19.12.2012, 12:53 Uhr | t-online.de
Von Johann Schicklinski
Es war das Jahr des Christian Streich. Der Trainer des SC Freiburg trat sein Amt bei den Breisgauern am 29. Dezember 2011 an – und es schien für den früheren Profi eine "Mission Impossible“ zu werden. Der SCF stand nach der Hinrunde des Saison 2011/2012 mit nur 13 Zählern auf dem letzten Tabellenrang, der Abstand zum rettenden 15. Platz betrug bereits fünf Punkte. Noch dazu wurde in der Winterpause mit Papiss Demba Cisse der Torjäger der Freiburger abgegeben, der Senegalese wechselte für die vereinsinterne Rekordablösesumme von 13,5 Millionen Euro zu Newcastle United in die Premier League. Dazu verließen mit Heiko Butscher, lange Zeit Kapitän des SC, und Felix Bastians verdiente Kräfte den Klub.
Damit schien für Experten und Fans festzustehen, dass der Sportclub im Kampf um den Klassenerhalt wohl keine Chance mehr haben wird. Doch dann kam Streich, bis dato A-Jugend-Coach und Co-Trainer beim SCF, der den glücklosen Marcus Sorg ablöste. Der Rest ist Geschichte.
27 Zähler holte Streich mit seinem Team der "Jungen Wilden“ in der Rückrunde und führte Freiburg sensationell noch auf Rang zwölf. In der neuen Saison bestätigte die junge Truppe dies und liegt zur Winterpause als Fünfter auf einem Europa-League-Platz. "26 Punkte in der Liga und wir haben den Leuten immer wieder Freude gemacht, das ist nach wie vor das Wichtigste“, sagt Streich nach dem 1:0-Erfolg im DFB-Pokal beim Karlsruher SC, der den Freiburgern das Überwintern im prestigeträchtigen Wettbewerb sicherte.
In der Bundesliga hat der SC ein grandioses Fußballjahr 2012 durch den Sieg auf Schalke mit 53 Punkten abgeschlossen – neuer Rekord für die Breisgauer. Eine Bestmarke, die noch nicht einmal in den besten Zeiten unter dem damaligen Trainer Volker Finke erreicht worden ist. Streich will aber dennoch nicht an höhere Ziele denken – im Gegenteil. "Über allem steht der Nichtabstieg“, sagte der 47-Jährige dem "kicker". "Wenn ich ans internationale Geschäft denke, müsste ich sogar Angst haben. Vereine, die überraschend in einen internationalen Wettbewerb kommen, steigen häufiger im darauffolgenden Jahr ab."
Eine Philosophie, die kein Understatement ist. Diese Bescheidenheit will er auch seinem Team vermitteln: "Es wird sich jetzt zeigen, wie wir mit Lob umgehen können. Das kommt auf uns zu und auch hier kommen wir irgendwann an unsere Grenzen", sagt Streich.
Das Ende seines Fußballjahres erlebte Streich so, wie es typisch für ihn und seine hochemotionale Art ist. Beim Erfolg in Karlsruhe hatte er so lange an der Außenlinie getobt, bis Schiedsrichter Jochen Drees ihn auf die Tribüne schickte. Streich findet es "ein bisschen schade", aber er wird es ob des Erfolgs seiner Elf verschmerzt haben. Seine Art polarisiert jedenfalls, er gilt in der Szene als "wandelnder Vulkan", aber Streich ist eben kein Schauspieler, sondern mit ganzem Herzen dabei.
Trotz seiner Erfolge mit Freiburg will Streich nicht als "Trainer des Jahres" bezeichnet werden. "Den gibt es nicht", sagt er: "Alle Trainer, die arbeiten und fleißig sind, sind Trainer des Jahres." Stattdessen gibt er das Lob an seine Mitarbeiter und an seine Mannschaft weiter: "Das dokumentiert, dass viele Leute bei uns wahnsinnig intensiv gearbeitet haben."
Bis zum Trainingsauftakt am 2. Januar haben Streich und seine Mannschaft nun erst einmal Zeit, das Jahr und die Erfolge zu verarbeiten. Streich will in der fußballfreien Zeit vor allem eines: Abschalten. "Ich komme schnell runter", sagt der impulsive Trainer. "Ich brauche nur ein paar andere Häuser und ein paar andere Menschen sehen, dann denke ich nicht mehr an Fußball." Er freut sich darauf, "jetzt mal ein paar andere Dinge zu tun, als Gegner zu studieren und den ganzen Tag zu reden. Wir haben ein bisschen was geleistet, das Ganze lass ich jetzt mal sacken.“
Quelle: t-online.de
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