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Lutz Pfannenstiel: Klinisch tot und unschuldig im Gefängnis

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Lutz Pfannenstiel  

Pfannenstiel: Klinisch tot und unschuldig im Gefängnis

01.12.2009, 11:23 Uhr | t-online.de

Das Gespräch führte Sebastian Schlichting

Lutz Pfannenstiel im Jahr 2007 im Trikot der Vancouver Whitecaps. (Foto: dpa)Lutz Pfannenstiel im Jahr 2007 im Trikot der Vancouver Whitecaps. (Foto: dpa) Lutz Pfannenstiel ist Fußball-Weltreisender - und Weltrekordhalter. Der Torwart hat als erster Profi bei allen sechs Kontinentalverbänden in einer Liga gespielt. Momentan ist er Sportdirektor und Spielertrainer beim Klub Ramblers in Namibia.

Im Interview mit t-online.de spricht Pfannenstiel über seine unglaubliche Karriere, über die er jetzt auch ein Buch geschrieben hat. Er erzählt, wie er in Singapur unschuldig im Gefängnis saß, in England auf dem Platz wiederbelebt werden musste, redet über beeindruckende und weniger schöne Stadien und verrät was hinter seinem Umweltprojekt "Global United" steckt.

Herr Pfannenstiel, in wie vielen Stadien haben Sie insgesamt gespielt?

Das hab ich letztens bei einem langen Flug versucht zu rekonstruieren. Es ist mir aber nicht gelungen.

Und so ungefähr?

Ich habe circa 550 Punktspiele als Profi gemacht. Dazu Freundschafts- und Pokalspiele. Ohne Gewähr würde ich schätzen, dass ich in mindestens 600 Stadien gespielt habe.

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Haben Sie ein Lieblingsstadion?

Als Siebenjähriger war mein großer Traum, einmal im Maracana zu spielen. 25 Jahre später habe ich da wirklich gespielt (im Pokal mit dem Klub Hermann Aichinger SC bei Botafogo, d. Red.). Da hatte ich Gänsehaut. Toll war auch das alte Stadion des FC Arsenal, alles war total klein und eng, überall war der Geist von Highbury. Und speziell waren diese Indoor-Stadien in Skandinavien. Fußball-Plätze in Originalgröße in der Halle. Wenn da 900 Leute waren, klang es durch das Dach nach 20.000.

Sie haben aber sicher auch die andere Seite gesehen…

In Thailand oder Sri Lanka haben wir in Stadien gespielt, wo die Kakerlaken in den Umkleideräumen Samba getanzt haben. Toiletten gab es manchmal nicht, nur eine Latrine, da hat es gerochen, als wäre seit 1955 nicht saubergemacht worden. Und in Armenien, als ich den FC Bentonit Ijevan trainiert hab, haben wir mal im Februar bei lausiger Kälte auswärts gespielt. Im Stadion waren die Rohre der Sanitäranlagen geplatzt. Alles war auf den Platz gelaufen, aber wir haben das zunächst nicht bemerkt, weil es wieder gefroren war und Schnee drauf lag. Danach habe ich zu meiner Mannschaft gesagt: „Jungs, ihr habt nicht nur Scheiße gespielt, sondern auch auf Scheiße.“

Sie haben in 25 Vereinen, in zwölf Ländern gespielt. War ihre Profi-Karriere als Weltreisender Planung oder Zufall?

Provoziert habe ich einen Vereinswechsel nur einmal. Ich wollte unbedingt nach Brasilien, da ich dadurch der Erste war, der bei allen sechs Kontinentalverbänden in einer Liga gespielt hat. Ansonsten waren es zahlreiche Gründe, die für die Wechsel ausschlaggebend waren: Mal war ein Klub bankrott, mal wurde der Trainer gefeuert und der Neue hatte keine Verwendung für mich, mal musste gespart werden und ein paar Spieler von der Gehaltsliste runter.

Lutz Pfannenstiel (schwarzes Trikot) vor einem Spiel von Vllaznia Shkoder in Albanien (Foto: privat)Lutz Pfannenstiel (schwarzes Trikot) vor einem Spiel von Vllaznia Shkoder in Albanien (Foto: privat) Es sind Klubs dabei, die selbst eingefleischte Fußball-Fans nicht auf Anhieb kennen. Erzählen Sie doch bitte, wie Sie zum Beispiel in Albanien bei Vllaznia Shkoder untergekommen sind.

(lacht) Ich gebe zu, das ist nicht das Traumziel eines jeden Profi-Fußballers. Aber damals ging Uli Schulze (der 1974 mit dem 1. FC Magdeburg als Torwart den Europapokal gewann, d. Red.) als Trainer nach Albanien. Ich kannte ihn von seiner vorherigen Station TSG Neustrelitz und er sagte zu mir: „Lutz, da kannst Du doch mitkommen.“

Sie gingen mit…

Und es war keine schlechte Erfahrung. Im Nachhinein sage ich: Lieber noch mal fünf Jahre in Albanien als zwei Tage in einem Luxushotel in Singapur.

Singapur – Ihre schlimmste Erfahrung als Profi?

Zuerst nicht. Ich war der Star, habe richtig gutes Geld verdient, war Model und hatte eine eigene TV-Show über Fußball. Ich bin in kurzer Zeit von 0 auf 100 durchgestartet. Aber danach ging es von 1000 auf 0 in wenigen Tagen.

Sie landeten im Jahr 2000, als Sie bei Geylang United spielten, unschuldig im Gefängnis. Warum?

Mir wurde vorgeworfen, Spiele manipuliert zu haben. Kurioserweise ging es um Partien, in denen wir zu Null gespielt hatten und ich nachweislich richtig gut war. Anfangs dachte ich, das wäre ein schlechter Scherz. Ich habe mit den Ermittlern geflachst und die verarscht und dachte: „Was wollen die eigentlich?“ Doch dann wurde es schnell ernst. Ich hab gemerkt, dass man mir was in die Schuhe schieben will.

101 Tage haben Sie im Gefängnis gesessen, waren mit Mördern und Vergewaltigern in einer Zelle. Wie haben Sie das durchgehalten?

Ich war ganz nah dran am Wahnsinn, hatte Selbstmord-Gedanken. Kraft gegeben hat mir die Bibel, die ich in der Zeit zweimal durchgelesen habe. Dazu habe ich viel an meine Eltern gedacht und mich mit Liegestützen körperlich halbwegs fit gehalten. Dass man unschuldig sitzt, machte die ganze Situation noch schwerer. Im Gefängnis war ich quasi tot, aber ich habe vom Leben eine Verlängerung bekommen. Und ein Jahr später gleich noch eine.

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Als Sie während eines Spiels für Ihren Klub Bradford Park Avenue auf dem Fußball-Platz für tot erklärt wurden.

Da hatte ich unglaubliches Glück. Ich habe den Ball vor einem Stürmer erwischt. Er wollte über mich rüberspringen, trat sich dabei in die Hacken und landete mit seinem Knie direkt auf meinem Solarplexus. Ich hatte eine Fraktur des Brustbeins, Herzstillstand, mein Puls war weg. 

Wie wurden Sie gerettet?

Durch unseren Physiotherapeuten. Ich war dreimal klinisch tot, aber er hat mich dreimal zurückgeholt.

Haben Sie diese Extremerlebnisse verändert?

Mit Sicherheit. Vorher habe ich das Leben als Profi genossen, nach diesen beiden Erfahrungen wusste ich, dass Fußball eine tolle Sache ist, aber eben nicht die Wichtigste im Leben. Sie haben mich zu einem besseren Menschen gemacht.

War das mit ein Auslöser für die Gründung Ihres Umweltprojektes „Global United“?

Das war ein wichtiger Aspekt. Dazu kam, dass ich auf mehreren meiner Stationen in Regionen gespielt hab, wo globale Erwärmung nicht nur ein Begriff, sondern tatsächlich schon sichtbar ist, zum Beispiel auf den Malediven.

Was sind Ihre Ziele?

Mein Traum ist es, „Global United“ zu einer Marke zu machen. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, ich weiß. Aber der Fußball hat dazu die Kraft. Fußball ist global, ist überall populär, darüber können wir die Leute erreichen.

Wie soll das konkret gehen?

Erst einmal wollen wir bekannter werden. Anfang Januar nehmen wir mit einer Mannschaft  an den Hallenturnieren in Riesa und Zwickau teil. Aber das Hauptziel ist, Spiele an besonderen Orten organisieren, die besonders von der Erderwärmung betroffen sind. Etwa die Antarktis und das Amazonas-Gebiet. Es geht zum einen darum, die Leute zu sensibilisieren, zum anderen auch um Sponsoren, um konkret helfen zu können.

Inzwischen gibt es über 170 bekannte Fußballer als Unterstützer, darunter Lothar Matthäus, Giovane Elber, Fredi Bobic, Sergej Barbarez . Wie sind Sie an die rangekommen?

Mittlerweile werde ich von Spielern kontaktiert. Aber zu Anfang war es ein echter Kraftakt. Versuchen Sie mal, Bebeto oder Lothar Matthäus direkt an die Strippe zu kriegen. Ich hatte eine utopische Telefonrechnung und viele schlaflose Nächte.

 

Das Buch zur ungewöhnlichen Karriere:

Lutz Pfannenstiel, mit Christian Putsch: Unhaltbar. Meine Abenteuer als Welttorhüter. Rowohlt Tschenbuch Verlag, Reinbek 2009. 255 Seiten, € 8,95.

Die Karrierestationen von Lutz Pfannenstiel:

Verein

Saison

 

Spiele

Ramblers FC

2009

 

---

Manglerud Star

2009

 

11

Floy IL                   

2008

 

14

Hermann Aichinger-SC 

2008

 

12

Vancouver Whitecaps

2007

 

4

Bærum SK

2007

 

9

Bentonit FC

2007

 

12

FK Vllaznia Shkodër

2006-2007

 

14

Otago United

2005-2006

 

24

Otago United

2004-2005

ausgeliehen

12

Calgary Mustangs

2004

 

28

Bærum SK

2003

ausgeliehen

13

Dunedin Technical  

2003

 

18

Bradford Park Avenue

2002-2003

 

14

ASV Cham

2002-2003

ausgeliehen

12

Dunedin Technical

2002

 

18

Huddersfield Town

2001-2002

 

0

Bradford Park Avenue

2001-2002

ausgeliehen

1

Dunedin Technical

2001

 

18

Geylang United FC

2000

 

24

Geylang United FC

1999

 

22

SV Wacker Burghausen

1998-1999

 

3

PK Isalmi

1998

ausgeliehen

8

FC Haka Valkeakoski

 

 

0

TPV Tampere

1997

 

8

Sembawang Rangers

1997

 

22

Nottingham Forest

1996-1997

 

0

Orlando Pirates FC

1996-1997

ausgeliehen

7

Nottingham Forest

1995-1996

 

0

Wimbledon

1994-1995

 

0

Penang FA

1994

 

12

1. FC Kötzting

1992-1993

 

34

1. FC Kötzting

1991-1992

 

34

Quelle: www.lutz-pfannenstiel.de

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