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Fußball-Kolumne: Mit Johan Cruyff fing alles an

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Landwirtschaftliche Nutzmaschine als Revolutionär

06.04.2010, 12:01 Uhr | t-online.de, t-online.de

Fußball-Kolumne: Mit Johan Cruyff fing alles an. Der erste Triumph im Europacup der Landesmeister: Barca-Trainer Johan Cruyff ist 1992 mittendrin. (Foto: imago)

Der erste Triumph im Europacup der Landesmeister: Barca-Trainer Johan Cruyff ist 1992 mittendrin. (Foto: imago)

Von Jonny Giovanni

Bis zum Verdikt von ganz oben vergingen fünf lange Tage. In Barcelona und an vielen anderen Orten der Welt, wo die Menschen das 2:2 vorigen Mittwoch bei Arsenal gesehen hatten, stellte sich während dieser Tage eine naheliegende Frage: Ist jemals irgendwo besser Fußball gespielt worden als in der ersten Halbzeit dieses Champions-League-Viertelfinals vom FC Barcelona? Kompetente Meinungen gab es reichlich, etwa die von Barça-Trainer Josep Guardiola, der „von der besten Halbzeit unter meiner Leitung“ sprach – was nicht wenig ist, wenn man bedenkt, welch wundervollen Fußball seine Mannschaft auf ihrem Weg zu sechs Titeln vorige Saison geboten hat. Aber wie gesagt, für die endgültige Einordnung mussten die Anhänger warten, bis zum Ostermontag.

Barcelonas Lichtgestalt spricht

Montags veröffentlicht die Zeitung „El Periódico“ immer die Kolumne von Johan Cruyff. Verfasst ist sie im Stile von Regierungserklärungen – der niederländische Ex-Spieler und Ex-Trainer analysiert, was bei seinem Klub momentan passiert, und erläutert, worauf es in der näheren Zukunft ankommt. Im komplexen Orbit der katalanischen Institution FC Barcelona mit seinen über 160.000 Mitgliedern gibt es, mit Ausnahme vielleicht von Trainer und Präsident, keine wichtigere Einzelmeinung als seine – auch über drei Jahrzehnte nach seiner Zeit als Spieler und mehr als anderthalb Jahrzehnte nach seiner Zeit als Trainer.

Neue Weltordnung im Fußball

Aber was spielt Zeit schon für eine Rolle bei Cruyff, dem Erfinder des „Total Football“, der seinen Sport als Spieler wie Trainer revolutionierte und für den FC Barcelona vor allem in letzterer Rolle den Grundstein heutiger Größe legte. Bevor Cruyff kam, hatte der Klub nie einen Europapokal der Landesmeister gewonnen. Vor Cruyff spielte er keinen besonders schönen Fußball. Vor Cruyff produzierte die Jugendabteilung keine besonders aufregenden Spieler. „Er ist Inspiration und Begründer eines Modells der Spielauffassung, das uns in den letzten Jahren zu großen Erfolgen geführt hat“, drückte es Barcelonas Generaldirektor Joan Oliver jüngst etwas bürokratisch aus – als er begründete, warum der Klub die Ehrenpräsidentschaft an Cruyff verleihen wird.

Sich noch einmal mit Cruyff schmücken

Der Zeitpunkt der Auszeichnung ist in vielerlei Hinsicht diskussionswürdig: Die Ehrung im Camp Nou erfolgt inmitten der heißesten Saisonphase, zwei Tage nach dem Rückspiel gegen Arsenal und zwei Tage vor dem – angesichts der Punktgleichheit beider Teams wohl schon titelentscheidenden – Ligaklassiker bei Real Madrid. Außerdem fällt sie in die Wochen des Wahlkampfs um die Nachfolge von Präsident Joan Laporta, einem engen Cruyff-Verbündeten. Vor allem aus letzterem Grund hat die Ernennung einige Kritik hervorgerufen, denn der streitbare Laporta hat viele Gegner. Aber so unangenehm es viele Fans auch finden, dass sich der Präsident kurz vor seinem Ausscheiden noch einmal mit Cruyff schmückt: Grundsätzliche Zweifel daran, ob der 62-Jährige diese Würde verdient, erscheinen dann doch eher kleingeistig.

Landwirtschaftliche Nutzmaschine als Heilsbringer

Als Spieler kam Cruyff im Sommer 1973 nach Barcelona, nachdem er Ajax Amsterdam zu drei Europapokalen der Landesmeister geführt hatte. Schon bei der Ankunft am Flughafen wurde er wie ein Messias gefeiert – sein neuer Klub hatte seit 13 Jahren keine Meisterschaft mehr gewonnen, allgemein litten die Katalanen unter der Gängelung durch das nationalistische Franco-Regime in Madrid. Auch der Cruyff-Transfer wäre beinahe an der Politik gescheitert: wegen der hohen Ablöse von fünf Millionen Gulden untersagte die Regierung das Geschäft. Barça ließ Cruyff offiziell als landwirtschaftliche Nutzmaschine registrieren, um ihn ins Land zu bekommen. Im ersten Spiel traf er doppelt, es folgte ein historisches 5:0 bei Real Madrid und, tatsächlich, der ersehnte Titel. Populär wurde er auch dadurch, dass er seinen Sohn Jordi nannte, nach dem katalanischen Nationalheiligen – obwohl der Name vom Regime offiziell verboten war.

Mit neuer Identität in die Zukunft

Für den heutigen FC Barcelona noch bedeutsamer waren jedoch seine acht Trainerjahre zwischen 1988 und 1996. Aus Einkäufen wie Michael Laudrup, Ronald Koeman und Hristo Stoitschkow, aber auch mit sicherem Blick für gute Nachwuchsspieler formte Cruyff das „Dream Team“, das viermal in Folge die spanische Meisterschaft und 1992 den ersten Europacup der Landesmeister der Vereinsgeschichte gewann, vor allem aber einen Fußball spielte, wie ihn Spanien noch nicht gesehen hatte. Cruyff verordnete ihn allen Jugendteams des Klubs: die Angriffe über die Flügel, die permanente Ballzirkulation, das räumliche Denken – was Barça heute auszeichnet, was Eigengewächse wie Xavi, Iniesta oder Messi so natürlich beherrschen, die unverwechselbare Identität ihres Fußballs, die ganz Europa neidet – all das ist letztlich auf Johan Cruyff zurückzuführen.

Guardiola als gelehriger Schüler

Einer seiner direkten Schüler war der heutige Trainer. Josep Guardiola, als Spieler weder schnell noch besonders torgefährlich, sagt rückblickend, er hätte es ohne Cruyff nicht einmal in die erste Mannschaft geschafft. Doch Cruyff imponierten seine Technik und seine Spielintelligenz, er machte ihn bereits in jungen Jahren zum Regisseur des „Dream Team“. Anderthalb Jahrzehnte später empfahl er ihn Präsident Laporta als Coach. Guardiola, bekennender „Cruyffista“, hat das gemeinsame Werk nun auf nie zuvor gesehene Höhen geführt.

Es geht immer besser

Womit man wieder beim vorigen Mittwoch wäre, der ersten Halbzeit bei Arsenal. Die beste Halbzeit aller Zeiten? Johan Cruyff hat am Montag geschrieben, solche Vergleiche würden nicht weiterhelfen, interessanter sei doch, wie sich die Gegentore hätten vermeiden lassen. Für ihn geht es immer noch besser. Daran wird sich auch als Ehrenpräsident nichts ändern.

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