Politikwechsel
Ferrari geht volles Risiko11.09.2013, 16:58 Uhr | dpa, sid
Kimi Räikkönen (li.) und Fernando Alonso bilden ein neues "Dreamteam" in der Formel 1. (Quelle: xpb)
Sebastian Vettel zwingt Ferrari zu einem Politikwechsel. Auf der verzweifelten Verfolgungsjagd rückt die Scuderia vom Prinzip einer klaren Team-Hierarchie ab und schickt 2014 neben Fernando Alonso mit Kimi Räikkönen einen zweiten Ausnahmepiloten ins Rennen gegen den deutschen Formel-1-Dominator.
Die Zeit treu ergebener Edelhelfer wie einst Rubens Barrichello oder zuletzt Felipe Massa ist bei Ferrari damit vorerst vorbei, das Traditionsteam geht voll auf Risiko. Räikkönen erhält bei der Scuderia einen Vertrag für zwei Jahre.
Damit Ferrari geht zum ersten Mal seit 1953 mit zwei ehemaligen Weltmeistern in eine Saison. Damals steuerten Alberto Ascari und Giuseppe Farina die roten Boliden. In der jüngeren Vergangenheit setzte das Team auf eine klare Hackordnung unter seinen Piloten. Für Michael Schumacher hatte der Brasilianer Barrichello ebenso Platz zu machen wie Massa nun für Alonso.
Das vermeintliche "Dreamteam" Alonso/Räikkönen soll die Sehnsucht der Tifosi nach dem nächsten WM-Triumph endlich stillen - könnte aber auch zum Albtraum für den Traditionsrennstall werden. "Alonso wird das nicht gefallen", unkte bereits Niki Lauda, der selbst Weltmeister mit der Scuderia wurde. Seit der Ankunft Alonsos bauten die Italiener das Team ganz im Sinne und nach dem Willen Alonsos um. Doch an Vettel kam der Spanier nicht vorbei, auch in dieser Saison scheint Platz zwei das Maximum.
Nun muss Alonso den Anspruch auf Alleinherrschaft aufgeben. Während Massa dem stolzen Spanier stets zur Seite stand und ihn nie herausforderte, erwächst Alonso mit dem coolen Iceman ein Titelrivale im eigenen Haus.
Der Finne ist ein anderes Kaliber als der zu brave und fehleranfällige Massa. Räikkönen soll Alonso noch öfter ans Limit treiben, vor allem in der Qualifikation. Und er soll konstanter Punkte sammeln, um Red Bull auch die Konstrukteurskrone entreißen zu können.
Seine Zustimmung hat der Spanier vermutlich nur widerwillig erteilt. Ein erbitterter Kampf um den Nummer-1-Status ist zu erwarten - ähnlich wie bei Alain Prost und Ayrton Senna (McLaren) oder Prost und Nigel Mansell (Ferrari).
Ex-Weltmeister Jackie Stewart sieht die Verpflichtung Räikkönens deshalb auch kritisch. Das Talent des Finnen sei unbestritten, sagte die Rennlegende. "Es geht mir mehr um das destabilisierende Element. Bislang hat man Alonso bei Ferrari jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Aber ist das auch so, wenn an seiner Seite ein gleichwertiger Fahrer bei der Arbeit ist?", fragte Stewart. "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Alonso von der Verpflichtung Räikkönens begeistert ist."
Doch eine Flucht vor Räikkönen scheint keine Option für Alonso zu sein. "Ich habe keine Angst vor Kimi", hatte der 32-Jährige bereits vor drei Wochen gesagt, in Monza bekräftigte er nun seine Treue zur Scuderia. "Ich habe einen Vertrag bis 2016, und den werde ich erfüllen, vielleicht sogar noch einmal verlängern", sagte Alonso. "Ich möchte meine Karriere im besten Team der Welt beenden - und das ist Ferrari."
Was bedeutet der Wechsel für Fernando Alonso?
So voll des Lobes für sein Team war Alonso aber nicht immer. Verliert er, meckert er gerne über sein Auto. Deshalb forderte ihn Ferrari-Boss Luca di Montezemolo zuletzt auch zur Zurückhaltung auf. "Wenn du ein Familienvater bist, musst du deinem Sohn ab und zu mal die Ohren lang ziehen", sagte der Graf zuletzt. Räikkönens Verpflichtung wird deshalb auch als Ohrfeige für den aufmüpfigen Spanier gewertet.
11.09.2013, 16:58 Uhr | dpa, sid
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