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Videospiele-Wertungen: Wenn 60 Prozent nichts mehr wert sind

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Videospiele-Wertungen  

Wenn Wertungen wenig wert sind

21.02.2012, 14:18 Uhr | Sabine Schischka (vb / jr), Richard Löwenstein

Videospiele-Wertungen: Wenn 60 Prozent nichts mehr wert sind. Wertungsinflation (Quelle: www.t-online.de)

Wertungsinflation (Quelle: www.t-online.de)

Was ist eine Spielewertung heute wirklich noch wert? Schlägt man Anno 2012 eine Videospiel-Fachzeitschrift auf oder stöbert nach Tests und Vorschauen im Web, glotzen einem fast immer Einschätzungen und Wertungen im Bereich 80 von 100 Punkten entgegen. Kaum ein Medium hat seine Wertungen in den vergangenen paar Jahren so stark angezogen wie Games-Magazine und Webseiten. Ein Videospiele-Hochkaräter jagt den nächsten, möchte man meinen. Schlechte oder gar nur durchschnittliche Spiele dagegen scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Aber sind Videospiele in den letzten paar Jahren wirklich so viel besser geworden? Oder haben die Journalisten nur Maß und Ziel verloren?

Je neuer, desto besser

Die bekannte japanische Spielezeitschrift "Famitsu" hat bereits 2009 eine interessante Statistik veröffentlicht. Nach knapp 23 Jahren Bestehen und über 14.278 getesteten Titeln zog das Magazin Bilanz und überprüfte die Entwicklung der eigens vergebenen Spielwertungen. Das Ergebnis: Je aktueller die Konsole, auf der das Spiel veröffentlicht wurde, desto höhere Wertungen konnte das Game abstauben. Erhielten zu Zeiten von Nintendos Entertainment System (NES) nur drei Prozent aller getesteten Spiele eine Kaufempfehlung der Redaktion, schmücken sich auf der Xbox 360 schon 44 Prozent aller Games mit diesem Siegel. Wohlgemerkt: Bei der Famitsu erhält ein Spiel bereits dann einen Kauftipp, wenn es mindestens 32 von 40 möglichen Punkten einheimst - was 80 von 100 Prozent entspricht.

Kaufempfehlung überall

Schenkt man der Statistik der Famitsu Glauben, würde das auch bedeuten, dass auf Segas "Game Gear" von 1989 von insgesamt 184 getesteten Games kein einziges kaufenswert gewesen wäre. Denn egal ob "Sonic the Hedgehog" oder "Earthworm Jim": Keiner dieser Klassiker sicherte sich eine Wertung von 32 oder mehr Punkten. Eine klare Fehleinschätzung nach unten, zumal die Gaming-Webseite IGN eine Eins-zu-Eins-Portierung von “Earthworm Jim“ für Nintendos Wii selbst im Jahr 2008 noch mit sieben von zehn Punkten und der Note “gut“ bewertete. Ganz anders heute: Die Famitsu vergab zuletzt sogar mehrfach ihre Höchstwertung von 40 Punkten - unter anderem für Final Fantasy 13-2, The Legend of Zelda: Skyward Sword und Skyrim. Zweifelsohne sehr gute Games. Aber perfekt?

Qualitätssteigerung?

Sind Spiele seit den Tagen von Super Nintendo, Dreamcast, PS One und Co. denn wirklich so viel besser geworden? Zwar hat sich grafisch einiges getan und auch bei der Professionalität. Die Kosten für Videospielproduktionen sind bei Top-Titeln mittlerweile vergleichbar mit denen eines Hollywood-Films. Und statt kleinen Drei-Mann-Teams werkeln nun 300-Mann-Teams am Erfolg. Was aber ist mit frischen Ideen? Mit neuartigen Konzepten statt dem herrschenden Action- und Ego-Shooter-Einheitsbrei? Warum bekommen der tausendste Aufguss von Fifa und Call of Duty jedes Jahr höhere und höhere Wertungen mit nur minimalen Neuerungen, während wirklich innovative Games, die sich noch keinen Namen gemacht haben, den Kürzeren ziehen? Nun, jeder kennt wohl das Sprichwort: Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. Ähnlich verhält es sich mit Spielern: Sie verlassen sich gerne auf das, was sie bereits kennen, statt Neues auszuprobieren.

Abgeschlagen

Zum Beispiel das psychedelische Jump’n’Run "El Shaddai", für das im Vorfeld kaum die Werbetrommel gerührt wurde: Es reißt zwar keine Gameplay-Bäume aus, überzeugt aber mit tollem Sound, einer neuartigen, aus der Bibel entlehnten Geschichte und einem einzigartigen, pastelligen Grafikstil, der sich an Künstlern wie Hieronymus Bosch orientiert. Kurzum: Es traut sich, anders zu sein. Durchschnittswertung laut "Critify.de", einem Sammelportal für Noten deutschsprachiger Magazine und Webseiten: 76 von 100 Punkten. Auf der anderen Seite steht ein Game wie Modern Warfare 3, das seit Veröffentlichung Rekordverkäufe einfährt. Seit dem Vorgängerspiel gab’s lediglich kleinere Veränderungen am Mehrspieler-Modus und den Bezahl-Dienst "Elite". Durchschnittswertung bei "Critify.de": 89 von 100 Punkten. Freilich würde es nie jemand zugeben, doch die Indizien verdichten sich, dass hier nicht länger das eigentliche Spiel bewertet wird, sondern nur noch der Hype, der darum gemacht wird.

Kein Wunsch nach Neuem

Fakt ist: Videospiele sind in den vergangenen Jahrzehnten einen rasanten Modernisierungskurs gefahren. Bessere technische Möglichkeiten, ein hochgetunte Grafik und kinogleicher Sound sind mit Schuld daran, dass die Tester angesichts des erschlagenden Drumherums zu immer höheren Wertungen und teils auch Überbewertungen greifen. Klar, Fifa 12 hat eine fantastisch realistische Grafik, die einen regelrecht von den Socken haut. Allerdings benutzt der Entwickler seit "Fifa 07" alljährlich die gleiche Grafik-Engine als Basis. Er setzt sich also ins gemachte Nest und dreht lediglich an Feinstellschräubchen, verkauft das Endprodukt aber als Nonplusultra mit allumfassenden Neuerungen zum Vollpreis. Und wird mit Verkaufsrekorden belohnt: Fifa 12 verkaufte sich in der ersten Woche nach Release weltweit 3,2 Millionen mal und damit sogar 23 Prozent besser als der Vorgänger.

Der Name genügt

Im Schatten solch jährlicher "Updates" stehen dann Perlen wie das 2010 erschienene Enslaved: Odyssey to the West. In etwas über einem Jahr Entwicklungszeit stellte das Studio Ninja Theory ein völlig neues Actionabenteuer auf die Beine, das in puncto Grafik, Abwechslung, Spielbarkeit und Figuren auch dank aufwendigem "Motion Capturing" durchweg überzeugen konnte. Viel Geld für Werbemaßnahmen blieb da nicht mehr, doch selbst die Presse überhäufte Enslaved mit positiven Wertungen im 80er Bereich. Die Spielerschaft hingegen blieb skeptisch. Zwei Monate nach dem Erscheinen im September 2010 hatte sich das Spiel gerade 460.000 Mal verkauft - die Arbeiten am Nachfolge-Titel wurden eingestellt.

Fazit

Die Gründe für die herrschende Wertungsinflation lassen sich nicht auf nur einen einzigen Faktor reduzieren. Hier kochen viele Köche an einem gemeinsamen Süppchen - und das droht ordentlich überzukochen. Denn was passiert, wenn Spiele immer bessere und höhere Wertungen einfahren? Irgendwann wird die 100-Prozent-Marke geknackt und die Luft nach oben ist futsch. Ein völlig anderes, neues Wertungssystem ist die einzig vernünftige Reißleine, um ein komplettes Spielgefühl nicht länger an einer einzigen Note festzumachen. Denn wo keine Zahl, da kein Verfall.

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