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Kolumne: Fußball in fünf Kasten

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Weltklasse - Die Kolumne  

Fußball in fünf Kasten

11.03.2010, 11:38 Uhr | t-online, t-online.de

Kolumne: Fußball in fünf Kasten. Lionel Messi und der FC Barcelona gehören zu den Branchenführern in Europa - und das wird auch so bleiben. (Foto: imago)

Lionel Messi und der FC Barcelona gehören zu den Branchenführern in Europa - und das wird auch so bleiben. (Foto: imago)

Von Jonny Giovanni

Preisfrage: Welches der 16 aktuellen Achtelfinals in Champions League und Europa League war schon einmal die Endspielbegegnung in einem europäischen Klubwettbewerb? Wenn Sie es gewusst haben, Respekt: Es handelt sich um die Partie zwischen dem Hamburger SV und dem RSC Anderlecht, das Finale des Europapokals der Pokalsieger von 1977. Der HSV gewann 2:0, Tore: Georg Volkert und Felix Magath.

HSV in der "Money League" Elfter 

Den Europapokal der Pokalsieger gibt es bekanntlich nicht mehr, was Fußball-Nostalgiker etwas schade finden. Praktisch ausgeschlossen erscheint außerdem, dass es noch einmal ein europäisches  Finale mit Hamburg und Anderlecht geben wird. Und das ist auf lange Sicht vielleicht noch ein bisschen ärgerlicher, weil es für wachsende Eintönigkeit steht. Am HSV würde es im konkreten Fall weniger scheitern. Die Norddeutschen haben sich in der jüngsten "Money League“ der Unternehmensberatung Deloitte auf Platz elf unter den umsatzstärksten Fußballklubs der Welt verbessert; sie befinden sich damit, wie noch zu sehen sein wird, im idealen Bereich für den Gewinn der Europa League.

Anderlecht nur noch eine ganz kleine Nummer

Dass der RSC Anderlecht noch einmal ein Finale erreicht, ist unter den momentanen Bedingungen jedoch ungefähr so wahrscheinlich wie der Olympiasieg eines kenianischen Skifahrers. Historisch gesehen mag es sich um einen der großen Klubs Europas handeln, zwei Triumphe im Pokalsiegercup, 1976 und 1978, einen im UEFA Cup, 1983. Aber in der "Money League“ kommen die Belgier nicht mal vor. Zu unbedeutend ist ihre Wirtschaftskraft.

Europapokal nur noch im kleinen Kreis

Die "Money League“ kennt auch kein Ajax Amsterdam, kein Benfica Lissabon und kein Celtic Glasgow. Erst auf ihrem 30. und letzten Platz findet sich mit Fenerbahce Istanbul ein Klub, der nicht aus England, Deutschland, Spanien, Italien oder Frankreich kommt. Es ist so traurig wie banal: Spielt ein Klub nicht in einem Binnenmarkt von mindestens 40 Millionen Einwohnern (=Pay-TV-Abonnenten, Werbekunden, Fanartikelkäufer), hat er international keine Chance mehr. Egal, wie gut er junge Spieler ausbildet, wie zielsicher er einkauft oder wie clever er managt. Bei Champions League und Europa League handelt es sich nicht mehr um Pokale ganz Europas, sondern eher um Ausscheidungsspiele zwischen den fünf großen Ligen, gelegentlich bereichert um den institutionalisierten Underdog FC Porto und vielleicht noch einen Oligarchenklub aus Russland oder der Ukraine.

Real und Co. ganz oben

Auch innerhalb der qua nationaler Herkunft privilegierten Vereine gibt es Abstufungen. Im Wesentlichen lassen sich Europas Klubs in fünf Kasten einteilen – die Aufstiegschancen sind dabei nicht nennenswert größer als im Hinduismus:

1.) Ganz oben stehen Real Madrid, der FC Barcelona und die vier englischen Topklubs Manchester United, Chelsea, Arsenal und Liverpool. (Money League: 1-3 und 5-7). Diese Herrscherkaste stellt den Sieger der Champions League.

2.) Es folgen Bayern München und die italienischen Spitzenklubs aus Mailand und Turin (Money League: 4 und 8-10; München gehört als Vierter eigentlich in die oberste Kaste, leidet aber im Vergleich zu England und Spanien am Standort Bundesliga). In guten Jahren möglich: Halbfinale, maximal Finale der Champions League.

3.) Die weiteren deutschen, spanischen und italienischen sowie die französischen Spitzenklubs (Money League: 11-29) plus Porto und Oligarchenteams. Sie spielen bis höchstens zum Viertelfinale in der Champions League und/oder um den Sieg der Europa League. 

4.) Jetzt kommen Anderlecht, Ajax und die anderen Besten der Kleinen: Das Viertelfinale in der Europa League hat für sie zunehmend als einschneidender Erfolg zu gelten.

5.) Die niederste Kaste, die Unberührbaren: Jedes gewonnene Spiel in Europa rechtfertigt epische Abhandlungen in der Klubchronik.

Es droht die große Langeweile

Die Hierarchie wird von Jahr zu Jahr starrer, sie verfestigt sich schon durch die erfolgsabhängige Verteilung von TV-Geldern und Prämien quasi von alleine. Und wer es jetzt noch nicht langweilig findet, die immergleichen Teams um den Sieg der Champions League spielen zu sehen, dem geht das wohl spätestens in ein paar Jahren so. Seine Ursache hat das Gefälle im Lauf der Geschichte, in der Kommerzialisierung des Fußballs und der freien Arbeitsplatzwahl für die Spieler, also dem Ende der Ausländerbeschränkung. Mit "6+5“ oder anderen Anachronismen wird sich die Zeit nicht zurückdrehen lassen. Das Einzige, was den Ajax’, Benficas und Celtics wieder eine Chance geben würde, wäre ihren Markt und damit ihre Einnahmen zu vergrößern.

Stagnation in Glasgow

Doch hier tut sich wenig. Die schottischen Spitzenklubs wollen zwar seit Jahren in die englische Premier League – aber die zieht ihre Burgtore hoch. Das Projekt einer gemeinsamen Liga von Holland und Belgien scheiterte schon im Anfangsstadium an nationalem Kleingeist auf beiden Seiten. In den vielen Kleinstaaten Ostmitteleuropas (Rapid Wien! Steaua Bukarest! Roter Stern Belgrad!) ist man derweil noch nicht mal beim Projekt.

Europaliga als Chance?

Bliebe die ganz große Lösung – eine Europaliga. Womöglich in mehreren Divisionen, mit Auf- und Abstieg. Sie wäre der Tod der nationalen Ligen, sagen die Traditionalisten. Möglich. Aber sie wäre jedenfalls die Wiedergeburt eines echten Europapokals. Ansonsten wird es eben so weiter gehen. Als es Anderlecht 2008 im Europacup zuletzt über den Winter schaffte, setzte es ein 0:5 gegen Bayern München – zuhause. Nun haben sie zwar Athletic Bilbao mit 4:0 geschlagen, aber die spielen nur mit Basken und kommen damit aus einer Zeit, die mindestens so weit zurück liegt wie die großen Triumphe des RSC.

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