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"Crysis 2"-Erfinder: Drei Väter und ein Shooter

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Drei Väter und ein Shooter

28.03.2011, 10:07 Uhr | Christian Stöcker / vb, Spiegel Online

"Crysis 2"-Erfinder: Drei Väter und ein Shooter. Crysis 2 Ego-Shooter von EA für PC, PS3 und Xbox 360 (Quelle: Electronic Arts)

Crysis 2 Ego-Shooter von EA für PC, PS3 und Xbox 360 (Quelle: Electronic Arts)

"Crysis 2" soll ein Blockbuster werden. Der neue Hightech-Ego-Shooter wurde in Frankfurt am Main erfunden, in der Firma dreier türkischstämmiger Brüder. Sie führen ihr Studio als international ausgerichtetes Unternehmen, in Deutschland stehen ihre Produkte jedoch noch immer unter Generalverdacht.

Weltmarkt im Blick

Es gibt Fragen, die beantworten Hersteller von Computerspielen vor der Markteinführung so gut wie nie. Eine davon ist: "Wie viel Stück werden Sie denn verkaufen?" Bei den Yerli-Brüdern, den Gründern von Deutschlands erfolgreichstem Entwicklungsstudio für Highend-Videospiele, ist vieles etwas anders. Auf die Frage nach den erwarteten Verkaufszahlen antwortet Avni Yerli wie aus der Pistole geschossen: "Sieben Millionen". So oft, glaubt Yerli, wird sich Crysis 2 verkaufen, die größte und teuerste Blockbuster-Produktion, die aus Deutschland dieses Jahr auf den Weltmarkt kommen wird. Das würde bedeuten, dass mit dem Spiel, in dem ein einsamer Held im Hightech-Kampfanzug wieder mal die Welt vor Aliens retten muss, insgesamt etwa 350 bis 380 Millionen Euro umgesetzt würden. "Crysis" war noch ein reines PC-Spiel und verkaufte sich anfangs schlecht, schließlich aber über drei Millionen-mal. Der Nachfolger läuft auch auf PS3 und Xbox 360. Die Yerli-Brüder haben den Weltmarkt im Blick, und in den USA und Asien muss man Spiele unbedingt auch für Konsolen anbieten.

Vaterschaftsurlaub geht vor

Crytek, die Firma, die den Superlativ schaffen soll, ist ein Familienunternehmen, gegründet von drei türkischstämmigen Brüdern. Cevat, der jüngste, ist der kreative Kopf, seine älteren Brüder Faruk und Avni kümmern sich ums Geschäftliche. Als Spiegel Online im Crytek-Hauptquartier in einem hässlichen Gewerbegebiet am Rande Frankfurts zu Besuch kommt, ist Cevat gerade nicht da - obwohl der weltweite Verkaufsstart von Crysis 2 unmittelbar bevorsteht. Seine Ehefrau hat gerade Zwillinge zur Welt gebracht. Der Chefdesigner des Edel-Ego-Shooters ist im Vaterschaftsurlaub.

Sie klingen ein bisschen wie Lothar Matthäus

In Frankfurt arbeiten mehr als 300 Mitarbeiter aus 41 Nationen für die Brüder. Crytek betreibt auch noch Studios in Kiew, Budapest, Sofia, Nottingham und Seoul, alles in allem mit 600 Mitarbeitern. Faruk und Avni Yerli sprechen Deutsch mit dem Hauch eines fränkischen Akzents, sie sind in Coburg aufgewachsen. Manchmal klingen beide ein bisschen wie Lothar Matthäus. Und manchmal suchen sie nach einem Begriff, weil ihnen gerade nur der englische einfällt, denn das ist die Verkehrssprache im Studio.

Mit zweierlei Maß gemessen

In Zukunft wollen die Yerlis auch mal etwas anderes produzieren als Ego-Shooter. In ihren Erfolgstiteln "Far Cry" und "Crysis" aber sieht man die Spielwelt stets über den Lauf der eigenen Waffe. Dass dieses Genre hierzulande beileibe nicht nur Freunde hat, ist den Brüdern mehr als bewusst. Er könne das Wort "Killerspiel" nicht mehr hören, sagt Avni, das sei ein polemischer Begriff. Es werde, was Spiele und beispielsweise Actionfilme angeht, in Deutschland immer noch mit zweierlei Maß gemessen. Aber dass das Spiel in Deutschland ab 18 ist, sei schon in Ordnung. Auch wenn "Crysis 2" etwa in England schon für 16-Jährige freigegeben ist.

Von Ölplattformen und Uhrmachern

Wie ein aktueller Actionfilm der Oberklasse soll "Crysis 2" aussehen, und dafür hat man eine Menge Zeit, Geld und Arbeit investiert. Das Spiel ist, mit entsprechender Ausrüstung und Brille, vollständig in 3D spielbar, und das funktioniert - im Gegensatz zu manchen anderen Titeln, bei denen der Effekt eher lästig wirkt - ziemlich gut. Die New Yorker Schlachtfelder, auf denen der Held gegen feindselige Menschen und diverse Alien/Roboterkreaturen antreten muss, sind grafisch extrem aufwendig gestaltet und gewinnen durch den Tiefeneffekt tatsächlich. Die 3D-Grafikengine, auf der die Spiele des Unternehmens basieren, kommt inzwischen auch anderswo zum Einsatz - bei Architekten für die Simulation von Gebäuden und sogar bei den Uhrmachern von Cartier. Die Technik wird auch benutzt, um Ölplattformen, Flugzeugrümpfe und Schiffe zu simulieren. Das meiste Geld aber bringen nach wie vor die Spiele.

"Predator", "Leon" oder "Terminator"

"Crysis 2" solle dem Spieler die Wahl lassen, erklärt Produzent Peter Holzapfel, dazu dienten die unterschiedlichen Funktionen des Kampfanzugs, den der Spielheld, ein verlassener und desorientierter Marine namens Alcatraz, trägt: tarnen, Superkräfte, Panzerung. Man könne "Crysis 2" als "Predator" spielen - sich mit der Tarnkappenfunktion des Kampfanzugs unsichtbar machen und dann aus dem Hinterhalt zuschlagen. Als "Leon" (in Anlehnung an Luc Bessons gleichnamiges Profikiller-Epos), der die Situation erst mal in aller Ruhe analysiert und seine Gegner dann einen nach dem anderen ausschaltet. Oder aber als "Terminator": mit gezückten Waffen loslaufen und alles aus dem Weg ballern. Auf die Frage, ob es sie denn störe, dass sie mit solchen Spielkonzepten wohl kaum den vom Bundestag ausgelobten Preis für das beste deutsche Computerspiel bekommen werden, fragt Avni mit einem Stirnrunzeln nach: "Ist das diese Lara?" Nein, die "Lara" ist ein anderer Preis, ohne parlamentarischen Segen. Die Frage zeigt jedoch: Was die deutsche Politik, das deutsche Establishment von ihnen hält, ist den Yerlis ziemlich egal.

Denken in Märkten

Sie sind internationale Unternehmer, sie denken in Märkten, nicht in Staaten. Die USA sind wichtig, Europa auch. Deutschland mache "etwa zehn Prozent" aus, schätzt Avni Yerli. Und ja, manchmal frage man sich schon, ob man nicht in einem anderen Land besser aufgehoben wäre, in dem das eigene Medium nicht unter dem ständigen Verdacht steht, Menschen zu Mördern zu machen. "Was uns in Deutschland hält, ist unser soziales Umfeld." Man hoffe, dass sich die Rahmenbedingungen weiterhin in eine günstige Richtung entwickeln. Es gebe in Deutschland "viele kluge Köpfe, viele Ideen", sagt Faruk. Aber beispielsweise für eine Spieleproduktion an eine Finanzierung zu kommen, sei immer noch enorm schwierig. Dabei hat die hiesige Branche einiges aufzuholen.

"Wir haben einige Helden geschaffen"

Sind sie Vorbilder? Die Antwort zeigt einmal mehr ein ausgesprochen undeutsches, ungeschminktes Selbstvertrauen: "Ich denke schon, dass wir eine gewisse Vorbildfunktion haben", sagt Avni Yerli gemessen. Faruk ergänzt: "Unsere türkischstämmigen Landsleute sind stolz auf uns, weil wir türkischstämmig sind. In Deutschland ist man stolz auf uns, weil wir in Deutschland sind." International habe man "einige Helden geschaffen: Einige unserer Entwickler, die aus Portugal stammen, sind dort zu Ikonen geworden, weil sie hier bei uns arbeiten." Die Crytek-Großraumbüros zieren Nationalflaggen der unterschiedlichen Fraktionen, Nerd-Schnickschnack steht herum, irgendwo lehnt eine Schulturnmatte an der Wand. An Glaswänden hängen Filmplakate: Chuck Norris, Arnold Schwarzenegger, die Ego-Shooter der Achtziger. Direkt daneben Poster mit knuffigen Helden aus dem Nintendo-Universum. Nerd-Humor.

Chancen statt Risiken

Am Eingang steht eine überlebensgroße Figur des muskelbepackten "Crysis"-Helden im gerippten Hightech-Kampfanzug, der Kernidee der Serie. Eine Wand im Foyer zieren die eingerahmten Titelblätter lauter internationaler Computerspielzeitschriften, über hundert unterschiedliche, in diversen Sprachen. Auf jedem einzelnen Cover ist der Mann im Nano Suit abgebildet. Man ist sehr stolz auf seine Erfolge hier. "Wir sind", sagt Avni Yerli, "eher chancen- als risikoorientiert."

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