01.02.2012, 19:09 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de
Nur unter bestimmten Bedingungen hat Schulsport einen positiven Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)
Dass Sport und Bewegung für Kinder wichtig sind, ist keine neue Erkenntnis. Doch wissenschaftlich untersucht wurde diese These erst kürzlich von der Universität Bern in einer Studie über Schulsport und seinen Einfluss auf die Persönlichkeitsbildung der Kinder. Die Ergebnisse untermauern zwar, dass Sport wichtig für die Entwicklung des kindlichen Charakters ist, doch die Studie stellt auch klar, dass sich solche positiven Effekte nur unter bestimmten Bedingungen einstellen.
Die Kultusministerien aller Bundesländer betonen in ihren Lehrplänen die pädagogische Schlüsselrolle, die Sport als einzigem obligatorischem Bewegungsfach zukommt. "Schulsport soll", so formuliert es etwa der hessische Lehrplan, "bei allen Kindern und Jugendlichen die Freude an der Bewegung und am gemeinschaftlichen Sporttreiben wecken und die Einsicht vermitteln, dass kontinuierliches Sporttreiben verbunden mit einer gesunden Lebensführung sich positiv auf ihre körperliche, soziale und geistige Entwicklung auswirkt. Gleichzeitig soll Sport in der Schule Fähigkeiten wie Fairness, Toleranz, Teamgeist, Einschätzen der eigenen Leistung und Leistungsbereitschaft, fördern und festigen." Ob diese pädagogischen Ziele tatsächlich erreicht werden können, hat nun zu ersten Mal eine empirische Studie der Universität Bern bei Schweizer Schülern untersucht.
Der Studienleiter und Direktor des Sportinstituts, Achim Conzelmann, beobachtete mit seinem Team zweimal zehn Wochen lang Schüler aus der fünften Klasse: "Insgesamt haben wir 23 Schulklassen getestet. Sechs Klassen hatten als Vergleichsnorm herkömmlichen Unterricht. Bei 17 anderen Klassen wurde der Unterricht in verschiedene Schwerpunkte eingeteilt. Der Lehrer war angewiesen, das Verhalten jedes einzelnen zu beobachten und dies mit ihm und schließlich im Klassenverband zu reflektieren."
Im Zentrum der Studie stand das Selbstbild der Schüler und die Frage, wie sich die Selbsteinschätzung verändert, wenn der Lehrer immer wieder interveniert und die Kinder regelmäßig ihre eigene Leistung und ihr Handeln hinterfragen. "Dabei ging es nicht um die Einschätzung akademischer Leistungsfähigkeit, die eher Wissensfächer wie Mathe oder Bio betreffen", so Conzelmann. "Uns interessierte das soziale, emotionale und physikalische Selbstkonzept der Kinder. Dabei haben wir festgestellt, dass Sport nicht per se den Charakter formt, sondern dass nur bestimmte Sportarten auch bestimmte Persönlichkeitseigenschaften fördern. Das verhält sich ähnlich wie bei der Aktivierung von verschiedenen Muskeln im Körper: Wer Langstrecken läuft, darf nicht erwarten, dass er dann Bizeps wie ein Ringer bekommt."
So konnten die Forscher bei Mannschaftssportarten wie etwa Fußball oder Handball und bei Sportspielen besonders gut die soziale Kompetenz der Schüler beobachten. Dabei stellte sich heraus, dass das Spiel an sich, die Fähigkeit nicht förderte, sich kameradschaftlich, tolerant oder fair zu verhalten. "Nur durch die häufige Reflexion und die kritische Selbstbetrachtung wurden diese sozialen Eigenschaften der Kinder optimiert", erklärt Achim Conzelmann. Dadurch lernten sie ständig dazu und konnten irgendwann das Spiel nach den Regeln der Fairness und Kameradschaft gut selbst regulieren.
Die Instrumente für die kritische Reflexion waren entweder "Sporthefte", in die die Kinder regelmäßig ihre Selbsteinschätzung niederschrieben und dann ihre Sichtweise im Gespräch mit dem Lehrer hinterfragten, oder Videokameras, mit denen Spiele aufgezeichnet und analysiert wurden. Letzteres funktioniert jedoch nur, wenn das Spiel häufiger als üblich zwecks Kritik unterbrochen wird. "Solche Time-Outs haben sich vor allem bei beliebten Sportarten wie Fußball bewährt", erläutert der Studienleiter. "Dabei reicht oft eine kurze Intervention. Wenn eine Zwischenbemerkung wie 'Freunde denkt dran, dass Felix schon seit zehn Minuten den Ball nicht mehr hatte' auf eine negative Situation hinweist, ist das schon ein ausreichender Denkanstoß für die Kinder und bringt sie beim Thema Kameradschaft ein Stück weiter."
Um bei den Schülern die Fähigkeit zu fördern, ihre Ängste beziehungsweise ihren Mut richtig einzuschätzen, wählten die Sportwissenschaftler Disziplinen, bei denen es auch darauf ankommt, Hilfestellung zuzulassen und anderen zu vertrauen. "Hier waren akrobatische Übungen wie Balancieren und abgesichertes Klettern an einer Wand ideal. Oder die Kinder sollten sich von einem Podest blind nach hinten in die Arme anderer fallen lassen", schildert Conzelmann. Die Schüler übten auf diese Weise, ein kalkulierbares Wagnis einzugehen, über ihren Schatten zu springen und mit ihren Gefühlen umzugehen. Diese Lernschritte wurden häufig wiederholt und durch die "Vorher-Nachher-Reflexion" mit dem Lehrer besprochen.
Die dritte Säule der Studie war die körperliche Leistungsfähigkeit. Getestet wurde dies vor allem bei Ausdauer- und Krafttraining sowie bei Hochsprung und Hürdenlauf. Auch hier führten die Schüler Buch und verglichen in Feedbackgesprächen ihre Selbsteinschätzung mit ihren tatsächlichen Leistungen. Das Wichtigste: "Der Vergleich mit Mitschülern sollte immer vermieden werden. Das ist keine gute Grundlage", meint Studienleiter Conzelmann. "Kinder sollen lernen, sich nur an sich selbst zu messen. Nur das bringt sie weiter. Sie müssen sich fragen: Wie hoch bin ich heute im Vergleich zu gestern gesprungen? Und nicht: Bin ich heute höher als Felix gesprungen?"
Die Schlussfolgerungen der Wissenschaftler bestätigen zwar im Ansatz die uralte These, dass Sport eine persönlichkeitsbildende Wirkung haben kann, dies jedoch nur unter bestimmten Umständen funktioniert: "Nur durch eine fachliche Differenzierung, wie wir sie durchgeführt haben, und durch eine intensive Reflexion mit den Lehrkräften ist es möglich, die kindliche Persönlichkeit in ihrer Entwicklung zu fördern", folgert Conzelman. Die Kinder der 17 Klassen, bei denen immer an der Selbsteinschätzung gearbeitet wurde, waren nach der Studie allesamt positiv eingestellt: Sie agierten motivierter, spielfreudiger, geschickter und selbstbewusster als diejenigen, die "normal" unterrichtet wurden.
Wegen dieser Ergebnisse ist für Conzelmann die Rolle des Pädagogen wichtiger denn je: "Man darf nicht meinen, dass jeder X-Beliebige Sport unterrichten kann. Gute Sportlehrer, ebenso wie Vereinstrainer, haben eine Schlüsselfunktion für die Entwicklung der Kinder. Sie unterrichten in einem sehr breit angelegten Fach, das mehr kann als andere Schuldisziplinen." Denn nur im Sport, so fasst der Studienleiter zusammen, könnten mit den entsprechenden Methoden sowohl soziale Kompetenzen, empathisches Verhalten, emotionale Werte als auch Leistungsbereitschaft gleichzeitig geschult und ein ganzheitliches positives Selbstbild vermittelt werden. Dies seien Lerneffekte, die für das ganze Leben prägend sein können.
01.02.2012, 19:09 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de
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