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Wirtschaftskrise: "Der Weg der Bundesliga ist genau richtig"

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Fussball - Wirtschaftskrise  

"In England ist kein Einbruch in Sicht"

15.03.2009, 14:34 Uhr | t-online.de

Das Interview führte Johann Schicklinski

Michael Ballack vs. Cristiano Ronaldo - Die Topstars spielen in England. (Foto: imago)Michael Ballack vs. Cristiano Ronaldo - Die Topstars spielen in England. (Foto: imago) Stefan Ludwig ist ein Kenner der wirtschaftlichen Gegebenheiten im internationalen Klubfußball. Der Verantwortliche der Sportbusiness-Gruppe der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte ist Mitautor der jährlichen Studie "Annual Review of  Football Finance“. Ludwig arbeitet ebenfalls an der jährlich erscheinenden "Football Money League“ mit, in der die 20 umsatzstärksten Klubs Europas aufgelistet sind. Im Interview mit www.t-online.de spricht Ludwig darüber, warum die englischen Klubs auf Jahre hinaus die Nummer eins im Europapokal bleiben werden und warum die Bundesliga sich im internationalen Vergleich auf einem guten Weg befindet.

t-online.de: Herr Ludwig, die englische Premier League gilt seit einigen Jahren dank ihrer enormen Finanzkraft  als beste Fußball-Liga der Welt. Im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise gibt es nun auch aus Großbritannien negative Signale zu vermelden: Champions-League-Sieger Manchester United verliert den Trikotsponsor, die Premier League muss um ihren Namenssponsor bangen, viele Banken fordern von den Vereinen Kredite zurück. Verliert das Mutterland des Fußballs bald seinen Status als finanzkräftigste Liga der Welt?

Stefan Ludwig: Wenn man die Finanzkraft an den Umsatzzahlen festmacht, ist im Moment in England kein Einbruch in Sicht. Gerade erst wurde ein neuer TV-Vertrag für die Premier League abgeschlossen. Für die dreijährigen Übertragungsrechte ab der Saison 2010/2011 bezahlen der Pay-TV-Sender "BSkyB" und der Privatsender "Setanta" zusammen umgerechnet 2,03 Milliarden Euro. Dieser Kontrakt beschert den Klubs, die in England ja zentral vermarktet werden, sehr gute Konditionen, so dass die Premier League auch in den nächsten Jahren mit Abstand die umsatzstärkste Liga Europas bleiben wird.

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Wie erklären Sie sich diesen Abschluss, obwohl die Auswirkungen der Finanzkrise bereits zu spüren sind?

Zum einen funktioniert der Pay-TV-Sender "BskyB“ in England als Geschäftsmodell sehr gut. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Pay-TV ist in England sehr groß, so dass sich das auch in den Abonnenten-Zahlen niederschlägt. Eine Refinanzierung der hohen Kosten für das Premium-Produkt Premier League ist so möglich. Zum anderen gab es in England auch eine luxuriöse Bieter-Situation durch den Wettbewerb zwischen "BskyB“ und "Setanta“.
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Warum ist denn die Akzeptanz des Pay-TV, also die Bereitschaft, für ein Produkt extra zu zahlen, in England ungleich höher als in Deutschland?

Klar ist, dass Deutschland und England weit auseinanderklaffen, was die Abonnenten-Zahlen fürs Pay-TV angeht. Ich denke das liegt daran, dass die Fernsehmärkte an sich unterschiedlich sind. Zum einen hat Deutschland die mit Abstand größte Zahl an frei empfangbaren Fernsehsendern in Europa. Da ist die Bereitschaft der Leute, für einen Fernsehsender zusätzlich zur GEZ- und zur Kabel-Gebühr noch etwas extra zu bezahlen, eben nicht so ausgeprägt wie in England, wo es bedeutend weniger frei empfangbare Programme gibt. Zum anderen hat es "BskyB“ bereits früh verstanden, sich die Premier League als exklusives Produkt zu sichern und entsprechend zu vermarkten. Etwas, was "Premiere“ hierzulande nicht so gut gelungen ist.

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In England engagieren sich Investoren bei den Vereinen, vor allem bei den Top-Klubs. Gibt es Tendenzen, dass der Kreis möglicher Investoren im Fußball aufgrund der Finanzkrise kleiner wird? Oder ist das eher die Chance für einen neuen Typus an Investoren, z.B. der Abu Dhabi Investment Group bei Manchester City, hier Fuß zu fassen?

Es gibt auch in England nicht Investoren wie Sand am Meer, sondern eine kleine, überschaubare Anzahl an internationalen Investoren. Ich denke, dass es immer reiche Persönlichkeiten oder auch Gruppen geben wird, die sich durch eine hohe Affinität zum Fußball auszeichnet und die deshalb ihr Geld auch gerne in diesem Bereich investieren. Sicher wird sich das Investorenklima aufgrund der Finanzkrise etwas beruhigen, aber das Produkt Premier League bleibt interessant, zumal die Wachstumsraten zuletzt zehn Prozent und mehr betragen haben.

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Der Wirtschafts- und Fußballexperte Stefan Ludwig. (Foto: Deloitte)Der Wirtschafts- und Fußballexperte Stefan Ludwig. (Foto: Deloitte) In der Bundesliga sind Mehrheitsbeteiligungen für Investoren durch die sogenannte "50+1“-Regel nicht möglich. Demnach müssen 50 Prozent der Stimmenanteile zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmenanteils beim Verein verbleiben. Muss diese Regel fallen, damit die Bundesliga in Zukunft konkurrenzfähiger wird?

Das sollte nicht das entscheidende Argument sein. Zum Beispiel sind mit dem FC Barcelona und Real Madrid zwei Klubs in unserer "Football Money League“ ganz vorne dabei, die mitgliedergeführt sind. Es ist ja auch bereits möglich, sich bei den Top-Klubs zu beteiligen, nur eben nicht mit einer Mehrheit. Und selbst wenn die Regel fällt, sind die Klubs immer noch frei in der Entscheidung, ob und wen sie sich ins Boot holen.

Gibt es vor dem Hintergrund der Finanzkrise überhaupt Investoren, die bei einem Klub der deutschen Eliteliga einsteigen würden?

Ich sehe auch hierzulande ein günstiges Investorenumfeld, aber mit Ausnahme der Topklubs nicht unbedingt die "Global Players“, also weltweit operierende Investoren. Für die kleineren Klubs, die aufgrund ihres Umfelds möglicherweise Wachstumsbeschränkungen unterliegen, könnte ein Wegfall der "50+1“-Regel die Chance sein, auf eine gewisse Stufe zu kommen, indem sie regionalen Unternehmen eine Beteiligung ermöglichen.

Ist die "50 plus 1“ Regel in der Bundesliga ein Wettbewerbsvorteil oder -nachteil?

Das kommt ganz auf die Perspektive an und es obliegt den Klubgremien, ob man eine Mehrheit an den Stimmanteilen abgeben würde. Es ist den Klubs ja auch heute schon freigestellt, sich Partner ins Boot zu holen, nur dass für diese noch keine Mehrheitsbeteiligung möglich ist.

Richten wir einmal den Blick nach Südeuropa. Wie ist die Situation bei den Großklubs in Italien und Spanien? Wird auch hier in Zukunft gespart werden müssen?

Aus unseren Studien geht hervor, dass in diesen Ländern ein verhältnismäßig hoher Ratio von den Lohn- und Gehaltskosten zum Gesamtumsatz besteht. Die Topklubs haben im Vergleich zu den Bundesligaklubs, mit Ausnahme des FC Bayern München, mehr Einnahmen, auf der anderen Seite allerdings auch wesentlich höhere Ausgaben. Ich denke, dass die Klubs hier in Zukunft etwas mehr Vernunft walten lassen sollten, um den angesprochenen Quotienten noch etwas zu drücken.

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Welche Auswirkungen wird die Wirtschaftskrise Ihrer Meinung nach auf das Sponsoring in den europäischen Top-Five-Ligen haben?

Die Rückmeldungen, die wir bei Deloitte haben, deuten darauf hin, dass den umsatzstarken Top-Klubs keine konkreten Schwierigkeiten drohen, da sie durch ihre langfristigen TV- und Sponsorenverträge gut aufgestellt sind. Die Top-Klubs sind Premium-Marken, bei denen sich die Sponsoren im Normalfall nicht einfach so zurückziehen, da sie sonst ihre exklusive Position verlieren würden. Das zeigt auch das Beispiel Manchester United, bei denen es nach Rückzug des Trikotsponsors AIG bereits eine Vielzahl an potenziellen Nachfolgern gibt.

Sind auch die Bundesligisten hinsichtlich ihrer Sponsoren gut aufgestellt?

Schwierigkeiten sehe ich da eher für die kleineren, regional ausgerichteten Klubs, da sie eine überschaubarere Zahl an kleineren Sponsoren besitzen. Allgemein kann man aber für die Bundesliga sagen, dass die Klubs in Deutschland gut aufgestellt sind, durch relativ stabile Sponsoren-Pyramiden. Das heißt, dass die Vereine einen Hauptsponsor, mehrere Premiumpartner und eine Vielzahl an kleineren Sponsoren besitzen. Wenn dann der ein oder andere Partner weg bricht, fällt das nicht so ins Gewicht wie noch vor wenigen Jahren, als die Klubs noch nicht so gut aufgestellt waren.

Und wie wird die Finanzkrise den Zuschauerzuspruch in der Bundesliga beeinflussen? In einer Zeit, in der viele Fans jeden Euro zweimal umdrehen müssen?

Ich denke, dass gerade bei den Klubs mit einem hohen Fanpotenzial die Auslastung groß bleiben wird. Die Fans wollen ja auch etwas Ablenkung von den schlechten Nachrichten, die sie allzu oft in den Medien lesen müssen, und dabei erfüllt der Fußball sicherlich auch zukünftig eine wichtige Funktion.

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Kann sich die Bundesliga auch in Zukunft erlauben, trotz der modernsten Stadien weiterhin die billigsten Ticketpreise der europäischen Top-Ligen anzubieten?

Auch das ist ein Punkt, den jeder Verein für sich selbst entscheiden muss. Die Ticket-Preise werden hierzulande meiner Meinung nach weiter auf dem relativ niedrigen Niveau bleiben. Grund dafür ist die hohe Zahl an Stehplätzen in den deutschen Stadien, die es zum Beispiel in England gar nicht mehr gibt. Dort wurden per Regierungsbeschluss die Steh- in Sitzplätze umgewandelt, seitdem sind die Stadien dort auch sicherer.

Verändert die Finanzkrise den Fußball? Ist die Zeit der Super-Transfers vorbei?

Ich denke schon, dass sich im Bereich der "normalen Transfers“ die Ablösesummen etwas zurückentwickeln werden. Allerdings gibt es auch weiterhin einen Markt für die absoluten Weltstars, wie auch das Werben von Manchester City um Kaka gezeigt hat. Hierbei wird es sicherlich auch in Zukunft Ablösesummen im absoluten Spitzenbereich geben.

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Was bedeutet das für die Fußball-Bundesliga? Vom FC Bayern München weiß man, dass er ein stattliches Festgeldkonto besitzt, auch andere Vereine wie der Hamburger SV haben eine gut gefüllte Kasse. Wird die Bundesliga in der Champions League wieder konkurrenzfähiger, weil zahlungskräftiger?

Meiner Meinung nach ist der Weg der Bundesliga genau richtig. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie stark der finanzielle Druck in den anderen Ligen ist. In unserer "Football Money League“ hatten wir bereits in den letzten beiden Jahren jeweils vier deutsche Klubs in den Top-20, während Spanien beispielsweise nur mit dem FC Barcelona und Real Madrid vertreten ist. Auch ein Blick nach Italien zeigt, dass zum Beispiel Lazio Rom, bis vor ein paar Jahren Dauergast unserer Rangliste, völlig aus dem Bereich der umsatzstärksten Klubs verschwunden ist. Ich sehe in Deutschland neben dem FC Bayern mit Schalke 04, Werder Bremen, dem Hamburger SV, dem VfB Stuttgart oder auch Borussia Dortmund viele Klubs mit Potenzial, während in anderen Ligen die Schere zwischen reich und arm immer weiter auseinandergeht.

Sehen wir bald mehr Weltstars in der Bundesliga? 

Vielleicht nicht die absoluten Weltklasse-Spieler, aber ansonsten ist die Bundesliga gut aufgestellt und wird auch für Stars aus anderen Ländern immer attraktiver.

Vereine wie Hertha BSC oder Borussia Dortmund haben bereits öffentlich angekündigt, dass kein oder nur wenig Geld für Neueinkäufe in der nächsten Transferperiode zur Verfügung steht. Halten Sie diese konservative Ausgabenpolitik für richtig oder sollten die Vereine ein kalkulierbares Risiko durchaus eingehen? 

Ich halte es insofern für richtig, da ein gutes, altes kaufmännisches Prinzip lautet: Man soll nur soviel ausgeben, wie man einnimmt.

Abschlussfrage, Herr Ludwig. Wo steht der deutsche Klubfußball im internationalen Vergleich in fünf Jahren?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist sehr schwer, hier eine Prognose abzugeben. Ich persönlich hoffe, dass wir in Zukunft dauerhaft mit zwei Klubs unter den letzten 16 der Champions League vertreten sind. Ich sehe hier in Deutschland auch einige Kandidaten, für die dies aufgrund der finanziellen Voraussetzungen möglich ist.

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