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"Harveys neue Augen": Heldin ohne Willen

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Test Harveys neue Augen | Adventure | PC  

Heldin ohne Willen

15.09.2011, 12:57 Uhr | Volker Bonacker / ams

"Harveys neue Augen": Heldin ohne Willen. Harveys neue Augen (Quelle: Daedalic)

Harveys neue Augen (Quelle: Daedalic)

Wie man es auch macht, man macht es falsch. Das erfährt die Protagonistin des Point'n'Klick-Adventures "Harveys neue Augen" ein ums andere Mal. Im neuen Geniestreich der Macher von "Edna bricht aus" begleiten wir auf dem PC eine Antiheldin bislang unbekannter Couleur, deren Befehlshörigkeit und Schweigsamkeit uns auf wunderbar-humorvolle Weise die Frage stellen lässt, was wir hier eigentlich machen - und vor allem, warum. Willkommen in der Welt von Lilli, der vermutlich skurrilsten Spielfigur seit American McGees Alice.

Kopierschutz der unterhaltsamen Art

Harveys neue Augen begeistert uns, noch bevor das eigentliche Spiel losgeht. Denn statt einem Kopierschutz müssen wir über eine Drehscheibe namens "Polizei-Kartei-Dekodomat" ein Datum herausfinden, zu dem ein angezeigter Geisteskranker geflohen ist. Nur wer die richtigen Zahlen eingibt, bekommt das Spiel gestartet. Das ist allemal unterhaltsamer als SecuRom, Online-Zwang und Co. Und ähnlich abgedreht geht es weiter.

Spur der Verwüstung

Nach einem kurzen Tutorial, durch das wir von einem Polizisten mit stets mahnend erhobenem Zeigefinger geleitet werden, fällt auf: Lilli tut, was man von ihr verlangt. Und nicht mehr. Die schicksalsergebene Heldin fristet ihr Dasein in einer Klosterschule, wo die strenge Oberin Ignatz sie mit sinnlos erscheinenden Aufträgen beschäftigt, etwa einen Baum von Termiten befreien. Das führt Lilli gewissenhaft und ohne nachzufragen aus - allerdings nicht, ohne eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen. Denn egal, was die Heldin auch tut, das Ergebnis ist stets chaotisch und nicht das gewünschte. Da wird schon mal ein Zeitgenosse mit einem Bienenstock beworfen und beim Versuch, ihn aus dem Brunnen zu retten, beinahe ertränkt. Kann Lilli etwas dafür? Natürlich nicht, sie nimmt schließlich nur Befehle entgegen. Und das mit einer Obrigkeitshörigkeit, die nicht mal zugelassen hat, dass die Figur eine eigene Stimme bekam. Stattdessen nickt sie in Gesprächen stets nur schweigend und gibt bestenfalls zustimmende Quietsch-Laute von sich.

Bitterböser Humor 

Wen mag es da verwundern, dass sie bald Edna begegnet, der Heldin des ebenso schwarzhumorigen "Edna bricht aus"? Die beiden befinden sich zusammen im Kloster. Doch während Edna sich in Traumwelten flüchtet und am Ausbruch werkelt, führt Lilli brav weiterhin die ihr aufgetragenen Tätigkeiten aus. Weder Hänseleien durch Mitschüler noch die fiese Oberin ändern daran etwas. Und wenn am Ende einer Mission mal wieder alles geklappt hat, nur nicht das Aufgetragene, dann freuen wir uns tierisch. Denn Situationskomik ist die größte Stärke von Harveys neue Augen. Aberwitzige Dialoge, bitterböser Humor und die staubtrockenen Kommentare des Erzählers (wundervoll gesprochen von Götz Otto) machen das Adventure auch für erwachsene Spieler interessant. Wer Edna mochte, wird sich hier sofort heimisch fühlen. Spätestens wenn die pinkfarbenen Zensurgnome auftauchen und die Spuren von Lillis Zerstörung übermalen, damit die Protagonistin um Himmels willen nicht mitbekommt, was sie angerichtet hat, wissen wir: Abgedreht beschreibt das hier nicht mal ansatzweise.

Sammeln und kombinieren

Und trotzdem ist Harveys neue Augen im Kern ein klassisches Adventure: Wir klicken uns durch die schön gezeichneten Szenerien, per Druck auf die Space-Taste steht eine Hilfsfunktion zur Verfügung und im 21 Gegenstände fassenden Inventar wird gesammelt, was nicht niet- und nagelfest ist. Die Items können kombiniert und anschließend auf Objekte der Spielwelt angewandt werden. Zudem steht ein Dialog-Menü zur Verfügung, mit dem Lilli in Gesprächen auch tiefergehende Fragen stellen kann. Das alles ist bekannte Genre-Kost. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Kombinationsrätsel hier oft so herrlich abstrus daherkommen, dass Um-die-Ecke-denken Pflicht wird. Auch wenn die eine oder andere Kopfnuss dabei ist: Lösbar ist letztlich alles. Und hat man es einmal geschafft, erscheint der Weg auch nicht ganz unlogisch.

Was wir mögen

Harveys neue Augen ist nur auf den ersten Blick ein konservativ gehaltenes Adventure. Unter der Oberfläche brüllt uns das Spiel geradezu die Frage entgegen, ob blinder Befehlsgehorsam von jeder Verantwortung für die eigenen Taten entbindet. Denn in der Realität gibt es bekanntlich keine Zensurgnome, die Zerstörung, Leid und Chaos einfach überpinseln und ungeschehen machen. Stattdessen wird ein jeder für seine Taten irgendwann einmal zur Rechenschaft gezogen - das letzte Spiel, dass uns diese Einsicht derart eindrucksvoll vorgeführt hat, war „Shadow of the Colossus“. Hier ist Harvey-Entwickler Jan Müller-Michaelis eine wahre Meisterleistung gelungen.

Was wir nicht mögen

So stark Harveys neue Augen hinsichtlich philosophischer Exkurse auch sein mag, auf technischer Ebene ist nicht alles sauber umgesetzt. Besonders die Nahaufnahmen der Charaktere wirken arg grobschlächtig gezeichnet. Auch wenn der Soundtrack im Großen und Ganzen gelungen ist: Gelegentlich gehen einzelne Dudel-Sounds ein wenig auf die Nerven.

Fazit

Unterhaltend und doch tief philosophisch, bitterböser Erwachsenenhumor und doch auch für jüngere Zocker geeignet: Harveys neue Augen ist keine Adventure-Ware von der Stange, sondern ein Exkurs nicht nur in die Abgründe einer zwielichtigen Klosterschule, sondern auch der eigenen Vorstellungen von Schuld und Verantwortung. Dabei zeigt das Game nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf den Spieler, sondern lässt sich auch als reines Unterhaltungsprodukt begreifen und spielen. Was man aus Harveys neue Augen mitnimmt, liegt letztlich also in Spielerhand. Allein, dass uns ein Computerspiel aber derart viele Möglichkeiten eröffnet, zeigt, wozu das Medium fähig sein kann - entsprechend kreative Macher vorausgesetzt.

Titel: Harveys neue Augen
Genre: Adventure
Publisher: Rondomedia
Hersteller: Daedalic Entertainment
Release: im Handel
Preis: zirka 30 Euro
System: PC
USK-Freigabe: Ab 12 Jahren
Wertung: Sehr gut

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