Startseite
Sie sind hier: Home > Sport > Mehr Sport > Eishockey >

Uwe Krupp: "Deutschland ist noch immer ein Eishockey-Entwicklungsland"

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

"Dann müssen wir die Erwartungen anpassen"

16.12.2010, 09:10 Uhr | t-online.de, t-online.de

Uwe Krupp: "Deutschland ist noch immer ein Eishockey-Entwicklungsland". "Die Zahlen im Nachwuchs sind bedenklich", sagt Krupp. (Foto: imago)

"Die Zahlen im Nachwuchs sind bedenklich", sagt Krupp. (Foto: imago)

Das Interview führte Marc L. Merten

Uwe Krupp ist das Aushängeschild des deutsches Eishockeys. Und manchmal auch das schlechte Gewissen. Als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft schaffte er im Mai den sensationellen Einzug ins Halbfinale bei der Heim-WM. Doch nach der WM 2011 in der Slowakei ist Schluss. Der gebürtige Kölner kehrt zurück zu seinen Wurzeln und wird der neue starke Mann bei den Kölner Haien.

Im Interview mit t-online.de spricht der 45-Jährige über seine letzten Monate als Nationaltrainer, über seine Rückkehr zu den Haien - und den möglichen Gewissenskonflikt, als Kritiker des deutschen Eishockeys zukünftig selbst mit knappen finanziellen Mitteln erfolgreich sein zu müssen.

Herr Krupp, nach dem großen Erfolg bei der Eishockey-WM 2010 hoffen die Fans, dass Deutschland auch bei der WM nächstes Jahr in der Slowakei wieder für eine Überraschung sorgen kann. Wie realistisch sind diese Hoffnungen?
Krupp: Ich würde die Euphorie etwas bremsen. Was im Mai passiert ist, hat es seit 50 Jahren nicht gegeben. Und zu erwarten, dass wir da so leicht wieder stehen werden, ist nicht realistisch. Wir müssen uns, wie bei jeder WM, erst mal ganz auf die Vorrunde konzentrieren. Und da läuft es wohl wieder auf ein Spiel hinaus.

Das Spiel gegen Slowenien.
So ist es. Und wir wissen aus der Erfahrung der letzten sechs Jahre, dass wir nicht irgendein Spiel gewinnen müssen, sondern genau das Richtige, um weiterzukommen. Der Leistungsunterschied ist einfach zu gering, um weiter voraus zu schauen. Gewinnen wir das Spiel, sind wir in der Zwischenrunde und können uns nach oben spielen. Verlieren wir es, beginnt ein neues Turnier in der Relegation - und das ist beinhart.

Sie treffen in der Vorrunde neben Slowenien und Russland auch auf den Gastgeber Slowakei.
Die Slowakei hat lange auf dieses Turnier hingearbeitet und wird vor heimischem Publikum sicher sehr stark sein. Wir haben ja selbst noch in Erinnerung, was bei einer Heim-WM alles möglich sein kann.

Inwiefern hat der Heimvorteil der deutschen Mannschaft dieses Jahr geholfen?
Das war schon eine Hexenkessel-Atmosphäre! Du spürst diese Euphorie, die vom Umfeld und von den Zuschauern auf die Mannschaft überschwappt. Man kann das nicht hoch genug bewerten. Das hat uns einen riesigen Schub gegeben. Es geht häufig nur um ein paar Prozent. Unsere Fans waren da oft der Unterschied. Ohne die wären diese knappen Ergebnisse gegen Gegner, die eigentlich außerhalb unseres Niveaus liegen, nicht möglich gewesen.

Würden Sie Deutschland trotz des Halbfinal-Einzugs noch immer als Eishockey-Entwicklungsland bezeichnen?
Im Vergleich zu den Nationen, mit denen wir uns gerne auf Augenhöhe sehen würden, ja! Um in der Weltrangliste aufzusteigen, brauchen wir mehr Breite und mehr Spieler. Wir haben 25.000 bis 30.000 Eishockey-Spieler in Deutschland. Damit ist es sehr schwierig, gegen Top-Nationen wie Russland, USA oder Kanada zu bestehen. Nehmen Sie nur mal Kanada: Alleine Ontario hat 300.000 Nachwuchsspieler – und das ist nur eine Provinz. Da existieren wir einfach auf einem ganz anderen Level.

Die Schweiz hingegen als ein viel kleineres Land als Deutschland sieht sich selbst als eine der Top-Acht-Nationen der Welt. Was macht den Unterschied?
Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Die Schweiz hat den Anspruch der Top-Vier in der Welt. Ich bin überzeugt: Wenn die bei einer WM Achter werden würden, wäre das für sie maximal ein mäßiger Erfolg. Der Unterschied ist: Die Schweiz ist eine absolute Wintersport-Nation. Eishockey hat einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Wir sind eine Fußball-Nation. Bei uns gibt es Fußball, dann kommt lange nichts. Und dann kämpfen Handball, Basketball und Eishockey um die Positionen. Wir haben zwar relativ viele Fans, aber die Zahlen im Nachwuchs sind bedenklich.

Gerade in diesem Bereich fordern Sie seit Jahren Veränderungen. Woran hapert es wirklich?
Das Problem ist: Im Vergleich zu Sportarten, die schon in der Schule angeboten werden, müssen wir viel gezielter auf die Jugendlichen zugehen und sie motivieren zum Eishockey oder zum Schlittschuhlaufen zu gehen. Aber da klaffen eben noch große Lücken zwischen den einzelnen Standorten, die es schon sehr gut machen, und denen, die das Thema noch sehr stiefmütterlich behandeln. Diese bedrohliche Tendenz in unserem Sport ist zwar mittlerweile jedem bekannt, aber ob es auch umgesetzt wird, das ist wieder eine andere Sache.

Die Schweiz hat eine sehr strikte Ausländerregelung. Wenn Sie selbst für das Regelwerk der Deutschen Eishockey-Liga zuständig wären: Wie würde Ihre Regel zur Ausländerbeschränkung in der DEL lauten?
Die Schweiz ist in vieler Hinsicht ein Vorbild für uns. Aber nicht alles, was dort funktioniert, ist auch automatisch hier erfolgreich. Die Tendenz, was unsere Ausländer-Lizenzen angeht, geht in die richtige Richtung. Aber der wichtigste Punkt bleibt die Nachwuchsarbeit und Talentsuche selbst. Wenn wir da erfolgreich sind, lösen sich die anderen Diskussionspunkte in Sachen Ausländerreduzierung von selbst.

Wird die gezielte Nachwuchs-Förderung auch eine Aufgabe sein, die Sie bei den Kölner Haien erwartet? Die Haie sind ja ein Verein, der bereits viel in diesem Bereich tut.
Ein Teil meiner Aufgabe wird darin bestehen, eine Bindung zwischen den Profis und dem Nachwuchs herzustellen. Die Voraussetzungen sind in Köln schon sehr gut. Wir haben ausgebildete Nachwuchs-Trainer mit A-Lizenzen, sodass die Jugendlichen auf hohem Niveau gefördert werden. Und unser Ziel muss sein, dem ein oder anderen unserer Spieler im Profikader eine Chance zu geben.

Warum ist eine solche Nachwuchs-Basis wie in Köln nicht bei allen DEL-Teams vorhanden?
In erster Linie wird sich dort auf finanzielle Gründe berufen. Manches ist auch standortbedingt. Man braucht eine zweite Eisfläche, hauptamtliche Trainer - womit wir wieder beim Geld wären. Und eigentlich auch einen Eishockey-Direktor, der sich um die gesamten Nachwuchs-Abteilungen kümmert. Das ist ein Full-Time-Job, der bezahlt werden muss. Ich glaube nicht, dass man diesen Aufwand unter einer halben Millionen Euro pro Jahr betreiben kann. Einige Vereine machen diese Investition, andere gehen den leichten Weg und geben dieses Geld lieber für Import-Spieler aus.

Wie wird sich Ihre Rolle verändern, wenn Sie nicht mehr Nationaltrainer sind?
Als Nationaltrainer arbeite ich an der Front, quasi mit dem Endprodukt Spieler. Ich sehe, welche Spieler wo und wie ausgebildet werden. Das sind ganz wichtige Erfahrungswerte, die ich natürlich schon jetzt an die Vereine weitergebe. In Köln will ich diese Erfahrungen dann selbst umsetzen. Ich bleibe aber dem DEB erhalten. Dass ich nicht mehr als Bundestrainer arbeiten werde, heißt nicht, dass ich mich da rausziehe. Ganz im Gegenteil: Ich werde weiterhin an entsprechenden Maßnahmen mitwirken. Der Nachwuchs ist einfach eine Herzensangelegenheit für mich.

Sie haben es angesprochen: Nachwuchs-Förderung kostet viel Geld. Aber viele Vereine, auch Köln, haben große finanzielle Probleme. Geraten Sie da nicht in einen Konflikt? Bisher haben Sie als Nationaltrainer mehr Engagement von den Vereinen gefordert, ab nächster Saison müssen Sie als Vereinstrainer selbst mit beschränkten Mitteln sportliche Erfolge erzielen.
Deshalb ist es wichtig, die Philosophie im Verein zu ändern. Wir müssen die Erwartungen im Kölner Umfeld an unser Budget anpassen. Wenn man den Etat reduziert, was in Köln der Fall sein wird, muss man eben vermehrt auf den Nachwuchs setzen und schauen, welche jungen Spieler das Zeug haben, in der DEL zu bestehen. Wir müssen in Köln vor allem den Auswahlprozess der Spieler und die Investitionen in die Mannschaft optimieren. Die Personalkosten und der Tabellenplatz müssen sich rechnen.

Was zeichnet für Sie einen guten Spieler aus?
Ich rede da gerne vom "internationalen Spielertyp". Das ist der verantwortungsvolle Spieler, der nach vorne wie nach hinten arbeiten kann, laufstark und topfit ist. Das heißt nicht, dass ich nur Spieler suche, die laufen können und groß und stark sind. Aber bevor du mitspielen kannst, musst du erst mal mitlaufen können. Wir haben Spieler in der DEL, die pro Saison 100 Scorer-Punkte machen, aber läuferisch nicht die Qualitäten haben, um international mithalten zu können.

Aber wie können diese Spieler in der DEL dann überhaupt 100 Punkte machen?
Weil der Unterschied zwischen internationalem Eishockey und dem Hockey in der DEL erheblich ist. Die DEL ist vielleicht die siebt- oder achtbeste Liga der Welt. Internationales Eishockey wird aber von den besten Spielern der Welt gespielt. In der DEL wird viel häufiger Ost-West gespielt, also quer. Internationales Eishockey, nordamerikanisches Eishockey, Weltklasse-Eishockey wird Nord-Süd gespielt, mit Tempo und viel Drang zum Tor.

Hält sich die DEL für besser, als sie eigentlich ist?
Nein, ich glaube, die wissen genau, wo sie stehen.

Ihr Torhüter Dennis Endras steht aktuell bei t-online.de zur Wahl des Top-Sportlers 2010. Glauben Sie, dass einer Ihrer Jungs auch bei der nächsten WM eine so prägnante Rolle spielen kann wie Endras 2010?
Es wird sehr schwierig sein, zu wiederholen, was Dennis bei der letzten Weltmeisterschaft erreicht hat. Es hat noch nie einen Eishockey-MVP aus Deutschland gegeben. Das war schon außergewöhnlich. In die Fußstapfen von Dennis Endras zu treten, wird sehr schwer werden. Aber ich glaube, dass wir als Team wieder eine solch geschlossene Mannschaftsleistung abliefern können. Und: Wir haben eine Gruppe junger Spieler mit Talent. Wir werden wieder versuchen, für eine Überraschung zu sorgen.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
UMFRAGE
Wer wird deutscher Eishockey-Meister 2011?
Anzeige
Video des Tages
Dumme Idee 
Sprung auf Hai zeugt nicht gerade von Intelligenz

Diese Aktion hätte auch gerne in die Hose gehen können. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Auf flachen Sohlen - Schuhe für die kühle Jahreszeit

Angesagte Stiefel, trendige Schnürer, klassische Stiefeletten u.v.m. jetzt entdecken bei BAUR.

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de
Sport von A bis Z

Anzeige
shopping-portal