht und fordert "beweist mir, dass dies eine Kunstform ist, forciert Gewalt, forciert Sex." Allerdings auf eine Weise, die sein Hirn zum Denken anrege, fügt der Spieleentwickler hinzu. Eggebrecht setzte sich für ein differenzierteres Rating-System ein, das zwischen den Polen Jugendlicher und Erwachsener mehr Abstufungen als bisher verfügbar bereit hält: "Dies würde unsere Arbeit als Designer sehr vereinfachen."

Crytek droht mit Weggang

Die große Anspannung in der deutschen Entwickler-Szenen dokumentiert auch ein Statement des größten deutschen Videospiele-Entwicklers Crytek. Die Firma droht mit dem Weggang ins Ausland, sollte es zu einem Herstellungsverbot von sogenannten "Killerspielen" kommen. "Wir würden Deutschland verlassen", sagte Firmen-Mitgründer Avni Yerli vor Beginn der Leipziger Branchenmesse Games Convention ). Crytek hat bereit konkrete Ausweichpläne. "Budapest ist eine schöne Stadt. Dort haben wir schon eine Niederlassung", so Yerli. Zudem würden regelmäßig Wirtschaftsministerien aus anderen Ländern anklopfen. "Vor allem England, Schottland, Österreich und Singapur sind sehr aktiv".

Ab nach Budapest

Bekannt geworden war Crytek durch den Ego-Shooter Far Cry, in dem feindliche Söldner getötet werden müssen. Davon verkaufte das Unternehmen 2,5 Millionen Exemplare zu je rund 45 Euro. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hatte die erste Far Cry-Version auf ihre Schwarze Liste gesetzt. Crytek entschärfte das Spiel daraufhin. Auf der Games Convention wird Crytek diese Woche seinen neuen Ego-Shooter Crysis vorstellen. Das Entwicklungsbudget wird mit mehr als 16 Millionen Euro angegeben. Das Frankfurter Unternehmen beschäftigt rund 130 Mitarbeiter aus 27 Ländern.

Abwanderung einer Zukunftsbranche?

Videospiele gelten als wichtige Zukunftsbranche. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft PWC wird der Markt von 31,6 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr auf 48,9 Milliarden Dollar bis 2011 wachsen. Vor allem England und Frankreich hatten einheimische Unternehmen deswegen zuletzt stark gefördert. Durch einen Wegzug von Crytek würde Deutschland den Anschluss an die Weltspitze verlieren, da es derzeit kein weiteres, international wettbewerbsfähiges Spielestudio gibt. Von politischer Unterstützung für die Spiele-Branche kann derzeit nicht die Rede sein. Die Innenministerkonferenz (IMK) der Länder hatte sich Ende Mai erstmals einstimmig für ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot gewalttätiger Computerspiele ausgesprochen. Das federführende Bundesfamilienministerium arbeitet derzeit allerdings an einem weniger drastischen Jugendschutz-Gesetzentwurf. Statt wie bislang "gewaltverherrlichende" Spiele sollen künftig auch "gewaltbeherrschte" Spiele durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert werden. Diese dürften dann nicht mehr beworben und an Jugendliche verkauft werden.

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