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Warum viele Titel nie auf unserer Festplatte landen

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Zu hart für Deutschland  

Warum viele Titel nie auf unserer Festplatte landen

19.10.2007, 17:25 Uhr | Medienagentur plassma / tz

Dr. Spieler, erklären Sie bitte, wie ein Spiel zu seiner Alterseinstufung kommt.

Unsere Tester erhalten ein Beta-Exemplar vom Publisher. Uns ist hierbei besonders wichtig, dass Leute diese Games spielen, die auch wirklich eine Leidenschaft für das Medium mitbringen, ein bisschen Ahnung von Pädagogik haben und eine bestimmte moralische Integrität aufweisen. Der Tester erstellt dann eine Präsentation für das Gremium, dem grundsätzlich auch ein Mitglied der Landesjugendbehörde beiwohnt. Unsere Tester zeigen dann möglichst viele Facetten des Spiels, wobei die Mitglieder des Gremiums ermuntert werden, auch selbst zum Gamepad zu greifen und in die virtuelle Welt abzutauchen. Anschließend folgt eine Diskussion, und per demokratischen Mehrheitsentscheid wird das Rating festgelegt.

Sie sprechen von einer bestimmten Moral. Können Sie uns ein Beispiel geben? Aber wann muss Gewalt verboten werden?

Wir versuchen uns in die Konsumenten der verschiedenen Altersschichten hineinzudenken. Man muss Gewalt immer im Kontext bewerten. Es gibt zum Beispiel Spiele, in denen ich auf Personen schieße, die allerdings in eine fantastische, märchenhafte Welt eingebettet sind, so zum Beispiel Star Wars. In einem solchen Fall ist eine Freigabe ab 12 Jahren sinnvoll. Ego-Shooter hingegen stellen meist Gewalt dar, wenn diese allerdings nicht verherrlicht oder besonders effektvoll in Szene gesetzt wird, ist eine Einstufung ab 16 oder 18 Jahren begründbar. Jugendgefährdende Spiele bekommt keine Einschätzung, weil sie möglicherweise indiziert werden könnte. Zur Indizierung, also dem Verbot der Weiterverbreitung, ist allerdings nur die Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Medien (BPjM) als staatliches Organ berechtigt. Diese haben etwa 2001 unser Gutachten zu Return to Castle Wolfenstein angefordert und das Spiel dann auf Basis von  §130 StGB indiziert.

Viele Spiele schaffen es nicht auf den deutschen Markt, beispielsweise der mehrfach prämierte Xbox-360-Shooter Gears of War.  Das führt nicht selten zu Verbalangriffen gegen die USK. Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?

Solche Situationen gibt es immer wieder. Allerdings haben wir meist gar keine Schuld, dass ein Titel nicht in Deutschland erscheint. Im Fall von Gears of War haben wir Microsoft unser Gutachten geschickt. Wenn der Entwickler das Spiel entsprechend überarbeitet hätte, wäre höchstwahrscheinlich eine Freigabe ab 18 Jahren erreicht worden. Entwickler Epic wollte allerdings die Kettensäge und die detailreiche Darstellung der Gewalt nicht ändern, und so hat Microsoft den Titel nicht in Deutschland veröffentlicht. Das ist im Übrigen der Grund, warum die meisten Spiele es nicht nach Deutschland schaffen.

Deutschland hat den härtesten Jugendschutz Europas. Warum sind unser Maßnahmen im internationalen Vergleich so auffallend hart?

Ich nenne das gerne Kultureffekt. Es mag sich hart anhören, aber sehr viele Menschen in Deutschland haben Männer mit Gewehren wegfahren sehen, die nie wieder gekommen sind. Der zweite Weltkrieg hat unsere Nation fast ausgelöscht. Diese historischen Ereignisse sind für viele Politiker noch heute präsent, deshalb umfassen unsere Gesetze eine besondere Sensibilität gegenüber Gewalt und Krieg. So hat sich der Jugendschutz in Deutschland ein bisschen zu stark auf das Gewaltproblem fixiert. In den USA hingegen werden in erster Linie Spiele indiziert und auch verboten, weil sie Sex-Sequenzen beinhalten. Das kommt uns leicht prüde vor, da heutzutage quasi jeder Kinofilm irgendeine Bett-Szene beinhaltet. Bei James Bond gehören die Bond-Girls ja schon fast dazu. Im Gegensatz zeigten die Entwickler jüngst auf der E3-Messe in Los Angeles aber immer brutalere Spiele, das ist also einfach eine Sache der Kultur.

In Deutschland beherrscht die „Killer-Spiel“-Debatte die Boulevard-Presse. Insbesondere einige Aussagen von bayrischen Politikern richten sich eindeutig gegen die große Gemeinde der Gamer. Bei Amokläufen rücken oftmals zuerst Ego-Shooter als Auslöser ins Rampenlicht. Wie denken Sie, können Spieler eine breitere Akzeptanz in der Gesellschaft gewinnen?

Ich bin selbst leidenschaftlicher Spieler und muss mir nicht selten diese Vorwürfe anhören. Ich denke, wir müssen eine Art kulturelle Kontrolle erreichen. Das bedeutet, dass wir irgendwann mit dem Medium Computerspiel genau so natürlich umgehen können wie mit Büchern, Radio oder Fernsehen. Letztendlich ist das aber nur eine Frage der Zeit. Denn die kommende Generation der Politiker wird selbst mit Videogames aufgewachsen sein. Herr Dr. Beckstein würde vermutlich nie einen Action-Film verteufeln, weil er damit groß geworden ist. Genau so wird die heutige Generation eben mit Computerspielen sozialisiert. Leider machen es sich Verantwortliche häufig sehr leicht, wenn sie eine Entscheidung für oder wider ein Medium treffen müssen. In Zeiten Goethes gab es den Vorwurf, dass „Die Leiden des jungen Werthers“ junge Menschen zum Selbstmord animieren könnte. Heutzutage wird das Werk ganz selbstverständlich in der Schule gelesen. So ähnlich wird es höchstwahrscheinlich auch mit Computer-Games weitergehen. Das können Sie mich ja in 20 Jahren nochmal fragen.

Herr Spieler, vielen Dank für das Gespräch.



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