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Die verordnete Freude zur Frauen-WM

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Danke, brauchen wir nicht

30.06.2011, 17:30 Uhr | dapd

Die verordnete Freude zur Frauen-WM . Ein Anhänger auf einer Fanveranstaltung zur Frauen-WM in Dortmund. (Foto: imago)

Ein Anhänger auf einer Fanveranstaltung zur Frauen-WM in Dortmund. (Foto: imago)

Eine Kolumne von Jonny Giovanni

Am Wochenende im Rewe-Markt: Eine Kleinfamilie, Mann, Frau, ein Kind,  bekommt von der Kassiererin die Sammelbilder zur Frauen-WM zu den Einkäufen gelegt, die die Warenhandelskette neuerdings verteilt. Das Kind ist traurig; früher gab es hier immer Tieraufkleber. Der Mann zuckt mit den Schultern und will die neuen Sticker gerade verstauen, als seine Frau einschreitet und sie der Kassiererin zurückgibt: „Danke, brauchen wir nicht.“

Es gibt viele Mythen über diese Frauen-WM. Einer besagt zum Beispiel, dass sich besonders Frauen dafür interessieren. Das ist Unsinn. Männer sind generell sportbegeisterter, also finden sich dort auch eher Unentwegte, die ihre Sommerzeit mit kickenden Kolumbianerinnen, Schwedinnen und Nordkoreanerinnen verbringen wollen. Wie Formel-1-Fahrer Nico Rosberg schon sagte: „Es gibt doch auch die Paralympics, die man sich auch anguckt.“

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Keine Tradition, keine Rivalitäten

Womit wir beim zweiten Mythos wären: Dem, dass es sich bei einer Frauen-Fußball-WM um eine wichtige Sportveranstaltung handelt. Wonach definiert sich eine solche? Durch Tatort-Auftritte von Theo Zwanziger?

Wohl eher durch prinzipielles Interesse an einem Sport, wie, um nicht den Männerfußball zu bemühen, in Deutschland etwa beim Handball, Basketball oder sogar Biathlon. Durch Tradition, wie beim Tennisturnier von Wimbledon, dem Formel-1-Rennen in Monaco, der Abfahrt in Kitzbühel. Durch gewachsene Rivalität, wie bei einem Fußballspiel von Deutschland gegen Holland, einem Eishockeyspiel zwischen den USA und Kanada, dem Ruderrennen von Oxford gegen Cambridge. In den besten Fällen: durch alles drei.

Ist es uns so langweilig?

Die Frauen-WM erfüllt keines dieser Kriterien. Für den Sport interessiert sich normalerweise kaum einer – zu Bundesliga-Spielen verirren sich in etwa so viele Leute wie zum Wasserball. Tradition hat die WM auch nicht, sie wird erst seit 1991 gespielt und erreichte erst 1999 bei der Austragung im Frauenfußballmekka USA so etwas wie Aufmerksamkeit. Von besonders reizvollen, gar brisanten Gegnerschaften wäre ebenfalls nichts bekannt.

Rosbergs Vergleich, der im Übrigen nicht chauvinistisch gemeint war, trifft die Sache schon ganz gut. Die Frauen-WM verhält sich zur Männer-WM wie die Paralympics zu den Olympischen Spielen. So wie die Paralympics am gleichen Ort ausgetragen werden, um von Olympias Sog zu profitieren, kommt die Frauen-WM jetzt als um fünf Jahre verzögertes Anhängsel der Männer-WM daher. Von Fanmeile bis Angela Merkel, von "Sommermärchen" bis "Schland": Die alten Rituale und Vokabeln werden einfach wieder ausgegraben. Wobei die Frage erlaubt sein muss: Ist uns wirklich so langweilig, dass wir jetzt schon eine Frauen-WM zum Happening stilisieren müssen?

Bloß nicht als Chauvinist dastehen

Natürlich hat Rosberg allerlei über sich ergehen lassen müssen in den letzten Tagen, er gilt jetzt als frauen- und behindertenfeindlich, als Ewiggestriger, als Supermacho. Warnende Beispiele vor Augen sind Sportler und Prominente jedweder Couleur von ihren PR-Beratern politisch korrekt gebrieft worden, sich als Fan der Frauen-WM zu outen, um bloß nicht als Chauvinisten dazustehen. So richtig Kompetentes können die vermeintlichen Fans dann aber auch nicht über den Frauenfußball sagen – aus den erwähnten Gründen haben sie wie fast alle Bürger keine Ahnung davon. Es ist ein trauriges Spektakel, dass vor allem eines zeigt: Wie die öffentliche Meinung manipuliert wird.

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DFB und Fernsehen, Sportartikelfirmen und Sponsoren, Redaktionen und Bundeskanzleramt haben eine PR-Kampagne vom Zaun gebrochen, wie sie dieses Land selten erlebt hat. Es hört sich natürlich immer schön an, von Gleichberechtigung zu reden, von Powerfrauen und Amazonen.  Und wer wäre man, nicht die Leidenschaft der Frauen für ihren Sport zu honorieren oder ihnen gar das Recht abzusprechen, ihre Besten zu ermitteln. Doch genauso klar sollte sein, worum es unter dem ganzen Nebel von Sonntagsreden wirklich geht – um Kommerz und Quote, um Wählerstimmen und neue Märkte.

Fernsehen und DFB betreiben Propaganda

Wenn sich der übertragende (öffentlich-rechtliche) Fernsehsender und der ausrichtende (gemeinnützige) Fußball-Bund gemeinsam einen Krimi ausdenken, der dann eine Woche vor Turnierbeginn am besten Sendeplatz der deutschen Fernsehwoche über den Sender gejagt wird, dann ist das nichts anderes als Propaganda. Die Motive sind nicht schwer zu erkennen: Die TV-Anstalten haben Angst vor einem Quotenloch mit der Frauen-WM (deshalb wird auch meist nur bis 20 Uhr gespielt) und wollen sich außerdem mit dem Fußball-Bund gut stellen, weil der ja auch über das kostbarste Gut auf dem Rechte-Markt verfügt, die Länderspiele der Herrenmannschaft. Der Fußballbund wiederum sieht sich in neue Sphären vorstoßen, denn das Potenzial bei den Männern ist so gut wie ausgereizt. Aber wenn nur halb so viele Frauen die Stiefel schnüren, Trikots kaufen und Fußballträume träumen – das brächte noch viel mehr Geld und noch mehr Macht.

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Schon vor Jahren hat Fifa-Chef Joseph Blatter die Devise ausgegeben: "Die Zukunft des Fußballs ist weiblich." Angesichts der beachtlichen Einschaltquoten beim Eröffnungsspiel scheinen sich die strebsamen Deutschen mal wieder als Musterschüler zu erweisen. Doch das Interesse ist nicht von unten gewachsen, sondern von oben verordnet, und deshalb hat es momentan noch enge Grenzen. Im Rewe-Markt jedenfalls liegen die Frauen-Trikots in einem staubigen Eck neben verwelkten Blumen. Und wenn nach der WM dann erneut der Alltag im Frauen-Fußball beginnt, braucht sich sowieso niemand wundern, wenn die Deutschen wieder sagen: Danke, brauchen wir nicht.

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