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Freigegeben zum Durchspielen: Wie Altersfreigaben auf Spiele kommen

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Jugendschutz  

Freigegeben zum Durchspielen: Wie Alterskennzeichen auf Spiele kommen

03.03.2016, 13:34 Uhr | jr / ams, dpa-tmn

Freigegeben zum Durchspielen: Wie Altersfreigaben auf Spiele kommen. Freigegeben zum Durchspielen: Alterskennzeichen auf Spielen (Quelle: Julia Naue)

Freigegeben zum Durchspielen: Alterskennzeichen auf Spielen (Quelle: Julia Naue)

Die bunten Altersfreigaben der USK finden sich auf fast allen Computerspielen. Die dafür nötige Bewertung erledigen passionierte Spieler, Sichter genannt. Die 25-jährige Lara ist eine von ihnen und investiert schon mal 50 Stunden in ein Spiel. 

Fliegen schwirren um die Wunde des Mannes, der mit einer Harpune aufgespießt wurde. Er ist eindeutig tot. Sherlock Holmes betritt den Raum. Er trägt einen Anzug, auf seinem Kopf ein schicker Hut. "Ganz schön eitel dieser Typ", sagt Lara, während sie die Spielfigur steuert. "Also, das ist third person perspective", erklärt sie. Lara hat das Computerspiel im Griff, sie weiß genau was zu tun ist. "Es sind aber ganz schöne Kopfnüsse dabei", gibt die junge Frau zu. Draußen vor dem Fenster ragen der Berliner Fernsehturm und das Soho House in den Himmel, doch Lara hat nur Augen für das Geschehen auf dem großen Bildschirm an der Wand. Denn Lara ist Sichterin.

Das bedeutet, dass sie zwei Wochen Zeit hat, um ein Computerspiel durchzuspielen. Komplett. Das ist ein Ehrenamt, sie bekommt knapp 60 Euro pro Spiel. Die 25-Jährige testet unveröffentlichte Spiele für die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Das ist die freiwillige Selbstkontrolle der Computerspielewirtschaft. Die USK organisiert das Verfahren, bei dem schließlich staatliche Vertreter Alterskennzeichen für Spiele vergeben.

Aber von vorn: "Wir testen Computerspiele und Apps auf ihre Jugendschutzaspekte", fasst Felix Falk, Geschäftsführer der USK, zusammen. Am Ende werden die Spiele für ein bestimmtes Alter freigegeben. Diese Altersfreigaben müssen seit 2003 auf jedem im Handel erhältlichen und für Kinder und Jugendliche zugänglichen Spiel abgedruckt sein. Spiele werden in fünf verschiedene Freigabestufen gegliedert - von weiß für Spiele ohne Altersbeschränkung bis rot für Spiele ohne Jugendfreigabe. Ein Spiel ohne USK-Kennzeichen gilt automatisch als "Ab 18".

"Wir testen hier auf Herz und Nieren", sagt Falk. Das ist vergleichbar mit der FSK, der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. "Nur dass ein Film etwa zwei Stunden geht", erklärt Falk. Bei einem Computerspiel sind es leicht 50 oder mehr Stunden. Und dafür hat die USK Sichter - acht sind es derzeit. Sie bekommen die unveröffentlichten Spiele zum Durchprobieren. "Das muss hier vor Ort passieren - wegen der Geheimhaltung der noch unveröffentlichten Spiele", sagt Falk. Deshalb hat Lara hier auch keinen Nachnamen. Sie soll nicht erkannt werden - sonst könnten sich womöglich Spielehersteller an sie wenden und versuchen, Einfluss auf sie zu nehmen.

Eine unabhängige Einstufung ist aber wichtig. Denn Kinder und Jugendliche können nicht immer reflektiert darüber nachdenken, was im Spiel vermittelt wird. "Manchmal wird man in einem Spiel für bestimmte Handlungen belohnt - zum Beispiel Gewalthandlungen", erklärt Wolfgang Lenhard von der Universität Würzburg. Er forscht unter anderem zum Thema Computerspiele. Dass Gewalt zum Erfolg führt, kann ein Handlungsmuster sein, das Kinder und Jugendliche dann erlernen. Hinzu kommen drastische Darstellungen von Gewalt, die traumatisieren können.

Das heißt aber nicht, dass PC-Spiele automatisch Gewalt fördern, betont Lenhard. Und sie können sogar positive Effekte auf das räumliche Vorstellungsvermögen haben. Dennoch war es das Gewalt-Vorurteil, das Marek Brunner zur USK gebracht hat. Er ist Leiter des Testbereichs, die Sichter sind seine Schützlinge. Vor über 20 Jahren war er auf einer Podiumsdiskussion. "Da hat jemand gemeint, Computerspiele seien der Untergang des Abendlandes und werden uns alle umbringen", erzählt er. Brunner hielt eine Gegenrede, die damalige Leiterin des Testbereichs saß im Publikum und wurde auf den damals 18-Jährigen aufmerksam. Er wurde Sichter. Bis heute, gut 20 Jahre später, hat er mehr als 10.000 PC-Spiele gespielt.

Wenn man ihn nach seinen Lieblingsspielen fragt, hört er gar nicht auf zu erzählen. "Die Zelda-Reihe ist ganz weit oben." Es fallen Namen wie "Fire Emblem" oder "Super Hexagon" und noch viele, viele mehr. "Jedes Videospiel ist eine neue Welt. Und jeden Tag, wenn wir hier Pakete aufmachen, ist das wie Weihnachten." Mit "wir" meint Brunner auch die beiden Sichter, die hinter ihm sitzen. Mit Mate und Döner haben sie es sich vorm PC gemütlich gemacht, auf dem Bildschirm ist ein großes grünes Tier mit vielen Füßen zu sehen. Es scheint der Gegner zu sein, denn es verschießt Blitze.

An der Wand hängt eine große Tafel - eine Art Spielewunschliste. Dort steht, was die Sichter am liebsten spielen würden. "Japanische Rollenspiele sind jetzt nicht so beliebt, die dauern sehr lange", erklärt Marek. Wer ein schwieriges Strategiespiel bekommt, darf beim nächsten Mal etwas Kurzweiligeres durchspielen. Fakt ist aber: "Alle müssen durch alle Genres." Auch Laras "Most Wanted"-Spiele stehen auf der Tafel. Neben "Cyberpunk 2077" tanzen kleine rote Ausrufezeichen.

Die dunkelhaarige junge Frau wirkt selbstbewusst, wenn sie von ihrer Arbeit redet. Über eine Anzeige ist sie auf die Stelle als Sichter aufmerksam geworden. "Ich fand's cool, eine Bewerbung zu schreiben, bei der ich meine Lieblingsspiele aufzählen durfte." Lara spielt aber nicht nur gern am PC, sie macht Sport, spielt Badminton, geht ins Fitnessstudio - entspricht also nicht dem klassischen Klischee von Vielspielern. Gerade hat sie ihr Studium abgeschlossen.

Lara und die anderen Sichter können Tag und Nacht in die Räume der USK zum Spielen kommen. Sie haben einen Schlüssel. Es ist völlig egal, ob sie Sonntagnacht hier sitzen oder Mittwochfrüh. Doch mit dem Spielen allein ist es nicht getan. Am Ende müssen die Sichter eine Präsentation vorbereiten, die sie dem Prüfgremium präsentieren. Hier müssen sie vor allem die jugendschutzrelevanten Stellen des Spiels zeigen. "Wenn das Spiel zu 80 Prozent aus Rätseln besteht und nur zu 20 Prozent aus Kämpfen, dann kann ich nicht nur die Kämpfe zeigen", erklärt Lara.

Das Gremium besteht aus einem staatlichen Vertreter und vier Jugendschutzsachverständigen. Am Ende empfehlen die Sachverständigen eine Altersfreigabe, die der staatliche Vertreter übernimmt oder gegen die er in Berufung geht. Laras Arbeit und die der anderen Sichter ist die Grundlage für diese Altersfreigabe.

Deshalb müssen sie gut präsentieren können, erklärt Falk. Meist sind die Sichter Studenten, die das nebenher machen. "Wir brauchen niemanden, der Tag und Nacht spielt oder sich nur mit einem bestimmten Spielegenre beschäftigt", sagt er. Professionalität sei wichtig. Und Schweigsamkeit. Denn die Sichter dürfen auch ihren Freunden nichts über die Spiele erzählen - schließlich sind die ja alle noch geheim.

Damit am Ende nicht ein anderes Spiel auf den Markt kommt, als getestet wurde, sind die Hersteller verpflichtet, das veröffentlichte Spiel der USK zu schicken. In all den Jahren sind deren Räume so zu einer wahren Schatzkammer geworden. Mittlerweile lagern hier mehr als 20 000 Spiele, zwischen CDs stehen auch Disketten und andere Datenträger in den Regalen, deren Namen die meisten wohl längst vergessen haben. Auch das Sherlock-Holmes-Spiel, das Lara gespielt hat, findet sich dort. Es ist für Jugendliche ab 12 Jahren freigegeben. 

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