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Zwischen den Fronten (2)

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Zwischen den Fronten (2)

12.02.2009, 12:18 Uhr | GEE / Tim Rittmann, t-online.de

Blut ist nicht gleich Blut

Ein Testraum der USK (Bild: Nina Lüth)Ein Testraum der USK (Bild: Nina Lüth)„Was jugendschutzrelevant ist, erschließt sich einem erst mit der Zeit“, sagt der 28-jährige Politikstudent, „wir haben zur Orientierung aber die 'Sichterbibel'. Das ist ein riesiges Dokument, in dem steht, worauf wir zu achten haben.“ So ist spritzendes Blut nicht gleich spritzendes Blut. „Mal klatscht es auf den Boden und spritzt an die Wand, mal löst es sich schon in der Luft auf“, sagt Rostalski. Die Gutachter wollen später wissen, ob man auf bereits eliminierte Gegner schießen kann, ob sie noch zucken und ob unbeteiligte Figuren in einen Kampf einbezogen werden können. Kann sich ein Spieler - wie im Rollenspiel Fable 2 - zwischen Heldentum und Schurkendasein entscheiden, ist der Tester angehalten, die böseste Option zu wählen. Er soll das Übel aus dem Spiel herauskitzeln und es in Einzelteile zerlegen.

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Wo der Spaß aufhört

Gears of War 2 (Bild: Epic)Gears of War 2 (Bild: Epic)Marek Klingelstein, 33, überwacht als Leiter des Testbereichs die Demontage der Illusionen. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Kommunikation mit den Herstellern. „Deren Angst ist natürlich groß, dass sich ein Multi-Millionen-Dollar-Projekt auf den letzten Metern die Beine bricht“, sagt Klingelstein, „deswegen legen sie alles offen. So etwas wie 'Hot Coffee' wird es nicht mehr geben.“ Vor drei Jahren hatten die Programmierer im Quellcode des Games GTA: San Andreas ein kleines Sex-Spielchen versteckt, das mit einer online verfügbaren Software-Modifikation freigeschaltet werden konnte. Obwohl es sich um eine eher harmlose Anzüglichkeit handelte, wurde das Spiel in Australien und den USA aus dem Handel genommen und musste durch eine entschärfte Version ersetzt werden. In Deutschland löste die dort hitzig geführte Debatte Heiterkeit aus. Doch was hier belächelt wird, ist anderswo ein Ärgernis - und umgekehrt: Der Verkauf des Egoshooters Call Of Duty: World At War ist hierzulande nur an Volljährige gestattet, obwohl das Spiel bereits für den deutschen Markt modifiziert wurde. In den USA erhielt es ungeschnitten die Freigabe ab 17 Jahre, in Großbritannien sogar ab 15 Jahre. „Spiele wie Dead Rising, in denen Zombies mit Sonnenschirmen und Einkaufswagen umgemäht werden, laufen in England unter Humor. Bei uns sind sie verboten“, sagt der dreifache Vater Klingelstein.

Spielraum beim Bewerten

Resistance 2 (Bild: Sony)Resistance 2 (Bild: Sony)Tatsächlich zeigen sich Hilse und Grashof bei der Festlegung von Bewertungskriterien eher humorlos. Ein künstlerisch ambitioniertes Spiel wie Mad World, das comic-hafte Gewalt in stilisierter Schwarzweiß-Grafik zeigt, würde genauso behandelt werden wie Brothers in Arms 3, dessen Bilder von Gefechten überaus realistisch wirken. Mildernde Umstände erhalten allenfalls Spiele, bei denen Gewalt genrebedingt unumgänglich ist: „Spieler wollen glaubwürdige Szenarien. Spielen sie ein Entchenspiel, wollen sie keine Zombie-Entchen, sondern echte Entchen“, sagt Christine Schulz, die Leiterin der USK, „in einer Zombiewelt hingegen sollen sich Zombies auch wie Zombies benehmen.“ Die Gremien der USK können Entscheidungen zwar nur in einem rechtlich eng abgesteckten Rahmen treffen, haben aber durchaus Spielraum bei der Bewertung.

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Vertrauen in erwachsene Spieler

Jürgen Hilse und Lidia Grashof (Bild: Nina Lüth)Jürgen Hilse und Lidia Grashof (Bild: Nina Lüth)Beim Töten von menschlichen oder menschenähnlichen Spielfiguren und beim Abtrennen von Gliedmaßen hört der Spaß allerdings auf. Nur weil im Horror-Shooter Dead Space bloß Aliens und keinen Humanoiden die Arme und Beine weggeschossen werden, bekam das Spiel überhaupt eine Kennzeichnung, natürlich ab 18 Jahre. Und das auch erst nach zweimaligem Einspruch von Publisher Electronic Arts. Das ist, was Jürgen Hilse mit „Spruchpraxis“ meint: die Anwendung der Bewertungskriterien unter Berücksichtigung individueller Gegebenheiten. „Wenn Spiele in sehr fiktiven Genres wie Horror oder Science-Fiction angesiedelt sind“, sagt er, „bewerten wir auch, ob es Distanzierungselemente gibt, die so stark sind, dass ein Kriterium abgeschwächt oder aufgehoben werden könnte.“ Die Staatsvertreter trauen erwachsenen Spielern also zu, Gewalt in unrealistischen Szenarien als unrealistisch zu erkennen.

Das Problem der Siegel-Größe

Resident Evil 5 (Bild: Capcom)Resident Evil 5 (Bild: Capcom)Damit Spiele nicht in zu junge Hände geraten, trägt jedes Spiel eine USK-Kennzeichnung. Rot auf dem Cover signalisiert: Vorsicht! Erst ab 18, keine Jugendfreigabe gemäß Paragraf 14 Jugendschutzgesetz. Das blaue Siegel zeigt die Eignung für Jugendliche ab 16 Jahre an. Spiele mit grünem Siegel können 12-Jährigen unbedenklich in die Hand gegeben werden und solche mit gelber Plakette sogar 6-Jährigen - insofern man diese überhaupt schon spielen lassen möchte. Und das entscheidet nicht die USK. Denn die Befugnis des Staates endet an der  Wohnungstür. Zwar kennen laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest mehr als 80 Prozent der Jugendlichen die USK-Siegel - ihre Eltern jedoch, so das Hamburger Hans-Bredow-Institut, haben die Kennzeichen früher kaum wahrgenommen. Das war ein Grund, die Altershinweise auf den Produktverpackungen vergrößern zu lassen. Viele Spieler waren zwar empört, dass die zweckdienlich gestalteten Siegel nun ihre Spielecover verschandeln, diesen Einwand jedoch wollen die Ständigen Vertreter bei der USK nicht gelten lassen: „Erst seitdem die Siegel so groß sind, wird vermehrt darüber diskutiert“, sagt Grashof, „es gibt eine große Zahl von Erwachsenen, die verstärkt darauf achten, allein weil sie nun größer sind.“ Und, fügt sie hinzu: „Die Leute werden sich daran gewöhnen.“

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Mehr als Warnen geht nicht

Die Tester Benjamin Rostalski und Robert Meirich (Bild: Nina Lüth)Die Tester Benjamin Rostalski und Robert Meirich (Bild: Nina Lüth)Trotzdem werden auch 12-Jährige weiterhin Egoshooter spielen. Den Stoff bekommen sie von Freunden, älteren Brüdern, von Einzelhändlern und ihren Erziehungsberechtigten. „Einige Eltern sind so stolz auf ihre Kinder, dass sie denken, sie bräuchten den komischen Jugendschutz nicht“, sagt Christine Schulz, „aber wenn ich mir vorstelle, dass 10-Jährige Call Of Duty 5 spielen, wird mir schlecht.“ Doch mehr als informieren kann die USK nicht: Broschüren werden für Elternabende gratis verschickt, in ihrer Online-Datenbank ist jedes in Deutschland erschienene Spiel samt Kennzeichnung aufgeführt. „Wir können nur rufen 'Achtet auf die Kennzeichen'“, sagt die USK-Chefin. „Es ist allerdings frustrierend, wenn man weiß, dass man eine gewisse Kommunikation nicht hinkriegt.“ 

Im Zentrum eines erbitterten Streits

Stalker: Clear Sky (Bild: GSC Gameworld)Stalker: Clear Sky (Bild: GSC Gameworld)Kommunikation - darum dreht sich alles. Und um Wissen. Vor allem daran scheint es auch in der Debatte über die Arbeit der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle zu fehlen. Verlangt die Politik mehr Staat, verkennt sie, dass die USK die gesetzlich getroffenen Regelungen bereits mithilfe von Staatsvertretern umsetzt. Wird kritisiert, dass von der USK verabschiedete Kennzeichnungen durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht mehr aufgehoben werden können, wird nicht beachtet, dass beide Prüfstellen bereits Hand in Hand arbeiten. Bei Gegnern wie dem Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, munkeln nicht nur Spieler, er wolle ihre Aufgaben und die damit verbundenen Fördergelder und Prüfungsgebühren selbst übernehmen. Dieser Streit wird 2009 zweifellos mit unverminderter Schärfe fortgeführt werden. Und die USK wird wieder mittendrin stehen.

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