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Kolumne: Warum Frauen-Fußball nicht schön anzusehen ist

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Warum Frauen-Fußball nicht schön anzusehen ist

08.07.2011, 19:57 Uhr | t-online.de

Kolumne: Warum Frauen-Fußball nicht schön anzusehen ist. US-Girl Lauren Cheney schirmt den Ball gegen die Schwedin Annica Svennsson (li.) ab. (Foto: imago)

US-Girl Lauren Cheney schirmt den Ball gegen die Schwedin Annica Svennsson (li.) ab. (Foto: imago)

Von Jonny Giovanni
Alles war angerichtet für eine spektakuläre Schlussphase. Die USA, Nummer eins der Weltrangliste, lagen in ihrem letzten Gruppenspiel überraschend 1:2 gegen Schweden zurück, und wenn sich daran nichts änderte, müssten sie im Viertelfinale gegen Mitfavorit Brasilien antreten. Sie würden deshalb einen Sturmlauf entfachen, über die Flügel angreifen, durch das Zentrum kombinieren, mit dem verwundeten Stolz des Olympiasiegers ihre ganze Klasse zeigen.

Wenn nicht jetzt, wann dann würde es Esprit und Drama zu sehen geben bei dieser Frauen-WM? Wann das vermeintliche Macho-Urteil widerlegt werden, Frauenfußball sei nicht interessanter als ein D-Jugend-Kick?

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Kick and Rush und missglückte Klärungsaktion

Aber die USA kombinierten nicht durch das Zentrum. Sie griffen auch nicht über die Flügel an. Sie variierten nicht, sie wählten immer dasselbe Mittel. Sie bolzten aus der eigenen Hälfte den Ball nach vorne, einen nach dem anderen, immer Richtung Strafraumeck, damit ihn die schwedische Torhüterin nicht wegfangen könnte, und in der Hoffnung, dass eine missglückte Klärungsaktion der Verteidigung vielleicht zu einem günstigen Abpraller führen möge. Spekulieren auf den zweiten Ball, nennt man das in der modernen Fußballsprache. Früher sagte man: Kick and Rush.

So primitiv haben bei den Männern zuletzt britische Abstiegskandidaten gespielt oder die deutsche Nationalmannschaft zur Zeit der Kopfballstürmer "Flipper" Klinsmann und "Malta-Fuß" Bierhoff.  Bei den Frauen spielen fast alle so, jedenfalls die Teams aus der nördlichen Hemisphäre wie die USA, Deutschland, Schweden. Das liegt zum einen an der durchaus charmanten Eigenheit, dass nationale Charakteristika noch ausgeprägter sind als bei den Männern; während etwa die Kolumbianerinnen zu kreiseln versuchten wie einst ihre Männer bei Carlos Valderrama, bevorzugen die Nordländer einen wuchtigen, physischen Stil. Andererseits ist es aber einer großen Hilflosigkeit geschuldet. So wie die Kolumbianerinnen im Unterschied zu den Männern brotlos kreiseln, so fällt eben den USA auch nichts anderes ein als hohe, weite Bälle.

 

Wie schlechte Kopien

Das macht die Spiele bei dieser WM oft sehr unansehnlich, wie schlechte Kopien nicht nur des Männerfußballs, sondern eines veralteten, hässlichen Männerfußballs. Es verhält sich gewissermaßen umgekehrt wie beim Hockey oder Volleyball. Dort guckt man oft lieber den Frauen zu, weil deren Spiel weniger gewaltig und dadurch anmutiger, variabler ist. Beim Fußball lässt sich das beim besten Willen nicht sagen: Versteht man Grazie als weibliche Eigenschaft, dann ist ein Dribbling von Lionel Messi weiblicher als alles, was es bei der Frauen-WM zu sehen gibt.

Aber das ist doch bestimmt nur alles eine Frage der Zeit, der Frauenfußball bewegt sich doch in die richtige Richtung? Nun ja, es ließe sich genauso gut das Gegenteil behaupten. Früher hatte er noch den Charme der Naivität. Es wurde einfach angegriffen, es fielen viele Tore, und irgendwann ging den Spielerinnen die Kraft aus, weshalb gegen Ende des Spiels noch mehr Tore fielen (und meistens die Deutschen gewannen, denen die Kraft bekanntlich als letzten ausgeht). Doch inzwischen wird alles viel ernster genommen. Der Frauenfußball hat in den letzten Jahren einen großen Professionalisierungsschub erfahren, was bedeutet: Fast alle Teams sind physisch und taktisch auf der Höhe, und sie spielen auf Resultat. Bei dieser WM fällt im Schnitt pro Spiel über ein Tor weniger als bei der letzten 2007. Die Zeit des naiven Angreifens ist vorbei.

 

Um zu triumphieren, muss man rennen

Auch bei der Mannschaft, die, ob Männer oder Frauen, dafür fußballgeschichtlich immer zuvorderst zuständig war. Brasiliens Trainer Kleiton Lima betont, er habe in der Vorbereitung vor allem an der Physis gearbeitet, "da konnten wir uns noch am meisten verbessern". Der bekennende Anhänger von Carlos Alberto Parreira, dem gelernten Konditionstrainer und Weltmeistercoach von 1994, hat aus den Finalniederlagen der Brasilianerinnen bei der WM 2007 und Olympia 2008 dieselbe Lehre gezogen wie sein Vorbild aus den verlorenen Turnieren von 1974 bis 1990. Sie lautet: Um zu triumphieren, muss man rennen und verteidigen wie die Europäer(innen).

Wenn aber alle rennen und verteidigen, dann wird es kompliziert. Selbst für ein hochbegabtes Männerteam ist es schwierig, ein weniger begabtes Männerteam auszuspielen, solange dieses nur gut organisiert ist. Die Frauen sind damit erst recht überfordert. Brasiliens Ausnahmebegabung Marta mag vielleicht mal durch eine Einzelaktion ein besonderer Moment gelingen, aber kollektive Spielzüge für die Ewigkeit hat man bei dieser WM bislang nicht gesehen. Dafür bräuchte es hohe Präzision bei hohem Tempo bei allen Beteiligten; und weil das nicht funktioniert, werden eben hohe Bälle nach vorn gedroschen und auf die Abpraller gewartet.

Eigenen Charme kultivieren

Womöglich werden die Frauen irgendwann die nächste Entwicklungsstufe nehmen und ihr Offensivspiel an das der Männer annähern. Besser wäre es jedoch, wie die Kolleginnen aus anderen Sportarten eine eigene Spielart, einen eigenen Charme zu kultivieren, der aus mehr besteht, als – sehr erfreulich – nicht andauernd beim Schiedsrichter zu protestieren. Für mittelmäßige Herrenmagazine im Minirock zu posieren, ist damit ausdrücklich nicht gemeint. Eher eine Eleganz, die den Frauenfußball auch auf dem Platz interessanter macht als einen D-Jugend-Kick.

 

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