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Hooligans: Postleitzahlen-Strafe in Wehen

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Kein Zutritt unter dieser Nummer

20.01.2011, 13:09 Uhr | Spiegel Online, Spiegel Online

Hooligans: Postleitzahlen-Strafe in Wehen. Weil Rostocker Fans in Dresden randalierten, griff der DFB zu besonderen Maßnahmen. (Foto: imago)

Weil Rostocker Fans in Dresden randalierten, griff der DFB zu besonderen Maßnahmen. (Foto: imago)

Jürgen Tempel ist sauer. Der 53-Jährige wollte am vergangenen Wochenende das Drittliga-Spitzenspiel zwischen Wehen Wiesbaden und dem FC Hansa Rostock besuchen. Gemeinsam mit seinem zehnjährigen Sohn, der in der Jugend des hessischen Clubs spielt. Doch der Vater durfte nicht ins Stadion - weil Herr Tempel im "falschen" Postleitzahlengebiet geboren ist. Oder anders gesagt: Weil Rostocker Fans in Dresden randaliert haben, darf ein Familienvater, der in Sachsen geboren ist und in Hessen wohnt, in Wiesbaden nicht ins Stadion.

So zumindest hatten es der DFB und der SV Wehen Wiesbaden beschlossen. Anlass waren Ausschreitungen von Rostocker Hooligans beim Auswärtsspiel im Oktober in Dresden (2:2). Der DFB hatte Hansa Rostock als "Wiederholungstäter" anschließend die Auflage erteilt, die beiden folgenden Auswärtsspiele beim SV Sandhausen und beim SV Wehen Wiesbaden ohne seine Fans zu bestreiten. Um diese Maßnahme umzusetzen, dachte sich der SV Wehen ein besonderes System aus. Demnach sollten Fans, die außerhalb der Postleitzahlenbereiche 60 bis 65, 55, 56 und 34 bis 36 wohnen oder dort geboren sind, keinen Zutritt in die Arena erhalten. Also hätten auch Fans beispielsweise aus Bremen, Stuttgart oder München nicht kommen dürfen.

Auch Hinweis auf den Wohnort überzeugt nicht

Und genau hier fängt das Problem von Jürgen Tempel an. "Mein deutscher Personalausweis legt offen, dass ich vor 53 Jahren in Bischofswerda in Sachsen geboren wurde", so Tempel. "Das Sicherheitspersonal am Stadioneingang belehrte mich, dass meine Herkunft, respektive meine Geburt in Sachsen, auf Weisung des DFB einen Zugang zum Stadion und damit zum heutigen Spiel unserer Wehener Mannschaft nicht zuließe." Auch sein Hinweis, er würde ja in dem "richtigen" Postleitzahlengebiet wohnen, konnte die Ordnungskräfte, die mit elektronischen Geräte die Postleitzahlen der im Personalausweis angegebenen Orte ermittelten, nicht überzeugen.

Schaden in fünfstelliger Höhe - für Wiesbaden

Tempel musste draußen bleiben. Er war nicht der Einzige. "Wir haben rund 20 Beschwerden erhalten", sagt ein Sprecher der Wiesbadener auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE und verweist auf die Auflagen des DFB. Man habe keine andere Wahl gehabt, als das Urteil zu akzeptieren und die Maßnahmen umzusetzen. Dass es dabei zu Unannehmlichkeiten gekommen ist, täte ihm leid.

"Wie kämpfen um jeden Fan"

Er selber habe sich ein halbes Jahr auf das Spitzenspiel gegen den Zweitliga-Absteiger gefreut, doch statt eines Fußballfestes erlebte er eine chaotische Woche und ein Wochenende, das einen ganz faden Beigeschmack hinterließ. "Wir müssen hier in dieser Region mit Konkurrenten wie Frankfurt, Offenbach oder Mainz um jeden Fan kämpfen", sagte der Wehener-Sprecher zerknirscht. Zudem sei dem Verein ein Schaden wegen entgangener Zuschauereinnahmen in mittlerer fünfstelliger Höhe entstanden.

DFB wehrt sich

Dabei sollte ja eigentlich der FC Hansa Rostock bestraft werden. Doch jetzt hat plötzlich Wiesbaden den Schwarzen Peter. Der DFB bestätigt auf Nachfrage zwar, das Postleitzahlen-Konzept abgenickt zu haben, verweist ansonsten aber auf den Gastgeber. Es liege am Verein, das Hausrecht umzusetzen. Beim DFB will man die Vorwürfe der Fans, in Wiesbaden habe es eine Mischung aus Rasterfahndung und Sippenhaft gegeben, nicht gelten lassen. Schließlich sei die Maßnahme im Vorfeld kommuniziert worden und habe sich - von den 20 Betroffenen einmal abgesehen - als sinnvoll erwiesen.

Keine Alternativen zu Geisterspielen

"Die Umsetzung des Urteils hier in Wiesbaden hat sehr gut funktioniert", sagte Norbert Weise, stellvertretender Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses. Er selbst habe sich vor Ort ein Bild gemacht: "Der Verein und die Ordnungskräfte haben im Vorfeld und am Spieltag selbst alles dafür getan, dass die disziplinarischen Maßnahmen gegen Hansa Rostock greifen und haben so die Forderungen des DFB erfüllt." Zudem gebe es kaum Alternativen zu den Geisterspielen. Heimpartien unter Ausschluss der Öffentlichkeit würden viel mehr Unbeteiligte für das Fehlverhalten einer kleinen Gruppe bestrafen, heißt es beim DFB.

Anwalt rät zur Klage: "Völlig überzogene Maßnahmen"

Rechtsanwalt Rüdiger Zuck hält die Maßnahme für unverhältnismäßig. Er rät allen Betroffenen, gegen diese Behandlung zu klagen. "Solche Maßnahmen mögen bei einem Massengentest greifen, wenn ein Mörder gesucht wird, sind jedoch in diesem konkreten Fall vollkommen überzogen, weil sie sehr undifferenziert sind", sagt Zuck. Der Jurist setzt sich seit Jahren für Fanrechte ein und betreut derzeit einen Fan des FC Bayern München, der vor dem Verfassungsgericht gegen seiner Meinung nach willkürliche Stadionverbote klagt.

Eine zivilrechtliche Klage würde allerdings wieder den SV Wehen treffen. Den Verein, der im Gegensatz zu Hansa Rostock am Wochenende wirklich bestraft wurde. "Ein Richter würde dann allerdings auch prüfen müssen, ob die vom DFB vorgegebenen Maßnahmen ein rechtswidriger Akt sind", so Zuck.

Hansa-Ordner von eigenen Fans attackiert

Bis dahin gibt es - abgesehen vom sportlichen 2:1-Sieg der Rostocker - eigentlich nur Verlierer. Herrn Tempel, der seinem Hobby nicht nachgehen durften. Den SV Wehen, dem ein finanzieller Schaden entstanden ist und der Fans vergrault hat, obwohl er doch eigentlich nur eine Anordnung des DFB umsetzen wollte. Und sogar die Rostocker Ordner, die vor Ort zur Unterstützung angereist waren: Sie wurden nach der Rückkehr in Rostock von den Hansa-Anhängern attackiert. Sie sollen - zumindest nach Ansicht der Rostocker Ultras - ihren Kontrolljob in Wiesbaden zu penibel ausgeführt haben.

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