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Jahreswechsel - Einäugiger Riese: Crailsheims Otule trotzt Handicap

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Jahreswechsel  

Einäugiger Riese: Crailsheims Otule trotzt Handicap

29.12.2014, 10:25 Uhr | dpa

Jahreswechsel - Einäugiger Riese: Crailsheims Otule trotzt Handicap. Chris Otule trägt links ein Glasauge, rechts sieht er nur 75 Prozent.

Chris Otule trägt links ein Glasauge, rechts sieht er nur 75 Prozent. Foto: Sebastian Kahnert. (Quelle: dpa)

Crailsheim (dpa) - Es grenzt fast an ein Wunder, dass der Amerikaner Chris Otule in der Basketball-Bundesliga spielt. Denn der Center der Crailsheim Merlins hat von Geburt an nur ein Auge. Auch mehrere schwere Verletzungen warfen ihn nicht aus der Bahn. Er steht einfach immer wieder auf.

Ingo Enskat scheucht die Basketballer der Crailsheim Merlins lautstark durch die Trainingshalle. Immer wieder an diesem Abend lässt der Coach die Bundesligaprofis Spielsituationen einstudieren. Angriffe, Korbwürfe und das Defensivverhalten. Mittendrin steht Chris Otule, ein Hüne von 2,11 Metern Größe. Er breitet die Arme aus, wehrt Bälle ab oder holt sie sich vom Gegner zurück. Wohl keinem, der ihn nicht kennt, würde auffallen, mit welchem Handicap der Amerikaner beim Aufsteiger aus Hohenlohe spielt: Otule hat nur ein Auge, sein Gesichtsfeld ist daher stark eingeschränkt.

Gerade im Basketball mit seinen schnellen Aktionen und häufigen Richtungswechseln ist das nicht einfach. Links trägt Otule ein Glasauge, weil ihm das natürliche Auge wegen eines Glaukoms schon kurz nach der Geburt entfernt wurde. Rechts sieht er nur 75 Prozent. "Das ist bei ihm wie bei uns als ganzem Verein, er spielt eigentlich wider alle Vernunft in der BBL", erklärt Crailsheims Pressesprecher Jörg Schmitz. "Er hat diese Einschränkung und wir das mit Abstand kleinste Budget in der Liga."

Doch Otules Geschichte ist keine der Vernunft, sie ist eine des Willens und der Beharrlichkeit. "Wissen Sie, ich bin ein bescheidener Mensch. Ich habe nie etwas als gegeben hingenommen und immer gekämpft für das, was ich machen wollte", sagt der 24-Jährige.

Schon als er mit 18 Jahren ans Marquette College in Milwaukee kam, habe man gesagt, er könne mit nur einem Auge nicht spielen, erzählt der 122 Kilogramm schwere Center. Zuvor hatte er es mit Football versucht, weil ihm ein Arzt vom Basketball abgeraten hatte. Doch das war nichts. Er kehrte zurück zum Basketball und blieb sechs Jahre am Marquette, ehe er im vergangenen Sommer nach Crailsheim wechselte. "Die wenigsten würden mit einer solchen Einschränkung so einen Weg beschreiten wie er", betont Merlins-Coach Enskat.

Dabei belastet Otule sein fehlendes Auge gar nicht. Vielmehr waren es die schweren Verletzungen, die ihn in den USA fast aus der Bahn geworfen hätten. Als er sich vor drei Jahren nach zwei Fußbrüchen auch noch ein Kreuzband gerissen hatte, haderte auch der Muskelprotz mit dem Schicksal. "Das mit dem Auge kenne ich schon mein ganzes Leben, die Verletzungen waren viel schwieriger. Mir ging es damals richtig schlecht. Ich dachte: So, das war's, ich bin fertig."

Doch dann tat Otule, was er immer tut: aufstehen und weitermachen. "Das ist seine Natur als Spieler, das ist seine Natur als Mann: Er kommt einfach immer zurück", sagte sein früherer Co-Trainer Brad Autry einmal der Zeitung "USA Today". Geholfen habe ihm dabei auch sein tiefer Glaube, erklärt Otule, der stets mit einer speziellen Sportbrille spielt. Zudem muss er auf dem Feld häufiger den Kopf drehen als andere, um seinen Nachteil auszugleichen - wenn etwa ein ballführender Gegner vor ihm und ein weiterer Spieler der anderen Mannschaft links hinter ihm steht.

Der vor Kraft strotzende Profi gehört nicht zu den besten Spielern in der BBL und schon gar nicht zu den filigransten. Otule ist ein klassischer Brettspieler. Gegenspieler blocken, Würfe abwehren, sich im Gewühl unter dem Korb durchsetzen - das ist seine Welt. "Ich mag diese Körperlichkeit", sagt er. Ganze 6,8 Punkte pro Spiel erzielte er bei bisher 14 BBL-Einsätzen für den Tabellenletzten Crailsheim.

Dass er überhaupt so weit kam, hat auch mit seinem Marquette-Trainer Buzz Williams zu tun. Der förderte, aber forderte Otule auch - teils mit harter Kritik und Einzeltraining um fünf Uhr morgens. "Das war hart damals", erklärt Otule, der sich aber auch durch diese schwere Schule biss. "Ich wusste: Wenn es sich nicht im Basketball auszahlt, dann im restlichen Leben." Denn das Beste zu geben sei immer besser als aufzugeben.

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