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Spielsucht: In den Fängen der virtuellen Welt

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Reportage Spielesucht  

Computerspiel-Sucht: In den Fängen der virtuellen Welt

19.07.2012, 13:19 Uhr | Medienagentur plassma (vb / jr), Medienagentur plassma

Spielsucht: In den Fängen der virtuellen Welt. Gamer-Suchtambulanz der Uniklinik Mainz (Quelle: Medienagentur plassma)

Gamer-Suchtambulanz der Uniklinik Mainz (Quelle: Medienagentur plassma)

Computerspiel-Sucht ist ein Thema, mit dem sich weder Fachpresse noch Gamer gerne befassen. Doch es gibt immer mehr Spieler, für die das Spiel nie endet. Wir haben haben die Gamer-Suchtambulanz der Uniklinik Mainz besucht und uns mit dem Thema beschäftigt. Wie kommt es zur Spielsucht, wer ist besonders gefährdet, welche Titel haben das größte Suchtpotenzial, welche Alarmsignale weisen auf eine mögliche Problematik hin - und was macht man, wenn man süchtig ist? Unser Report klärt auf.

Und keiner bekommt es mit

Die Geschichte liest sich wie viele andere auch: Anfangs spielte der 16-jährige Manuel (Name von der Redaktion geändert) täglich ein, zwei Stunden das Online-Rollenspiel World of Warcraft, alles schien normal zu sein. Doch dann kam er von dem Spiel nicht mehr los, spielte immer länger, meistens bis tief in die Nacht. In der Schule ging es stetig bergab: Er schlief oft im Unterreicht ein, die Noten purzelten in den Keller. Seine Freunde wendeten sich von ihm ab, da er außerhalb der Schule nur noch in den Welten von Azeroth anzutreffen war. Manuel verlor seinen Statuts in der Klasse, wurde zum Einzelgänger, fühlte sich ausgegrenzt. Da traf er die Entscheidung, gar nicht mehr in die Schule zu gehen und seine Zeit stattdessen nur noch in dem Fantasy-MMOG zu verbringen, wo er einer Gilde angehörte, die ihn als ranghohes Mitglied respektierte. Seinen Eltern, beide berufstätig, verheimlichte er seinen selbst gewählten Schulabbruch mit einem gewaltigen Energieaufwand: Post von der Schule fing er ab und ließ sie verschwinden - er täuschte vor, weiterhin die Schule zu besuchen. 

Endstation Sucht

Seine Computerspielsucht wurde erst nach einigen Monaten durch einen Zufall entdeckt: Manuels Vater hatte etwas daheim vergessen und kehrte noch einmal von der Arbeit zurück, suchte im Zimmer seines Sohnes nach dem Gegenstand. Der Jugendliche hatte sich derweil in seinem Kleiderschrank versteckt, wo ihn der verdutze Vater überraschte. So landete Manuel schließlich in der Spieler-Suchtambulanz Mainz, wo er durch Einzel- und Gruppentherapie Hilfe fand. Schicksale wie seines sind längst keine Einzelfälle mehr. Immer mehr Gamer können nicht mehr aufhören zu spielen - sie müssen es einfach tun, auch wenn es ihnen gar keinen Spaß mehr macht. Experten nennen das eine "nicht stoffgebundene Sucht". Darunter zählen das pathologische Glücksspiel, Internetsucht und eben auch die Computerspielsucht. In den letzten Jahren haben sich die Fälle von Computerspielsucht deutlich erhöht, was direkt mit dem Durchbruch des Internets auf breiter Ebene und der immer höheren Popularität des Mediums Computerspiel zusammenhängt. Für Kai W. Müller, einer der Psychologen der Uniklink Mainz, ist begeistertes Spielen per se kein Problem, schließlich ist Gaming ein fester Bestandteil der Jugend- und Popkultur: "Spielen ist gesund, fördert die Kreativität und baut Stress ab."

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Fatale Folgen

Problematisch wird es, wenn man die Kontrolle über sein Spielverhalten verliert, das reale Leben komplett vernachlässigt. Schlimme Folgen für den Betroffenen und sein Umfeld sind möglich. Auch darüber hinaus haben Computerspielsüchtige mit vielen Problemen zu kämpfen: Das kann vom Verlust des Arbeitsplatzes über die Trennung des Partners und familiäre Krisen bis hin zu tiefen Depressionen und Suizidgedanken reichen. "Der Hauptschüler kann genauso süchtig werden wie der Doktorand", so Müller. "Man kann aber sagen, dass von der Computerspielsucht hauptsächlich Männer betroffen sind. Das Verhältnis beträgt etwa 90:10. Im Bereich der Internetsucht ist das Verhältnis deutlich ausgewogener, da sind auch viele Frauen dabei. Vom Alter her sind es vor allem Jugendliche ab 15 bis 16 Jahren, das geht dann weiter bis ins junge Erwachsenenalter bis 29 Jahre. Es gibt natürlich auch ältere Suchtkranke, wir hatten auch schon Senioren als Patienten. Allerdings ist das auch ein reines Zeitgeist-Phänomen: Würden wir dieses Gespräch in 30 Jahren führen, dann wäre der Anteil der älteren Patienten deutlich höher, da Computerspiele dann eine viel breitere Akzeptanz  in anderen Alterssegmenten hätten.“

Was ist Computerspielsucht?

Ab wann kann man von einer Computerspielsucht reden? Ist es schon gefährlich, wenn man täglich einige Stunden in seinem Lieblings-Online-Rollenspiel verbringt? Nein, das ist vollkommen normal und auch in Ordnung. "Das Hauptsymptom einer Spielsucht ist nicht die Spieldauer", erläutert Müller. Gefährlich wird es ab dem Moment, wo man als Spieler die Kontrolle über sein Spielnutzungsverhalten verliert. Wenn man spielt, obwohl man keine Freude mehr dabei empfindet. Schule, Arbeit oder Ausbildung, Partner, Freunde und Familie zu Gunsten des Spielens vernachlässigt, seinen Tagesablauf dem Spielen unterordnet. Wenn menschliche Grundbedürfnisse wie körperliche Hygiene oder Essen nur noch als lästig empfunden werden.

Wer ist besonders gefährdet?

"Bei der Computerspielsucht hat man zwei besonders prominente Risikofaktoren identifiziert", sagt Müller. "Zum einen ist das eine gewisse soziale Unsicherheit. Die Forschung zeigt, dass Personen die etwas schüchtern und unbeholfen im Umgang mit anderen, eher introvertiert und das Gegenteil des Alleinunterhalters sind, einem erhöhten Risikofaktor für eine mögliche Computerspielsucht ausgesetzt sind. Was natürlich nicht heißt, dass jeder, der introvertiert ist auch potenziell zu suchtartigem Spielverhalten neigt! Zum anderen hat sich in unserer Arbeit herauskristallisiert, dass Computerspielsüchtige oftmals wenig stressresistent sind, sie sich bei objektiv betrachtet kleinen Problemen schon in der Bredouille empfinden. Da diese erhöhte Stressanfälligkeit offensichtlich ganz gut mit Computerspielen kompensiert werden kann, nutzen solche Personen das Spielen oft als eine Art externe Stressbewältigungsstrategie." In der Wissenschaft ist die Computerspielsucht noch ein recht junges Feld, verlässliche Studien gibt es erst seit wenigen Jahren. Immer mehr Forscher stimmen aber zu, dass es sich bei dabei um ein ernsthaftes Problem handelt. Noch ist die Computerspielsucht aber keine anerkannte Krankheit. Im Gegenteil: Lange wurde sie in der Medizin stiefmütterlich behandelt. "Früher wurde man in wissenschaftlichen Kreisen doch eher belächelt, wenn man etwa auf einem Kongress einen Vortrag zu dem Thema halten oder eine Facharbeit darüber schreiben wollte", so Müller. Da diese Form der Sucht weiterhin nicht als solche anerkannt ist, übernehmen die Krankenkassen aktuell auch keine Behandlungskosten.

Was man alles verpassen könnte

Die Behandlung läuft in der Mainzer Suchtambulanz in mehreren Ebenen ab. Am Anfang steht ein diagnostisches Erstgespräch. Hier wird im Dialog erst einmal die persönliche Situation des Betroffenen analysiert. Nicht jeder, der die Mainzer Institution aufsucht, bekommt gleich die Diagnose "computerspielsüchtig". Erst, wenn die Experten klare Indizien für eine Computerspielsucht feststellen, sollte man sich für einen Therapieplatz anmelden. "Therapie ist bei uns recht breit aufgestellt", erklärt Müller den dann folgenden Prozess. "Wir haben einige klassische Elemente aus der Suchttherapie übernommen, die sich bei anderen Abhängigkeitskrankheiten bewährt haben. Wichtig ist vor allem der Motivationsaufbau des Patienten: Bei Suchterkrankungen stellt sich oft eine Dynamik ein, dass die Betroffenen durchaus etwas an ihrem Verhalten ändern wollen, dann ist die Sucht aber wieder stärker und sie denken "Na ja, es ist doch bequemer, wenn ich gar nix mache und bei meiner Sucht bleibe". Dann arbeiten wir gemeinsam an der Motivation, versuchen haarklein mit den Patienten herauszuarbeiten, was die Sucht einem denn schon für Chancen verbaut und Erfahrungen für schöne andere Erlebnisse genommen hat. Und was man noch alles verpassen könnte, wenn man in dem Suchtkreislauf hängen bleibt."

Motivieren und Stabilisieren

Die Psychologen versuchen dann, die Patienten für Alternativen zu sensibilisieren, ihnen Dinge und Möglichkeiten abseits des Spielens aufzuzeigen. Dazu gehört auch das Reaktivieren von Tätigkeiten, die der Betroffene früher einmal gerne ausgeübt hat. Alternativen aufzeigen und Lebensinhalte reaktivieren, die den Betroffenen früher Freude und Befriedigung verschafft haben, das die zwei zentralen Ansätze der Therapie. Zudem gibt es für Personen, die zu sozialen Phobien und Angststörungen neigen, ein spezielles Sozialkompetenztraining. Sowohl Gruppen- als auch Einzeltherapie sind ein fester Bestandteil der Behandlung. "Wir haben 15 Gruppensitzungen und zwischen acht bis zehn Einzelsitzungen", so Müller. "In den Gruppensitzungen sind es sieben bis acht Patienten, die von Stunde 1 bis 15 den Therapieprozess mit zwei Therapeuten, die anwesend sind, durchmachen. Jede Stunde hat ihren Spezialfokus, ihr Motto." In der Einzeltherapie wird es persönlicher, hier kommen die klassischen Elemente der Psychotherapie zum Tragen: Welche speziellen, individuellen Umstände erlebt der Patient aktuell? Welche Probleme hat er in seinem Leben, die zu einer Spielsucht geführt haben können? Gibt es noch etwas Tieferliegendes, das behandelt werden müsste?

Lebenslange Genre-Abstinenz

Das Ziel der Therapie ist nicht, dass die Betroffenen das Spielen aufgeben. "Wir wollen die Leute ja nicht ins Steinzeitalter zurückführen. Eine globale Abstinenz ist heute im Internet- und Medienzeitalter gar nicht möglich", entschärft Müller derartige Befürchtungen. "Wir sind in unserer Therapie durchaus abstinent orientiert. Das heißt, dass wir in der Diagnostik wirklich ganz akkurat schauen, was sind denn das für Computerspiele, in denen schon ein suchtartiger Umgang aufgetreten ist. Bei einem Computerspielsüchtigen ist es eben nicht so, dass er von einem Tetris oder Pac-Man so abhäng ist wie von einem Online-Rollenspiel. Meist beschränkt sich die Sucht auf ein Haupt-Genre, in 90 Prozent der Fälle eben auf klassische Online-Rollenspiele." Gegenüber diesen Genres wird dann eine Abstinenz ausgesprochen. Und die gilt lebenslang.

Fazit

Der Besuch in der Suchtambulanz Mainz und das Gespräch mit Psychologe Kai W. Müller verdeutlicht: Spielen ist ein tolles Hobby. Spielen macht Spaß. Und Spielen ist ein natürlicher Trieb jedes Menschen. Doch es darf eben nie das echte Leben ersetzen, die eigene Gefühlswelt komplett beherrschen und uns kontrollieren. Wer erkennt - ob alleine oder mit Hilfe von Außenstehenden -, dass er computerspielsüchtig ist oder sein könnte, der sollte sich dafür nicht schämen. Sondern sich Hilfe suchen und sich positiv mit dem Thema auseinander setzen.

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