Jochen Mass im Interview

Vettels Unfall in Malaysia war "peinlich ohne Ende"

04.10.2017, 20:39 Uhr | Tobias Ruf, t-online.de

Macht Sebastian Vettel (links) seinen Rivalen Lewis Hamilton auch in Japan nass? Jochen Mass (rechts oben) sieht den Deutschen in der Favoritenrolle.

Jochen Mass hat deutsche Motorsportgeschichte geschrieben. Im Gespräch mit t-online.de macht der 70-Jährige den Sebastian-Vettel-Fans Hoffnung und erklärt, auf welchen Strecken der Deutsche Vorteile gegenüber seinem WM-Rivalen hat. Zudem übt er scharfe Kritik am Reglement der Formel 1 und spricht über die Kollision zwischen Vettel und Lance Stroll auf der Ehrenrunde in Malaysia.

Herr Mass, ist der Kampf um den WM-Titel schon entschieden?

Jochen Mass (70): Noch kann einiges passieren, aber dass sich Hamilton den Vorsprung noch nehmen lässt, halte ich für unwahrscheinlich. Sebastian hat in Malaysia einen super Job gemacht, aber ich glaube nicht, dass es noch reichen wird. Eins ist aber klar. Wenn Sebastian den Titel noch holen will, muss er das nächste Rennen in Japan gewinnen.

Wie stehen seine Chancen auf der Strecke in Suzuka?

Gut, die Strecke sollte dem Ferrari liegen. Das Auto müsste dem Mercedes einen Hauch voraus sein, die Chancen auf einen Vettel-Sieg stehen gut.

Auf welchen kommenden Strecken hat Ferrari noch Vorteile?

In Brasilien sehe ich noch die Möglichkeit, Mercedes zu distanzieren. Alle anderen Strecken bieten für den Ferrari keine klaren Vorteile. Entsprechend schwer wird es für Sebastian, den Rückstand aufzuholen.

Hat Ferrari den Titel nach der Sommerpause leichtfertig vergeben?

Also der Unfall in Singapur war schon sehr unnötig, das hätte nicht passieren dürfen und hat Sebastian 25 Punkte gekostet. Das ist natürlich sehr viel. Ansonsten war Mercedes einfach stärker, das muss man so anerkennen.

Auf der Ehrenrunde in Malaysia hat es zwischen Vettel und Lance Stroll gekracht. Wie beurteilen Sie die Situation?

Das war peinlich ohne Ende. Stroll, von dem ich sehr viel halte, hat in dieser Situation einfach nicht aufgepasst. So etwas kann während eines Rennens passieren, doch aber nicht in der Auslaufrunde. Zum Glück muss Sebastian das Getriebe nicht wechseln.

Bei einem Getriebewechsel hätte Vettel der Verlust von fünf Startplätzen gedroht. Wäre das die richtige Entscheidung gewesen?

Definitiv nicht. Wenn Vettel dafür bestraft worden wäre, dass Stroll ihm ins Auto gefahren ist, dann hätten sich die Stewards lächerlich gemacht. Vettel hat an dieser Situation keine Schuld, auch die Technik hat keinen Fehler gemacht. Eine Strafe wäre absurd gewesen, aber das zieht sich durch viele Punkte im Reglement.

Welche Punkte meinen Sie genau?

Dass man für Veränderungen am Auto bestraft wird, kann ich prinzipiell nicht nachvollziehen. Früher war das Teil des Formel-1-Spektakels. Die Mechaniker wurden beklatscht, wenn Sie in kürzester Zeit komplexe Reparaturen durchgeführt haben. Heute gibt es dafür Strafen, das kann doch nicht sein.

Welchen Ursprung hat diese Regelung überhaupt?

Diese Reglung war als Kostenbremse gedacht. Die finanzstarken Teams sollten nicht den Vorteil haben, nach Belieben Teile austauschen zu dürfen. Aber diese Motoren sind so stabil heutzutage, dass diese Argumentation nicht greift. Da sollte man eher mal an der Punktevergabe feilen, die führt nämlich zu mehr Ungerechtigkeit.

Inwiefern?

Für einen Sieg gibt es zu viele Punkte. Zwischen dem ersten und dem zweiten Platz liegen sieben Punkte. Das spiegelt nicht immer die sportliche Leistung wieder und sorgt dafür, dass es an der Spitze nicht spannend genug ist. Diese Regelung muss hinterfragt werden, im Sinne des Sports.

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