23.02.2012, 13:38 Uhr | t-online.de
Fühlen sich eng verbunden: Uli Hoeneß und Jupp Heynckes. (Quelle: imago)
Nein, Jupp Heynckes steht beim FC Bayern München nicht vor der Entlassung. Daran ändert auch das 0:1 im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League beim FC Basel nichts. Aber der 66-Jährige wirkt ratlos. Genauso wie Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Der Rekordmeister taumelt gefährlich nah am Abgrund und könnte in den kommenden vier Wochen alle Ziele der Saison aus den Augen verlieren.
"Ich glaube, es ist jetzt ein wichtiger Moment in der Saison von Bayern München", sprach Rummenigge auf dem Bankett der Bayern nach dem Spiel in Basel. "Wir haben wunderbare Zeiten gehabt an Weihnachten. Trotzdem macht man sich Sorgen und Gedanken, was eigentlich passiert ist zwischen Weihnachten und heute, dass wir hier jetzt unzufrieden sitzen." Der Schock sitzt tief in München. Auch, weil nicht zu erkennen ist, wie Mannschaft und Trainer das Ruder wieder herumreißen wollen. Besonders Trainer Jupp Heynckes bleibt dabei viele Antworten schuldig.
Dabei war der Busenfreund von Uli Hoeneß im Sommer 2011 mit großen Erwartungen an die Säbener Straße zurückgekehrt. Spaß wollte er den bayrischen Stars wieder vermitteln: am Spiel, am Training, an der Taktik, am Sein als Spieler des FC Bayern München. Und es gelang. In der Hinrunde dominierten die Münchner die Bundesliga über weite Strecken nach Belieben. In der Champions League zeigte Heynckes' Truppe gegen ManCity und Neapel überragende Spiele. Und auch im DFB-Pokal blieb man schadlos.
Und als der FCB zu Jahresbeginn das "beste Trainingslager aller Zeiten" (Heynckes) absolvierte, schien alles bereitet für den Angriff aufs Triple: die Meisterschale aus Dortmund zurückholen, den DFB-Pokal nach zwei Jahren wieder gewinnen und dann, ja dann im eigenen Stadion den Champions-League-Triumph feiern. Doch 87 Tage vor dem Finale der Königsklasse in München drohen alle Träume zu platzen.
Die Highlights und die Analyse der Bayern-Pleite in der Champions League. zum Video
"Es ist absolut bedenklich, was hier passiert ist", polterte Ehrenpräsident Franz Beckenbauer nach dem Spiel gegen den Schweizer FCB. "Basel hat das Spiel verdient gewonnen." Er sprach von "Lethargie", von "Bewegungslosigkeit" - und niemand widersprach. "Ich weiß, was zu tun ist", versuchte Heynckes später zu beruhigen. Nur was? Beckenbauer wunderte sich: "Er war erstaunlich locker. Ich hätte gedacht, er ärgert sich mehr."
Heynckes will an der "Ruhe" im Team arbeiten. Es fehle das Selbstverständnis, so der Coach, "manchmal auch die taktische Disziplin". Aber es mehren sich die Stimmen, die auch sein stures Festhalten am 4-2-3-1-Spielsystem kritisieren. Der schlimme Aschermittwoch in Basel hat aufgezeigt, was schon seit Wochen in der Liga zu beobachten ist: Gefangen in ihrem taktischen Korsett ist die Mannschaft unfähig, sich von den Vorgaben zu lösen und für überraschende Momente zu sorgen. Mönchengladbach leitete die Entwicklung zum Auftakt der Rückrunde ein, der HSV führte sie weiter und selbst der SC Freiburg zeigte dem Rekordmeister seine spielerischen Grenzen auf. Der FC Basel musste nur das weiterführen, was die Bundesliga vorgemacht hatte.
Trotzdem gibt es keine bösen Worte der Bayern-Oberen in Richtung Trainer. Der erste Grund, der auch am Mittwoch wieder für den schwachen Auftritt genannt wurde, war vielmehr das Fehlen von Bastian Schweinsteiger. Eine Ausrede, die Beckenbauer gehörig auf den Geist geht. "Das darf kein Grund sein, dass jetzt alle schlechter spielen. Da sind jetzt alle gefragt!" Besonders Kapitän Philipp Lahm rückte dabei in den Mittelpunkt der Kritik. "Ich wünsche mir einen, der dem ein oder anderen mal in den Hintern tritt. Lahm ist eigentlich der Erste, der den Mund aufmachen und die Zügel anziehen müsste. Aber das ist nicht sein Naturell", so der Kaiser.
Ins gleiche Horn stieß Ex-Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld. Die Bayern seien aktuell ein Team ohne Leader. "Da muss auch mehr Bereitschaft kommen von ihm als Kapitän. Das reicht nicht", zeigte sich Hitzfeld vom Verhalten Lahms enttäuscht. "Er muss mitreißen! In einem Spiel wie heute erwarte ich, dass er sich auskotzt." Umso erstaunlicher kam da die Wahrnehmung des Kapitäns daher. Das blamable 0:1 sei aus Lahms Sicht "allgemein ein gutes Spiel" seiner Bayern gewesen.
Nach der Niederlage in Basel begibt sich Bayern-Fan Elmar auf die Suche nach dem Fehler im System. Der Trainer ist nur ein Teil davon. zum Video
"Wir haben nicht viele extrovertierte Spieler", kommentierte Heynckes das Thema Führungsspieler lapidar. Er forderte, dass die Mannschaft "das im Kollektiv lösen" solle. "Meiner Meinung nach müssen die Spieler mehr miteinander reden und dirigieren." Es wird aber auch seine Aufgabe sein, die Mannschaft spielerisch wieder auf Kurs zu bringen. Das Heimspiel am Sonntag gegen den Tabellennachbarn Schalke ist da schon richtungsweisend, bevor nach zwei weiteren Bundesliga-Duellen das Rückspiel gegen Basel und anschließend das Pokalspiel gegen Gladbach folgen.
"Meine Mannschaft und ich sind selbstbewusst genug zu glauben, dass wir das noch umbiegen können. Lassen Sie uns bis zum Rückspiel warten. Dann wird zusammengerechnet", sagte Heynckes denn auch mit Blick auf die Königsklasse. Und auch Rummenigge und Hoeneß glauben weiter daran und lassen ihren Coach daher machen. "Es hat keinen Sinn, jetzt hier großen Zirkus zu machen", stellte Rummenigge klar. Hoeneß wollte hingegen nichts mehr öffentlich sagen. Er stellte sich Seite an Seite mit Heynckes vor die Mannschaft und teilte ihr mit, wohin es den Verein in dieser Saison noch tragen soll: zum Triple.
Uli Hoeneß und Karl Heinz Rummenigge sind nach der Bayern-Pleite in Basel sichtlich angefressen. zum Video
Quelle: t-online.de
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