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Spieletest "L.A. Noire": Der Tod in der Stadt der Engel

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Test L.A. Noire | Actionspiel | PS3, Xbox 360  

Der Tod in der Stadt der Engel

20.05.2011, 08:47 Uhr | Volker Bonacker / jr

Spieletest "L.A. Noire": Der Tod in der Stadt der Engel. L.A. Noire (Quelle: Rockstar / Team Bondi)

L.A. Noire (Quelle: Rockstar / Team Bondi)

Die Blutspur zum leblosen, mitten auf der Straße liegenden Körper des Mannes ist mehrere Meter lang und in der Dunkelheit kaum auszumachen. Neben der Leiche stehen Polizeifotograf und Gerichtsmediziner. Vom Wagen, der den Mann ins Jenseits befördert hat, ist weit und breit nichts zu sehen. Die Sache scheint eindeutig: Ein Unfall mit Fahrerflucht, nichts Ungewöhnliches im Los Angeles des Jahres 1947. Die Befragung der nebenstehenden Zeugin scheint Routine, auch der Mann hinterm Tresen der Bar, vor der der Unfall stattfand, gibt wenig Neues preis. Außer einem kleinen Detail, das alles ändert. Denn vor seinem Tod hatte der Mann in der Spelunke eine lautstarke Auseinandersetzung mit einer Frau. Was sich damit erstmals zaghaft andeutet, wird im Laufe der Ermittlungen schnell deutlich: Mit einem Unfall hat all das hier nichts zu tun. Und das ist im für PS3 und Xbox 360 erschienenen Thriller "L.A. Noire" der Alltag. Willkommen beim jüngsten Spross von Rockstar - in dem niemand ohne Blut an den Händen davonkommt.

Neue Wege

In ihrem neuen Machwerk widmen sich die Produzenten von GTA und Red Dead Redemption dem Film Noir und der Hard-Boiled-Fiction szenisch eingebettet in das Los Angeles der Nachkriegszeit. In der Stadt der Engel stranden sie alle: Die Schönheit vom Lande, die es in der Traumfabrik Hollywood zu Weltruhm bringen will und als B-Movie-Randnotiz endet ebenso wie der einfache Arbeiter, der außer dem trauten Heim nichts weiter zum Glück benötigt. Und Weltkriegsveteranen wie Cole Phelps, der nach seiner Rückkehr als einfacher Streifenpolizist ein neues Dasein beginnen will. Mit ihm steigt der Spieler ins Geschehen ein, zunächst mit kleineren Aufträgen, um die Steuerung und Spielmechanik zu verinnerlichen. Rockstar geht hier gänzlich neue Wege und stellt das Detektivspiel in den Vordergrund. Deshalb lernt man zunächst, wie man Tatorte untersucht, Beweise sichert, Zeugen befragt und - wenn es denn nötig ist - auch die Faust ballt oder zum Schießeisen greift, um sich gegen Verbrecher zu wehren.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Schnell fällt auf, dass L.A. Noire etwas gänzlich Neues geworden ist. Denn das Spiel der australischen Entwickler Team Bondi kommt nicht laut polternd und bleiüberladen daher wie GTA und Red Dead Redemption, sondern besticht stattdessen durch seine Langsamkeit. Wenn Phelps und Partner die Tatorte nach Hinweisen absuchen, dann braucht das Zeit und Geduld. Nur so findet man etwa eine Brieftasche im Sakko des noch unbekannten Toten, deren Inhalt dann seinen Namen samt Adresse preisgibt. Derartige Indizien notiert Phelps fein säuberlich, denn für spätere Befragungen ist jeder noch so kleine Hinweis wichtig und kann den Fortgang entscheidend beeinflussen. Und damit sind wir neben dem unerlässlichen Notizbuch und den darin festgehaltenen Informationen beim zentralen Spielelement von L.A. Noire angelangt.

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L.A. Noire

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Wer einmal lügt...

Denn der Weg zur Wahrheit führt stets durch einen Sumpf aus Lügen und Schweigen und konfrontiert den Spieler mit zahlreichen zwielichtigen Figuren. Autoren wie Chandler oder Filme der Marke L.A. Confidential könnten nicht besser darstellen, was Team Bondi hier auf den Bildschirm zaubert. Die Entwickler haben keinerlei Aufwand gescheut, um die Verhöre so real wie möglich zu gestalten. Was das konkret bedeutet? Etwa über 2200 Seiten an Dialogen für das Spiel. Oder 400 Schauspieler, die in Sachen Mimik und Haltung mit verschiedenen Kameras in einem neuartigen Verfahren namens "Motion Scan" aufgezeichnet wurden. Das lässt die Gesichtsbewegungen der Charaktere im Spiel quasi real erscheinen. Achtet man während der Verhöre also statt auf das Gesagte einfach einmal auf den Ausdruck der Befragten, fallen schnell Ungereimtheiten auf: Wie kann es sein, dass die Frau kaum betrübt dreinschaut, als sie vom grausamen Ende ihres Gatten erfährt? Warum blinzelt der Verdächtige so auffällig häufig und schaut beim Reden auf den Boden statt in die Augen des Ermittlers? Diese Details verraten, wer lügt und wer nicht. Vielleicht.

... muss trotzdem überführt werden

Darauf reagiert der Spieler entsprechend: Hat man berechtigte Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussagen, kann man die Befragten per Tastendruck der Lüge bezichtigen. Doch dafür sollten anschließend stichhaltige Nachweise vorliegen - die man zuvor hoffentlich gefunden und im Notizbuch festgehalten hat. Wenn nicht, wird's brenzlig. Beschuldigt man den Falschen, kann der Falls eine gänzlich andere Wendung nehmen als gedacht. Um die Unterredungen noch komplexer zu machen, haben die Entwickler ein Rang-System eingeführt. Abhängig davon, wie gut man die Fälle löst, wie viele Beweise man gefunden hat und wie viele richtige Antworten man den Delinquenten entlocken konnte, gibt es nach Abschluss einer Ermittlung Punkte. Diese lassen Phelps im Rang nach oben steigen, was Zugang zu weiteren Extras und Intuitionspunkte mit sich bringt. Diese kann man bei Verhören einsetzen, um der Wahrheit schneller auf die Spur zu kommen. Derart komplexe Interaktionsmöglichkeiten zwischen Figuren gibt es in einem Videospiel selten.

Rockstar und die Liebe zum Detail

Nicht nur in dieser Hinsicht ist L.A. Noire recht offen gestaltet und von den Entscheidungen des Spielers abhängig. Auch das virtuelle Los Angeles ist konsequenterweise frei befahrbar. Wer nicht von Fall zu Fall hechten will, kann sich auch einfach die Highlights der Stadt aus dem Autofenster anschauen. Abermals zeigt Rockstar hier seine Faible für eine detailgetreue Atmosphäre: Um die Stadt der 40er Jahre so genau wie möglich abzubilden, hat man sich an mehr als 180.000 Luftaufnahmen und Abbildern aus dieser Zeit orientiert und sich zusätzlich im Archiv der "Los Angeles Times" umgesehen. Die Akribie zahlt sich aus: Die Stadt wirkt glaubwürdig und so, wie man sie sich aus Filmen und Büchern dieser Zeit denkt. Gleiches gilt für den Soundtrack: Mehr als 32 Jazztracks der 40er Jahre sind zu hören. Dafür wurden Größen wie Billie Holiday, Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong und Thelonious Monk ausgewählt. Damit nicht genug: Auch die Fälle sind an historische Verbrechen angelehnt. Kaum verwunderlich also, dass diese Liebe zum Detail die Macher von Team Bondi fünf Jahre Entwicklungszeit gekostet hat. Und den Speicher der Xbox 360-Trägermedien sprengt, weshalb L.A. Noire für die Microsoft-Konsole auf stolzen drei DVDs ausgeliefert wird (die PS3-Fassung hat dank höherer Speicherkapazität des Mediums auf eine Bluray-Disc gepasst).

Wer ist Cole Phelps?

Trotz aller Liebe zum Detail und glaubwürdigen Settings geht es im Grunde genommen um Cole Phelps. Wie alle Rockstar-Helden der vergangenen Jahre zeichnet sich auch der Detective als pikareskte Figur aus. Wenig ist über seine Herkunft bekannt, nur bruchstückhaft gerät man mit seiner Vergangenheit in Kontakt. Diese hat ihn im Zweiten Weltkrieg als Offizier auf die Insel Okinawa geführt und nach Kriegsende als hochdekorierter Veteran nach Los Angeles. Von Kollegen auf seine Vergangenheit angesprochen, reagiert er meist ärgerlich, Antworten gibt es keine. Seine Motive, nach Kriegsende zum Verbrechensbekämpfer zu werden? Man mag es nur vermuten. Bis sich im weiteren Verlauf des Spiels der Schleier mehr und mehr lüftet. Bis zum Ende warten übrigens mehr als 20 Einzelfälle, die Phelps in verschiedenen Dezernaten und mit wechselnden Partnern von der Verkehrspolizei bis zur Sitte führen. Abseits der Hauptstory finden auch kleinere Verbrechen statt, die man binnen weniger Minuten aufklären kann und die nichts mit den restlichen Geschehnissen zu tun haben. Und selbst nach deren Erledigung ist noch nicht alles getan und gesehen worden: Wer will, kann noch sämtlich 95 im Spiel verfügbaren Autos suchen und fahren oder diverse Sehenswürdigkeiten bestaunen.

Was wir mögen

L.A. Noire enthält zahlreiche typische Elemente anderer Rockstar-Produktionen, darunter vor allem die Genauigkeit bei der Erstellung der Spielwelt und Charaktere. Die Story richtet sich klar an erwachsene Spieler, die ein ernsthaftes Spiel mit ernsthaften Inhalten suchen - bekanntlich eine weitere Spezialität aus dem Hause Rockstar. Diese Aufgabe hat Team Bondi gemeistert. L.A. Noire begeistert nicht durch Feuergefechte im Minutentakt, sondern bietet das genaue Gegenteil: Detektivisch arbeiten, kombinieren, rätseln, befragen. Und das benötigt Zeit. Entsprechend ist das Game auch nicht an einem Abend durchgespielt, sondern beschäftigt über Wochen. Das Fehlen eines Mehrspieler-Modus ist folglich schon aufgrund der Länge der Einzelspieler-Kampagne zu verschmerzen. Wer GTA und Red Dead Redemption gespielt hat, hat einen kleinen Vorteil, da die Steuerung recht ähnlich ist und Spielhilfen wie die Mini-Map und die Navigation darauf die gleichen geblieben sind.

Was wir nicht mögen

Die Sprachausgabe nicht synchronisiert, sondern nur deutsch untertitelt worden. Das ist einerseits authentisch, bringt aber in den Befragungen ein Problem mit sich für jene, die gesprochenes Englisch nicht immer verstehen. Denn wenn man gleichzeitig die Mimik der Personen beachten und dabei zusätzlich in den Untertiteln lesen muss, was sie sagen, kann das eine knifflige Aufgabe werden.

Fazit

Erfrischend neu, ungewöhnlich anders, was die Spielgeschwindigkeit betrifft und gewohnt düster in Sachen Handlung: Mit L.A. Noire bringt Rockstar eine der interessantesten Filmgattungen auf die Bildschirme - und das in einer Umsetzung, die den Größen aus Film und Literatur in nichts nachsteht. Die enorme Detailfreude der Entwickler kommt auch im neuesten Werk voll zum Tragen und erschafft ein Setting, dem es zu keiner Zeit an der für die Handlung nötigen Glaubwürdigkeit fehlt. Hätte Raymond Chandler statt seinem Welterfolg "Der große Schlaf" das Script zu einem Videospiel verfasst - das hier wäre es geworden.

Infos zum Spiel

  • Titel: L.A. Noire
  • Genre: Action
  • Publisher: Rockstar
  • Hersteller: Team Bondi
  • Release: Im Handel
  • Preis: zirka 60 Euro
  • System: PS3, Xbox 360
  • USK-Freigabe: Ab 16 Jahren
  • Wertung: Sehr gut


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