05.02.2013, 08:58 Uhr | Sabine Schischka (ams / nic), Richard Löwenstein
Moderne Märchen erzählen nicht mehr von schlafenden Prinzessinnen und armen Mädchen, die Zündhölzer verkaufen müssen. Stattdessen kommen sie aus dem japanischen Zeichentrickfilmstudio Ghibli und erzählen von Fischen, die sich in kleine Mädchen verwandeln und plüschigen Waldgeistern, die in großen Bäumen hausen. Bis vor wenigen Jahren wurden die “kindischen“ Zeichentrickfilme von Erwachsenen oft noch belächelt, mittlerweile genießen sie sogar bei ihnen teilweise Kultstatus. Aus diesem Grund schafft es nun mit über einem Jahr Verspätung auch das erste Rollenspiele von Studio Ghibli und Entwickler Level-5 nach Deutschland. Und das PS3-exklusive Ni no Kuni wickelt mit liebevollen Helden und augenzwinkernden Details nicht nur Kinder in Sekunden um den Finger.
Gerade ältere Fans von Ghibli werden von der ersten Videosequenz an begeistert sein, in der der kleine Oliver aus seiner Heimatstadt Motorville durch ein magisches Portal in die Parallelwelt Ni no Kuni - zu Deutsch: das zweite Land - reist. Diese Mischung aus animierten Rendervideos und dem Charme typisch “analog“ gezeichneter Ghibli-Filme toppt optisch selbst die brillanten Videos eines “Final Fantasy“. Nun will Oliver zusammen mit dem rotzfrechen Großfeenmeister Tröpfchen nicht nur die Seelenverwandte seiner verstorbenen Mutter finden, sondern auch die Welt von den Machenschaften des bösen Zauberers Shadar befreien. Dazu muss er aber erst selbst zu einem mächtigen Zauberer werden. Wie gut, dass der Dreikäsehoch dazu bis zu 100 Spielstunden Zeit hat, denn es gilt einiges zu lernen.
Das Kampfsystem entwickelt sich vom anfänglichen Echtzeit-Kloppen schnell zu einer Art taktischem “Pokémon“-Geplänkel. Schließlich kann sich ein kleiner Junge kaum den Monstern der Welt - schafähnlichen “Määhdreschern“, bissigen “Kleinen Kläffern“ und “Mecharnickeln“ - allein erwehren. Deshalb beschwört er Vertraute: Kleine Wesen, die Olivers Herzen entspringen und seine Kampfbefehle ausführen. Aber auch er selbst kann später mächtige Feuerbälle und Eiswinde herbeizaubern und damit selbst Bossgegner wie den zickigen Wächter des Waldes und den Rattenkönig Mausezahn XVII. vermöbeln. Auf Dauer werden die sehr zahlreichen Kämpfe dann aber doch etwas eintönig - vor allem, wenn man sich eingespielt hat und weiß, wie man seine Angriffe ausspielen muss, um zu gewinnen.
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Während solche Kämpfe und das Drumherum aus Stufenaufstieg, neuen Fähigkeiten und dem Kauf neuer Ausrüstung rund die Hälfte der Spielzeit einnehmen, entfällt die andere Hälfte auf Erkundungen von Wüsten, Wäldern, Gebirgen und Eislandschaften aus der Verfolger-Perspektive und das Erfüllen von Aufträgen in den fantasievollen Städten der offenen Spielwelt. So ist im Königreich Katzbuckel etwa der rote Lieblingshering von seiner Miaujestät Katerkönig Tom XIV. entschwommen und ein Bewohner der Himmelsstadt Perdida braucht dringend ein paar kalte Umschläge aus dem frostigen Julheim gegen seine Rückenschmerzen. Absolut herzig!
Solcherlei Aufträge sind zwar nicht unbedingt innovativ, bringen Oliver aber zusätzliche Erfahrungspunkte und bisweilen auch automatische Levelaufstiege ein - und sind außerdem mit so gut übersetzten Dialogen unterfüttert, dass sie einfach nur Freude bereiten. Der raue, japanische Osaka-Dialekt mancher Figuren wird etwa durchs gleichwohl kaltschnäuzige Ruhrpott-Deutsch eingefangen und wer sich mit den Katzenvölklern in der Herbergs-Kette “Katzenkorb“ unterhält, wird bald feststellen, dass sie nicht nur “miaußergewöhnlich kuschelige Zimmer anbieten, sondern miauch einfach schnurr eine abgefahrene Sprache sprechen“.
Der Grafikstil aus handgezeichneten Videos und Kulissen, sowie animierten Spielszenen ist einzigartig und gefällt ohne Abstriche. Auch beim generellen Monster- und Weltendesign beweisen die Entwickler Fantasie und weichen ab von festgetretenen Rollenspiel-Pfaden. Daran kann man sich selbst innerhalb der ungewöhnlich üppigen Spielzeit von bis zu 100 Stunden nicht satt sehen.
Das Kampfsystem erfordert ein bisschen Übung und könnte mit seinen typisch japanischen, zwischengeschalteten Kampfbildschirmen nicht jedem gefallen. Zudem gibt es ausschließlich japanische und englische Sprecher mit deutschen Untertiteln - insbesondere jüngere Kinder dürften bei so viel Text im Spiel schnell aufgeben.
Das Warten hat sich gelohnt: “Ni no Kuni“ ist ein Rollenspiel-Kleinod, wie es nur selten von Fernost nach Europa schwappt. Wer nur halbwegs etwas mit Rollenspielen und Ghibli anfangen kann, darf sich Oliver magische Reise nicht entgehen lassen!
Titel: Ni no Kuni - Der Fluch der Weißen Königin
Genre: Rollenspiel
Publisher: Namco Bandai
Hersteller: Level-5
Release-Termin: 1. Februar 2013
Preis: Noch nicht bekannt
System: PS3
USK-Freigabe: Ab 12 Jahren
Einschätzung: Sehr gut
Quelle: Sabine Schischka (ams / nic), Richard Löwenstein
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