12.11.2012, 16:47 Uhr | sid
Der beim Fan-Gipfel in Berlin geschlossene Burgfrieden mit den Verbänden ist noch keine zwei Wochen alt, da rumort es wieder unter den Fußball-Anhängern. Die umstrittenen Kontrollen Frankfurter Fans vor der Allianz Arena in München stoßen auf heftige Kritik und könnten das Klima in der Sicherheitsdebatte wieder vergiften. "Das war völlig unverhältnismäßig und auch rechtswidrig", sagte Wilko Zicht, Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußball-Fans (BAFF).
Insgesamt seien bei den Kontrollen zum Spiel 20 Messer, zwei Schlagstöcke, ein Schlagring, eine Sturmhaube, Pfefferspray und Kokain sichergestellt worden, erklärte der Verein. Der FC Bayern hatte etwa 40 der insgesamt gut 6000 Frankfurter Fans vor Betreten des Stadions in extra bereit gestellten Zelten gesondert überprüft. Die Kontrollierten mussten ihre Jacken ausziehen, und die Taschen wurden nach Pyrotechnik durchsucht.
Fan-Sprecher Zicht will nicht an eine Einmaligkeit der Aktion glauben: "So etwas ist im Sicherheitskonzept der DFL vorgesehen. An einen Zufall glaube ich da nicht." Ob das Beispiel München Schule macht und in Zukunft bei allen Bundesligaspielen manche Fans in eigens dafür aufgestellten Zelten näher untersucht werden, ist schwer vorherzusagen. Nach Informationen der "Bild" lehnen viele Klubs, darunter Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach, solche Maßnahmen ab. "Wenn es so weit kommt wie am Flughafen, dass wir durch Schleusen laufen müssen, dann hat der Fußball verloren", sagte zum Beispiel Manager Fredi Bobic vom VfB Stuttgart.
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Der Fanbeauftragte des VfL Wolfsburg, Holger Ballwanz, sieht "keine Notwendigkeit für verschärfte Kontrollen", eine Aufforderung zur kompletten Entkleidung müsse erst recht niemand befürchten: "Der Umstand, dass sich Fans komplett ausziehen müssen, stellt aus unserer Sicht einen rechtlich fragwürdigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Fans dar."
Von solchen Zuständen waren die von Polizei und Ordnungsdiensten durchgeführten Kontrollen in München aber offenbar weit entfernt. Es seien keine sogenannte Nackt-Scanner zum Einsatz gekommen, auch habe es sich nicht um Untersuchungen gehandelt, bei denen Personen sich ausziehen mussten. Kurt Benisch von der "neutralen Sicherheitsbeaufsichtigung" des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), welche die Aktion überwacht hatte, betonte, man habe die Maßnahme "für gut befunden". Wie der FC Bayern mitteilte, habe sich Münchens Polizeivizepräsident Robert Kopp beim Klubvorstand für die getroffenen Maßnahmen bedankt.
Die Fans kritisieren jedoch auch die Möglichkeit der Willkür. "Wer wird denn aus der Masse rausgezogen? Jemand, dessen Hose ausgebeult ist, oder jemand, dessen Gesicht einem nicht passt?", sagte BAFF-Sprecher Zicht. Die Arbeitsgemeinschaft Fananwälte bezeichnete die Durchsuchungen als rechtswidrig und intensiven Eingriff in Grundrechte. Der "Nordwestkurven-Rat" der Frankfurter Eintracht sprach von einer "in höchstem Maße entwürdigenden Maßnahme". Der "zaghaft begonnene" Dialog zwischen Fans, Vereinen und Politik werde damit torpediert.
Ein Fan-Aufstand und die in dieser Sache ablehnende Haltung vieler Vereine könnten einen weiteren Rückschlag für das umstrittene und noch nicht verabschiedete DFL-Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" bedeuten. Mehrere Klubs wie Union Berlin, FC St. Pauli, VfL Wolfsburg oder der VfB Stuttgart hatten den ersten DFL-Entwurf abgelehnt und damit die Debatte angeheizt. Am 12. Dezember will die DFL das Papier auf seiner Mitgliederversammlung beschließen - sonst droht ihr die Politik das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen.
Quelle: sid
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