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Homosexualität: "Fußball ist alles - auch schwul"

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"Fußball ist alles - auch schwul"

11.12.2008, 11:04 Uhr | Ronny Blaschke, Spiegel Online

Die Hertha-Junxx beim Christopher Street Day in Berlin. (Foto: imago)Die Hertha-Junxx beim Christopher Street Day in Berlin. (Foto: imago) Der Trend ist unumkehrbar: Immer mehr schwullesbische Fanklubs werben in den Fußballstadien um Akzeptanz. Doch weiterhin gibt es große Widerstände in vielen Vereinen. Die Aktivisten denken dennoch nicht daran aufzugeben.

Wenn ihn jemand verprügeln würde, wäre es schlimm. Aber wenn jemand seine Mutter zu Hause anrufen und ihr drohen würde, wäre es unerträglich. Christian Deker hat sich viele Gedanken gemacht, wie die Verbindung zwischen Fußball und Privatleben seinem Umfeld schaden könnte. Einmal erhielt er eine Morddrohung, in der Anonymität des Internets. Er war eingeschüchtert, der Absender hatte sein Ziel erreicht.

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Gang in die Öffentlichkeit

Ein anderes Mal tauchten Fotos von ihm im Netz auf, niemand hatte ihn um Erlaubnis gebeten. "Damit müssen wir leider leben", sagt Deker. Er ist kein Politiker, Gerichtsvollzieher oder Insolvenzverwalter, er hat keinen Beruf, dem das Volk gern seinen Zorn aufbürdet. Er ist Fußballfan und homosexuell, nicht im Verborgenen, er trägt diese Kombination in die Öffentlichkeit, für ihn ist das normal wie Zähneputzen nach dem Aufstehen - für andere ist es das nicht. Deker, Mitte 20, hat Jura studiert und sich inzwischen einen Namen als Journalist gemacht. Auch deshalb wurde er zum Sprecher der Stuttgarter Junxx ernannt, des ersten schwullesbischen Fanklubs des VfB Stuttgart. "Wir wollen zeigen, dass die Verbindung Fußball und Homosexualität kein Widerspruch ist", sagt Deker.

Politisches Forum

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Mitglieder der Stuttgarter Junxx nicht von ihren Kollegen anderer Fanklubs. Sie gehen ins Stadion, singen, schreien, schimpfen und klatschen, sie fahren zu Auswärtsspielen, pflegen ihre Beziehung zum VfB mit Hingabe. Doch die Junxx sind auch ein politisches Forum, vielleicht das wirkungsvollste auf der Tribüne. Sie treten nicht in Nadelstreifen auf, sondern in Rot und Weiß, mit Vereinsschal und Trikot.

Mut zur Rebellion

Deker erinnert an das Halbfinale des Ligapokals gegen den FC Bayern 2007, er stand wie immer in der Kurve des VfB und stimmte ein in die Gesänge der Fans. Plötzlich schickten die Stuttgarter dem Torwart des Gegners einen donnernden Gruß: "Michael Rensing ist homosexuell." Deker hatte diese Schmähungen oft gehört, sie haben ihn auch persönlich getroffen, wie eine wuchtige Ohrfeige, dieses Mal brachte er den Mut auf, um zu rebellieren. "Was soll das?", fragte Deker seine Platznachbarn, "ich bin schwul und fühle mich dadurch diskriminiert." Schweigen, verwirrte Blicke. Schwul? Fußball? Kann das sein? Nach einer Weile antwortete ein Stuttgarter Fan: "Du hast recht. Ich unterstütze dich." Die Anekdote verdeutlicht, wie leicht Klischees und Unwissenheit mit Worten entgegengewirkt werden kann. Deker hatte eine Weile gebraucht, um das zu verstehen. In der Pubertät war bei ihm der Gedanke gereift, dass er auf Männer stehen könnte, mit 17 war er sich sicher.

Unterstützung durch die Familie

Zu Hause hat es nie ein Problem gegeben. Seine Mutter war überrascht, hatte ein wenig Angst, schnell vertrieb sie Klischees von zwangsläufigen Krankheiten und Drogenproblemen aus ihren Gedanken, bald wirkte sie nur noch erleichtert. Gemeinsam sollten sie Jahre später für eine Titelgeschichte des "Stern" posieren, er stand im Vordergrund, lächelte, die Hände in den Taschen vergraben, sie saß hinter ihm, lächelte, die Hände auf dem Schoß verschränkt. Die Symbolik war eindeutig, die Mutter hält ihrem Sohn den Rücken frei. "Nicht jeder hatte es so einfach wie ich", erzählt Deker. Nachdem sich einer seiner Freunde aus dem Fanklub offenbart hatte, ließen ihm dessen Eltern acht Wochen Zeit, um sich eine neue Wohnung zu suchen. Ihre Position war weit verbreitet, und sie ist es noch immer: Schwul? Dann hat die Familie eben ein Mitglied weniger

Plätze nicht im Fanblock

Werner Pohlenz ist aktiv bei den Hertha-Junxx, dem ersten schwullesbischen Fancklub Deutschlands. Pohlenz, Anfang 40, ist Nachrichtensprecher. Seine tiefe, klare Stimme ist sein Kapital. Er genießt die Zeit bei den Junxx, er ist gern mit Leuten zusammen, die ähnlich denken, fühlen, und die gemeinsam mit ihm über Figuren und Frisuren neuer Spieler diskutieren, ohne einen strafenden Blick zu erhalten. Den Vorwurf, sie würden sich abschotten, hört Pohlenz nicht gern. Dass sie während der Heimspiele im Berliner Olympiastadion nicht in der Kurve der hartgesottenen Hertha-Fans stehen, hat auch Sicherheitsgründe. Noch sind sie nicht überall willkommen, sie verfolgen die Spiele lieber auf der anderen Seite der Arena. Ihr Banner mit den Regenbogenfarben und dem Vereinswappen ist aus jedem Winkel zu erkennen, darauf steht geschrieben: "Fußball ist alles - auch schwul".

Unfreiwilliges Outing

Damit werde Homosexualität ins Bewusstsein der Zuschauer getragen, glaubt Mitstreiter Gerd Eiserbeck. Er ist Polizist, im Dienst war er gegen seinen Willen geoutet worden. Sein Chef sagte daraufhin, wer mit Schwulen ein Problem habe, solle gefälligst die Klappe halten. Eiserbeck hat nie einen Misston vernommen, seine Kollegen schätzen ihn, nur seine Familie weiß nichts von seiner Neigung, sie kann es sich vermutlich denken.

Unterstützung durch Hertha BSC

Entsprungen ist die Idee für die Gründung der Hertha-Junxx 200, nach Diskussionen in Internet-Foren und im schwulen Stadtmagazin "Siegessäule". Hertha BSC sagte seine Unterstützung zu, stellte den Klub in seinem Magazin vor, die Mitgliederzahl wuchs, wenngleich nicht alle zu den Spielen kommen. "Wir holen das Thema aus der Schmuddelecke", sagt Pohlenz, "und wir zeigen, dass das Leben von Homosexuellen normal und langweilig sein kann wie das von Heterosexuellen. Diese Akzeptanzarbeit ist uns wichtig."

Spieler auf der Weihnachtsfeier zu Gast

Inzwischen ist aus dem Fanklub ein eingetragener Verein geworden, der sich etabliert hat. Einmal erschien der ehemalige Hertha-Abwehrspieler Malik Fathi auf der Weihnachtsfeier. Er brachte Zeit mit, war freundlich, schrieb Autogramme. Und vergaß nicht zu betonen, dass er hetero sei, hundertprozentig, ganz sicher, ohne Zweifel.

Gründungen in der Schweiz und Spanien

Das Modell machte Schule. Nach den Hertha-Junxx entstanden Queerpass auf St. Pauli, die Rainbow-Borussen in Dortmund und die Stuttgarter Junxx, mittlerweile sind zwölf schwullesbische Fanklubs deutscher Vereine gegründet worden. Sie schlossen sich in einem Netzwerk zusammen (Queer Football Fanclubs). Hinzu kamen Queerpass Basel vom FC Basel, die Wankdorf-Junxx von den Young Boys Bern und Penya Blaugrana vom FC Barcelona. Weitere Gründungen sind geplant, doch ein Selbstläufer ist der Aufbruch heute nicht: In vielen Vereinen stehen Funktionäre solchen Initiativen weiterhin skeptisch gegenüber, in Teilen Osteuropas sind sie undenkbar.

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