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Ansgar Brinkmann: "Ich war kein Kind von Traurigkeit"

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"Ich war kein Kind von Traurigkeit"

18.04.2011, 17:24 Uhr | t-online.de

Ansgar Brinkmann: "Ich war kein Kind von Traurigkeit". Ansgar Brinkmann (re.) war während seiner aktiven Zeit kein Kostverächter. (Foto: imago)

Ansgar Brinkmann (re.) war während seiner aktiven Zeit kein Kostverächter. (Foto: imago)

Das Interview führte Johann Schicklinski

Ansgar Brinkmann begeisterte während seiner aktiven Karriere die Fans, sowohl auf als auch abseits des Spielfeldes. Der "Weiße Brasilianer" glänzte durch eine überragende Technik, der ganz große Durchbruch blieb ihm allerdings auch wegen seiner Eskapaden verwehrt. Im Interview mit t-online.de erzählt Ansgar Brinkmann, was ihn mit Günter Netzer verbindet, bezieht Stellung zu seinem Ruf als Lebemann und verrät seine Zukunftspläne.

t-online.de: Herr Brinkmann, Ihre Biografie ist gerade erschienen. Warum sollten Fußball-Fans das Buch unbedingt lesen?

Ansgar Brinkmann: Sag Ansgar und nicht Herr Brinkmann. Wir Sportler duzen uns doch.

Ok, Ansgar. Warum ist dein Buch eine Pflichtlektüre?

Ich habe Fußball mit Leidenschaft gespielt, einiges erlebt und wirklich alle Facetten des Geschäfts kennengelernt. Die Aufarbeitung bei der Recherche für das Buch hat mich sogar etwas demütig gemacht. Es gab Phasen, in denen ich Gedacht habe: "Wahnsinn, was du alles erlebt hast!“ Das will ich weitergeben.

Wie bist du dem Fußball nach deiner aktiven Zeit verbunden geblieben?

Ich habe als Scout gearbeitet und meine B- und A-Lizenz als Trainer erworben. Nächstes Jahr will ich dann meinen Fußballlehrer machen. Ich bin also nach wie vor nahe dran am Fußball.

Sehen wir  irgendwann den Trainer Ansgar Brinkmann im Profi-Fußball?

Wäre natürlich eine schöne Sache. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Wenn Du dann eines Tages Trainer bist: Hättest Du gerne den Spieler Ansgar Brinkmann in deiner Mannschaft?

Positiv Verrückte hätten bei mir immer eine Chance, ich war ja auch kein Kind von Traurigkeit. Ich drücke es mal so aus: Wenn du jemanden in deiner Mannschaft hast, der sein Auto mal falsch parkt, aber auf dem Platz Gas gibt und für gute Stimmung sorgt, der darf bei mir auch mal schwierig sein. Es muss aber immer der Sache dienen. Deshalb hätten Egoisten, die denken sie seien die Größten, nur weil sie einen Ball drei Mal hochhalten könne, bei mir keine Chance. Ebenso Typen mit einer großen Fresse, die aber keine Leistung zeigen.

Wie könnte man sich den Trainer Ansgar Brinkmann vorstellen? Ein "Harter Hund“ oder doch eher kumpelhaft?

Das sind doch Schubladen. Ich denke, man muss nicht nur fachlich überzeugend sein, sondern auch menschlich, daneben braucht man eine klare Strategie und Philosophie. So wie es mein guter Freund Jürgen Klopp in Dortmund gemacht hat. Der hat da eine fertige Mannschaft übernommen, hat sie in drei Jahren nach seinem Plan verändert und steht jetzt ganz oben. Und Kloppo ist dabei immer authentisch geblieben.

Ein Vorbild für dich?

Ganz klar. Man muss sich nur mal ansehen, was er in Dortmund geleistet hat. So eine Mannschaft aufzubauen und gleichzeitig den Schuldenstand zu verringern, da ziehe ich meinen Hut. Sie haben sich stetig verbessert, laufen mehr als jedes andere Team und spielen heute einen Fußball fast wie der FC Barcelona. Das ist überragend. Und auch seine Entwicklung ist großartig. Ich habe noch in Mainz mit ihm zusammengespielt und ein paar Jahre später sehe ich ihn im Fernsehen mit Pele und Beckenbauer. Und womit? Mit Recht!

Dein Spitzname lautet "Weißer Brasilianer“, du warst fast 20 Jahre im Profi-Fußball aktiv. Bist du zufrieden mit deiner Karriere oder wäre doch noch mehr drin gewesen?

Ich durfte 20 Jahre Fußball spielen. 20 Jahre, in denen ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Das ist ein überragendes Privileg. 400 Profi-Spiele und nochmal hundert Spiele in der 3. Liga – das kann mir keiner mehr nehmen. Was ich gesehen und erlebt habe, das schaffen andere in fünf Leben nicht. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

Von dem ehemaligen Bundestrainer Berti Vogts ist der legendäre Spruch überliefert "Brinkmann müsste 50 Länderspiele haben“. Stattdessen stehen in deiner Vita lediglich 59 Bundesliga-Spiele. Wie traurig bist du, dass es mit der Nationalelf nicht geklappt hat?

Nationalspieler, das war schon immer ein Traum, aber traurig ist das falsche Wort dafür, dass es nicht geklappt hat. Es sollte halt eben nicht sein.

Würdest du alles noch einmal genau so machen?

Nein, das wäre ja dumm. Ich glaube, dass ich mir auch ein paar Chancen kaputt gemacht habe. Vereine, die interessiert waren, werden vielleicht gedacht haben: „Der Brinkmann ist ein Risikofaktor, der macht nur Probleme.“ Mein Ruf hat mich vielleicht das ein oder andere Mal ausgebremst.

Du genießt dafür absoluten Kult-Status. Macht dich das stolz?

Ja! Es ist wahrscheinlich eine Mischung aus vielem. Ich war nie aalglatt, sondern immer ein bisschen rebellisch und im positiven Sinne verrückt. Dazu habe ich ehrliche Arbeit abgeliefert  und immer alles für meine Mannschaft und meinen jeweiligen Verein gegeben. Ich glaube, mit dieser Mischung konnten sich die Leute immer ganz gut identifizieren. Da wird einem auch mal die ein oder andere Eskapade verziehen. Natürlich muss man immer Leistung bringen, um sich das erlauben zu können, das steht über allem.

Leistung trotz Eskapaden ist ein gutes Stichwort: Du sollt einmal bei einer Besprechung vor einem Liga-Spiel zu Mittag gegessen haben. Stimmt die Anekdote?

Ja, das war zu meiner Zeit in Bielefeld (lacht). Pommes Rot-Weiß! Wir saßen in der Kabine und unser Trainer Benno Möhlmann hatte das gar nicht so richtig mitbekommen. Meine Mannschaftskollegen hatten zu dem Zeitpunkt schon Tränen in den Augen vor lachen. Als Möhlmann dann gemerkt hat, dass ich am futtern bin, noch dazu Pommes, war der so perplex, das er gar nicht wusste, was er sagen sollte. Ich habe ihm dann nur entgegnet: "Trainer, das ist mein Benzin für das Spiel später“, da stand ihm der Mund offen. Ich habe dann ein gutes Spiel abgeliefert und Möhlmann hat danach gesagt: "Wenn er so spielt, soll er jede Woche Pommes essen. Ist mir doch egal.“

Wo hattest du denn deine schönste Zeit als aktiver Kicker?

Das ist schwer zu sagen. Bielefeld, Osnabrück, Dresden, Mainz – ich hatte eigentlich überall Spaß. Rückblickend kann ich sagen: Alles hatte seine Zeit und seinen Sinn. Besonders gerne denke ich aber an Eintracht Frankfurt zurück, weil ich da Bundesliga gespielt habe, mit Ausnahmekönnern wie meinem guten Freund Bernd Schneider.

Und das, obwohl du zuvor sogar in der Kreisklasse gelandet bist. Wie hast du von diesem Tiefpunkt aus die  Rückkehr in den Profifußball geschafft?

Da war die Bundesliga schon ganz schön weit weg (lacht). Das war schon bitter, mich trifft man da schon mit. Aber es ist ja auch bekannt, warum es so war. Die Verantwortlichen in Cloppenburg wollten mir einen mitgeben und haben mich in die zweite Mannschaft gesteckt. Dazu haben sie den Coach aufgetragen, dass ich nicht von Anfang an spielen darf. Aber auch das war lehrreich, im Fußball erlebt man nicht nur schöne Zeiten. Man muss eben wieder aufstehen, wenn man am Boden liegt.

Was war das größte Spiel in deiner Karriere?

Das war, das darf ich ohne Stolz sagen, das Spiel mit Preußen Münster gegen den VfL Osnabrück. Die Lokalzeitung hatte für starke Leistungen immer einen Pfeil nach oben vergeben. Bei mir wurde eine Ausnahme gemacht: Ich bekam zwei Pfeile (lacht). Jürgen Klopp hat das damals gesehen und anschließend gesagt: Da haben 21 Leute in einer Liga gespielt, und einer auf dem Platz hat noch in einer anderen Liga gespielt.

Du hattest ja immer auch den Ruf als Lebemann, der keiner Feier gegenüber abgeneigt ist. Entspricht das der Wahrheit oder ist das ein Image, das du von den Medien verpasst bekommen hast?

Ich war nie ein saufender Fußballer. Du kannst auf alle meinen Stationen nachfragen, bei Ex-Trainern oder ehemaligen Kollegen. Ich habe immer zu denjenigen gehört, die am wenigsten getrunken haben. Vielleicht zwei bis drei Mal im Jahr, wenn es was zu feiern gab. Das hat dann halt jeder mitbekommen bei mir (lacht). Aber selbst dann nicht übermäßig viel, denn ich habe auch nix vertragen, war nach vier Bier total betrunken. Das ist heute noch so. Wenn du mir zwei Prosecco gibst, bin ich gut dabei.

Gibt es in der heutigen Spielergeneration Persönlichkeiten, die dich an den Ansgar Brinkmann von früher erinnern?

Jede Generation hat ihre Zeit und ihre Typen. Das mediale Interesse ist mittlerweile so groß, das man das gar nicht so recht vergleichen kann.

Weißt du eigentlich, was du mit Günter Netzer gemeinsam hast?

Ich ahne was jetzt kommt (lacht).

Ihr seid die einzigen Profis in Deutschland, die sich selbst eingewechselt haben. Erzähl mal, wie es dazu kam!

Das war zu meiner Zeit bei Tennis Borussia Berlin. Trainer war Winni Schäfer. Das Spiel lief, ich saß auf der Bank. Neben mir so illustre Kicker wie Copado, Ouakili oder Kirjakow. Der Linienrichter lief die ganze Zeit knapp an unserer Bank vorbei. Da habe ich zu den Jungs gesagt: "Passt auf, ich wechsele mich jetzt selbst ein.“ Ich habe nur ungläubiges Erstaunen geerntet, die haben gesagt: "Jaja, mach du mal.“ Als der Linienrichter wieder vorbeikam habe ich gesagt "Schiri, wir wechseln bei nächster Gelegenheit“ und habe meine Sachen ausgezogen. Dann war das Spiel unterbrochen und ich bin aufgestanden, natürlich ohne mich warm zu machen, der Linienrichter hielt bereits die Fahne hoch. Winnie Schäfer stand zehn Meter weg und hat mich konsterniert angeschaut, aber nicht aufgehalten. Er hat nur die Anweisung gegeben, dass Sasa Ciric vom Platz soll. Ich war selbst total perplex, als ich dann auf einmal auf dem Platz stand.

Wie war dann deine Leistung?

Geht so, ich konnte mich kaum auf das Spiel konzentrieren, denn die Jungs auf der Bank haben nur noch Faxen gemacht und Tränen über mich gelacht.

Was hat Winnie Schäfer nach dem Spiel gesagt?

Ach, eigentlich nichts. Der war wohl überfordert mit der Situation.

In einem Atemzug mit Netzer genannt zu werden ist nicht das schlechteste Schicksal, oder?

Das ist schon noch ne andere Liga, so demütig bin ich. Ich kenne meine Wertigkeit und kann mich da schon ganz gut selbst einordnen. Als das Magazin "11 Freunde“ einmal die 65 Helden der Bundesliga-Historie hat wählen lassen, bin ich unter den Top Ten gelandet, neben Namen wie Netzer, Paul Breitner, Uli Stein oder Mehmet Scholl. Da drehe ich durch, neben denen bin ich ein ganz kleines Licht.

Noch ein Wort zu deinem Ex-Klub Arminia Bielefeld. Tut es dir weh zu sehen, was aus der Arminia geworden ist?

Das ist verdammt bitter, war aber absehbar. Ich habe schon am dritten Spieltag bei LIGA TOTAL! gesagt, dass das eine Schülermannschaft ist , verstärkt durch zwei bis drei Profis. Diese Mannschaft hatte diese Saison leider nicht den Hauch einer Chance. Da fehlt es an einem Konzept und an einer Philosophie, das ist alles Stückwerk. So leid es mir tut, aber in Bielefeld sind derzeit nur Amateure am Werk. Dafür gibt es nur ein Wort: Brutal!

Letzte Frage: Dein früherer Anrufbeantworterspruch "Ich bin bis fünf Uhr morgens in meiner Stammkneipe zu erreichen“ hat Kult-Status erreicht. Welchen Spruch hast du aktuell auf Ihrer Mailbox?

Gar keinen mehr (lacht). Eben, weil mich die Geschichte immer verfolgt. Das brauche ich nicht nochmal.

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