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Völker, seht die Signale

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Spiele-Hardware in der DDR  

Völker, seht die Signale

01.10.2008, 16:28 Uhr | CSW Verlag, Boris Kretzinger / jr, t-online.de

Spiele-Hardware in der DDR (Bild: t-online.de)Spiele-Hardware in der DDR (Bild: t-online.de)Was haben Atari, Commodore und Nintendo gemeinsam? Ihre Konsolen und Computer prägten eine ganze Generation von Spielern diesseits des Eisernen Vorhangs. Als Nolan Bushnell es Anfang der 70er für eine gute Idee hielt, einen simplen elektronischen Tischtennisspielautomaten namens Pong in Kneipen aufzustellen und damit einen Boom auslöste, galten Videospiele und Spielhallen im sozialistischen Osten als kapitalistisches Teufelszeug. Doch die Computerspiele-Welle war so mächtig, dass man sich dem auch im Osten nicht mehr entziehen konnte.

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Befehl von oben

Die Herstellung einer Volksspielkonsole wurde zur Chefsache erklärt, und 1980 lieferte nach kurzer Entwicklungszeit das Kombinat RFT (Rundfunk und Fernsehtechnik) das allein wegen seiner Namensgebung sehr an realsozialistische Planerfüllung erinnernde "Bildschirmspiel 01" (BSS01). Die schlicht wirkende Konsole enthielt mehrere Spiele, die man zu zweit mittels Pong-typischen Bediengeräten mit Drehknöpfen spielen konnte: Tennis, Fußball, Squash und Pelota wurden geboten. Das 500 Mark teure Gerät konnte sich allerdings kaum ein Bürger im Arbeiter- und Bauernstaat leisten, weswegen man den "Ost-Atari" breitflächig an Jugendzentren und Freizeiteinrichtungen lieferte. Dort ging er als kleine Sensation durch und wurde von den Jugendlichen dankbar und ausgiebig gespielt.

Geheimsache "BSS"

BSS01 (Bild: old-computers.com)BSS01 (Bild: old-computers.com)Aufgrund des seit 1950 bestehenden Technologie-Embargos vieler westlicher Länder, das besonders Militärtechnik und später Mikroelektronik betraf, war es für den Osten schwierig, technologisch den Anschluss zu halten. So war es gang und gebe, dass Agenten westliche Testmuster und Schaltkreise in die DDR schmuggelten, wo sie untersucht und falls möglich kopiert wurden. Im Falle des BSS 01 war es ein Chip von General Instruments, der vor den Verantwortlichen auf dem Tisch lag. Der unscheinbare kleine Fremde war das Herz von zahlreichen westlichen Pong-Konsolen. Er konnte unter Umgehung des Embargos importiert, aber mangels entsprechender Verfahrenstechnik nicht nachgebaut werden. Eine Alternative aus zig TTL-Schaltungen kam wegen des Kostenaufwands nicht in Frage. Daher entschied sich die politische Führung für den Import. Das BSS 01 ging schließlich 1980 in Produktion, wurde jedoch nach Fertigung von etwa 1000 Konsolen wieder eingestellt. Man hatte einen Weg gefunden, einen der erfolgreichsten westlichen Mikroprozessoren zu kopieren. Damit hatten sich die Prioritäten verschoben: Mikrocomputer standen nun auf dem Plan.

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"U880" taucht auf

Anfang der 80er Jahre schafften im Westen kleine Heimcomputer von Sinclair und Commodore die Schallmauer von einer Million verkaufter Einheiten, nicht zuletzt dank ihrer günstigen Prozessoren. Einer davon, Zilogs Z80-CPU, werkelte als Siliziumherz in vielen Arcade-Automaten, Heimcomputern und Konsolen und beeindruckte auch Ingenieure jenseits der Mauer. 1980 gelang dem VEB Mikroelektronik "Wilhelm Pieck" in Mühlhausen der Nachbau unter dem Namen U880, der fortan das Herz der meisten DDR-Computer wurde. Wie im Westen auch entstanden zunächst Einplatinencomputer rund um den neuen Prozessor, mit denen sich auf abstrakter Ebene experimentieren und arbeiten ließ. LC80 und VCS80 waren die bekanntesten, gingen allerdings erst 1984 in Serie und wichen wenig später dem ersten echten Heimcomputer der DDR.

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Erfolgskonzept Kleincomputer

Heimcomputer KC 85 (Bild: Wikipedia.de)Heimcomputer KC 85 (Bild: Wikipedia.de)Die Geburtsstätte des U880 brachte 1984 den ersten Heimcomputer der DDR hervor. Sein Name: KC85 (Kleincomputer 1985). Er basierte auf der U880-CPU mit 1,76 MHz Taktfrequenz und 16 KB RAM. Wie seine Pendants im Westen bot er einfache Bedienung dank integrierter BASIC-Programmiersprache. Als Betriebssystem fungierte ebenfalls ein alter Bekannter aus dem Westen, jedoch in abgewandelter Form: CP/M-80. Die Nachfrage von staatlichen Einrichtungen wie Militär und Bildungszentren verzögerte die Belieferung der Heimanwender, für die der Computer eigentlich konzipiert war. Diskettenlaufwerke gab es erst für die zweite KC-Serie, doch nicht zuletzt wegen des hohen Preises (70 DM für eine 5,25-Zoll-Diskette) blieben Kassetten die Hauptdatenträger unter Heimanwendern. Das Eingeben längerer Programme geriet auf der Taschenrechnertastatur zur Qual, zudem wurden die Zeichen nur mit Verzögerung auf dem Fernseher ausgegeben. Trotz alledem und einem Preis von etwa 4500 Mark (beinahe halb so teuer wie ein schmuckloser Trabant) wurde der KC85 ein Erfolg. Und einen großen Vorteil zum Westen hatte die ostdeutsche Computerszene immerhin: Spiele und Anwendungen durften straffrei kopiert und weiterverbreitet werden.

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Spiel mit!

Polyplay Arcade-Spielautomat (Bild: Thomas Schenk)Polyplay Arcade-Spielautomat (Bild: Thomas Schenk)Videospiele genossen in der DDR einen besseren Ruf als in Westdeutschland. Während hier besorgte Eltern und auf Wählerstimmen bedachte Politiker Videospielautomaten als jugendgefährdend ins gesellschaftliche Abseits zu stellen versuchten, verlief der Trend "drüben" genau in die andere Richtung: Der Videospielautomat begann seinen Siegeszug vor allem in Freizeit- und Bildungseinrichtungen. Einige repräsentative Exemplare durften natürlich auch im Palast der Republik nicht fehlen. An Kritik gegenüber den dekadent-westlichen, Gewalt verherrlichenden Videospielen fehlte es dennoch nicht. Im heutigen Chemnitz legten 12 Jugendliche im VEB Polytechnik innerhalb von 12 Monaten den Grundstein für ein Stück Videospielgeschichte: den einzigen Arcade-Automaten der DDR. Die Sperrholzverkleidung des Kabinetts wirkte beinahe Wohnzimmertauglich, der Preis war es nicht: rund 30.000 Mark kostete das Polyplay samt integrierter acht Spiele.

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Münzwurf

Die Anlehnung an die westliche Automatenwelt ging sogar so weit, dass man einen Münzeinwurf einbaute. Dicht gedrängt standen die Jugendlichen vor den großen Kisten und waren bereit, ihr in 50-Pfennig-Stücke gewechseltes Taschengeld für ein paar Runden digitaler Daddelei zu investieren. Gespielt wurden teilweise Kopien westlicher Erfolgstitel: Statt Pac-Man spielte man Hase und Wolf, statt Ataris Gran Trak 10 eben Autorennen. Aber auch Eigenentwicklungen wie Hirschjagd oder Schießbude sorgten für beträchtlichen Spaß.

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Game Over

Mit der Wende kam das Aus für die Kleincomputer und Polyplay-Automaten. Leistungsfähigere und preiswertere westliche Computer strömten auf den Markt und feierten hier ihre Erfolge. Der KC85 sollte als modifizierter Tastaturcomputer KC compact auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen konkurrenzfähig sein, schaffte den Sprung aber genauso wenig wie das Polyplay, von dessen geschätzten 2000 Exemplaren heute nur noch eine Handvoll existieren.

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