Startseite
Sie sind hier: Home > Spiele > News >

Ego-Shooter zum Todesstreifen: Grenzwertiges Spiele-Projekt

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Grenzwertig: Ego-Shooter zum Todesstreifen

30.09.2010, 16:08 Uhr | vb / ams, dpa, dapd

Ego-Shooter zum Todesstreifen: Grenzwertiges Spiele-Projekt. 1378 (km) (Bild: Jens Stober)

1378 (km) (Bild: Jens Stober)

Ein "Republikflüchtling" rennt um sein Leben. Als er durch ein kleines Loch im Sperrzaun schlüpft, rufen DDR-Grenzsoldaten: "Halt oder wir schießen". Der Grenzwächter Jens Stober gibt vier Schüsse ab. Als sich der vierte Schuss aus dem Sturmgewehr AK-47 in den Rücken des flüchtenden Mannes bohrt, fällt dieser tot ins Gras. Zum Glück stammt diese Szene nur aus einem Spiel namens "1378 km" und der Student Jens Stober ist in Wirklichkeit lediglich virtuell in die Rolle eines Grenzsoldaten geschlüpft. Der 23-Jährige hat zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung das kostenlose Computerspiel als Mod für Half-Life 2 entwickelt - einen Ego-Shooter der besonderen Art, der nicht ohne Kontroverse aufgenommen wird. Inzwischen wurde sogar Anzeige erstattet.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gendenkstätte in Hohenschönhausen, hat bei der Berliner Staatsanwaltschaft Anzeige wegen verharmlosender Gewaltdarstellung gestellt. Nun wird auch auf juristischem Wege geklärt werden müssen, ob Stober mit seinem Spiel zu weit gegangen ist und er gegebenenfalls rechtliche Konsequenzen zu fürchten hat. Auch die Landesmedienanstalt Stuttgart will "1378 km" einer Prüfung unterziehen. "Wir werden uns das Spiel anschauen und es nach Kriterien des Jugendschutzes bewerten", sagte ein Sprecher am Mittwoch. Sollte es zu beanstanden sein, könne entweder eine Altersbeschränkung verhängt oder das Spiel auch ganz verboten werden.

Das Töten verhindern

Das Spiel mit dem nüchternen Titel "1378 km" ist ein so genanntes Serious-Game, der Macher will andere Jugendliche zum Nachdenken über die DDR und den Schießbefehl anregen. Der 23-Jährige kam auf diese Idee, obwohl er selbst keine persönlichen Erfahrungen mit der DDR gemacht hat. Historiker sowie die Bundesstiftung Aufarbeitung halten indes das Thema für zu sensibel, als dass es sich für ein Spiel eignen könnte. Jens Stober hat, um Jugendliche mit dem Thema vertrauter zu machen, Infotexte in sein Spiel eingebaut. "Auf den ersten Blick sieht es wie ein normaler 3-D-Ego-Shooter aus - in meinem Spiel sind aber auch Mechanismen eingebaut, die das Töten verhindern", erklärt der Entwickler.

Auch Soldaten können fliehen

"1378 (km)" spielt im Jahr 1976, als es noch die DDR und die etwa 1378 Kilometer lange innerdeutsche Grenze mit Patrouillen und Selbstschussanlagen gab. Die Spieler teilen sich vor Spielbeginn in zwei Teams auf, spielen "Republikflüchtlinge" oder Grenzsoldaten. Die Flüchtenden müssen Sperrzäune, Panzersperranlagen und einen weiteren Stacheldrahtzaun mit Selbstschussanlagen überwinden, um aus der DDR in den Westen zu fliehen. Die Grenzsoldaten sollen die Flüchtlinge stoppen - mit oder ohne Waffengewalt. Wer zu viele Flüchtlinge abschießt, wird zuerst mit einem Orden ausgezeichnet, findet sich dann aber im Jahr 2000 auf der Anklagebank eines Mauerschützenprozesses wieder. Im Spiel wählt Stober öfter die Rolle eines Grenzsoldaten, da dieser mehr Möglichkeiten als ein Flüchtling hat: Die Soldaten können nicht nur schießen oder die Flüchtlinge lebend verhaften, sondern haben auch die Möglichkeit, selbst zu versuchen, aus der DDR zu fliehen.

Befehl gegen Moral

"Spannend ist, wie die anderen Spieler auf der Seite der Grenzsoldaten darauf reagieren würden", sagt Stober. Folgen sie ihrem Schießbefehl? Stober ist froh, solche Entscheidungen nicht im realen Leben fällen zu müssen. Er stelle sich die Situation als wirklicher Grenzsoldat sehr schwierig vor - einerseits wolle man keinen Menschen töten, andererseits habe man als Soldat den Befehl zum Schießen. Wer den Schießbefehl missachtet habe, sagt der Diplom-Student an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, habe damit rechnen müssen, bestraft oder degradiert zu werden. Nach Auffassung der Vereinigung der Opfer des Stalinismus ist jedoch das Schießen auf Menschen in jedem Fall eine Grenzüberschreitung, die mit keinem Befehl gerechtfertigt werden könne. Soldaten würden es sich zu einfach machen, das Töten mit Befehlen zu rechtfertigen, betont die Organisation stets.

Lob für ein schwieriges Thema

Bei der Entwicklung des Spiels sei der zeitaufwendigste Teil die Recherche gewesen, erläutert Stober, der keine familiären oder persönlichen Beziehungen zur ehemaligen DDR hat. Er habe in den vergangenen elf Monaten zahlreiche Bücher gewälzt, Satellitenbilder in den PC übertragen und sei zu Grenzanlagen nach Fulda gefahren. Dort ist ihm aufgefallen, dass sich der Stacheldraht immer zur DDR-Seite und nicht in Richtung des "Klassenfeindes" neigte. Michael Bielicky, der als Professor of Media Art Jens Stober betreut, lobt seinen Studenten. Das Spiel sei ein Modell für die ganze Gaming-Abteilung, die an der Hochschule derzeit aufgebaut werde. Stobers Art, das schwierige Thema anzupacken, bezeichnet Bielicky als raffiniert.

"Buchstäblich grenzwertig"

Neben der gestellten Anzeige kommt auf Stober auch eine Menge Kritik wegen seines Spiels zu. Hans-Hermann Hertle, Leiter der Forschungen zu den Toten an der Berliner Mauer am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, findet die Idee des Spiels eher ungeeignet und "geschmacklos". Gedenkstätten und die Internetseite "Chronik der Mauer" seien geeignetere Mittel, aufzuklären. Die Bundesstiftung Aufarbeitung ist laut ihrem Sprecher skeptisch, ob die didaktischen Bemühungen der Herausgeber dieses Spiels wirklich greifen, wenn Kinder und Jugendliche dazu eingeladen werden, "Grenzverletzer" zu erschießen. Die Stiftung begrüße zwar alle Bemühungen, die Geschichte der SED-Diktatur, insbesondere ihres Grenzregimes Jugendlichen zu vermitteln. Ein Spiel, in dem geschossen werde, erscheine allerdings "buchstäblich grenzwertig", erklärte Sprecher Dietrich Wolf Fenner.

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Amateur am Werk 
Ungeschickter Bauarbeiter löst Kettenreaktion aus

Es kommt wie es kommen muss. Zum Glück kam der Mann noch einmal glimpflich davon. Video

Anzeige


Anzeige
shopping-portal