18.10.2012, 21:23 Uhr | sid
Fehleinschätzungen, Aktionismus, mangelnde Kritikfähigkeit und kein Wille zur Diskussion: Mit deutlichen Worten hat Zweitligist Union Berlin den Maßnahmenkatalog gegen Gewalt in Fußballstadien abgelehnt und ist damit auf Konfrontationskurs mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) gegangen. Auch Ligakonkurrent FC St. Pauli lehnte das Schriftstück nach einer internen Diskussion ab.
"Der vorliegende Maßnahmenkatalog ist kein sinnvolles Mittel, um den fraglos vorhandenen Problemen zu begegnen", hieß es in der Erklärung der Berliner: "Einigen konstruktiven und nachvollziehbaren Ansätzen steht eine Vielzahl von oben herab bestimmten Maßnahmen und rechtlich anzuzweifelnder Sanktionierungen entgegen, die nicht zur Normalisierung beitragen und dem notwendigen Dialog im Weg stehen."
Bis zum Montag können die 36 Profivereine zu dem Konzept des Ligaverbands Stellung nehmen und eigene Ideen vorschlagen. Bei der Vollversammlung am 12. Dezember soll das Konzeptpapier "Sicheres Stadionerlebnis" verabschiedet werden.
Der unter der Leitung des DFB-Vizepräsidenten Peter Peters erarbeitete Katalog enthält unter anderem die Streichung von TV-Geldern, Lizenzstrafen, verstärkte Kontrollen und längere Stadionverbote. Vereinheitlicht werden soll zudem die Video-Überwachung und die Schulung der Sicherheitskräfte. Auch der Austausch mit der Polizei soll intensiviert werden. Und auch stärke Personenkontrollen, sogenannte Vollkontrollen, sollen vor dem Spiel möglich sein.
Auf neun Seiten äußern die Verantwortlichen der Berliner nun deutliche Kritik an den vorgestellten Maßnahmen. Selbst die nüchterne und analytische Sprache mildert die teilweise heftigen Vorwürfe nicht ab. Die Hauptkritik: Für die Grundannahme, dass es in letzter Zeit überhaupt zu mehr Gewalttaten in und um Fußballstadien gekommen sei, fehlten belastbare Zahlen.
Die Verbände würden zudem mit den neuen Sanktionsmaßnahmen den Dialog mit den Fans behindern. Und dass "DFB/DFL ihre Macht derart ausspielen", führe "derzeit auf eine beunruhigende Eskalation zu" - also eigentlich genau das, was die Verbände eigentlich verhindern wollen.
Das Präsidium des FC St. Pauli monierte in einer Stellungnahme, dass "der vielfach unterstellte Anstieg von Gewalttaten im Fußball empirisch bislang unbelegt geblieben ist." Die damit vorgeschlagenen Maßnahmen seien als unverhältnismäßig, unangemessen und in Teilen unzweckmäßig zu bewerten.
Vize-Präsident Dr. Gernot Stenger zog sich deshalb aus der "Kommission Sicherheit" zurück. Dennoch ist der Klub bereit, einen Reformprozess zu begleiten.
Der Vorstoß der Berliner ist der Liga-Spitze ein Dorn im Auge. Liga-Chef Reinhard Rauball hatte eindringlich vor einem derartigen Verhalten gewarnt. "Das gemeinsame Vorgehen ist das A und O bei diesem Thema. Nur so kann das Vorhaben Erfolg haben. Es darf nicht sein, dass sich einige Klubverantwortliche zu Lasten der Solidargemeinschaft bei den Fans profilieren wollen", hatte Rauball bei der zurückliegenden Vollversammlung gesagt.
Möglicherweise war das bereits eine Warnung an Union, denn als einziger Verein war der Klub dem Sicherheitsgipfel in Berlin im Juli ferngeblieben. Nach Ansicht der Eisernen habe es dort keine Möglichkeit zu einer ergebnisoffenen Diskussion gegeben. In ihrer Stellungnahme machen die Berliner allerdings auch konkrete Vorschläge. So sollen Fanvertreter als Beisitzer in den Vorstand des Ligaverbands, des Aufsichtsrats der DFL und des Präsidiums des DFB aufgenommen werden. Zudem sei eine Erhöhung der Mittel für Fanprojekte zwingend notwendig.
Quelle: sid
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