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Fischer: "Maik Franz zu zähmen, wäre fatal"

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"Maik Franz zu zähmen, wäre fatal"

19.04.2011, 09:29 Uhr | t-online.de

Fischer: "Maik Franz zu zähmen, wäre fatal". Mit viel Temperament unterwegs: Frankfurts Maik Franz (Foto: imago)

Mit viel Temperament unterwegs: Frankfurts Maik Franz (Foto: imago)

Das Interview führte Nils Tittizer

Holger Fischer ist ein gefragter Mann: Zu ihm kommen Sportler jeder Disziplin, um sich bei Verletzungen von Ihm behandeln zu lassen, oder seine Dienste als Mentaltrainer in Anspruch zu nehmen. Zu seinen bekanntesten Klienten zählen Patrick Owomoyela, Serdar Tasci, Maik Franz oder Tennis-Profi Andrea Petkovic. Doch die Anzahl der Sportler, die nicht öffentlich genannt werden möchte, ist sehr viel höher. Was er genau macht, ist schwer nachzuvollziehen. Doch der Erfolg gibt ihm Recht. Eine genaue Berufsbezeichnung für Holger Fischer ist schwer zu finden. Er selbst sieht sich nicht als Mentaltrainer, sondern eher als Persönlichkeitsentwickler.

Im Interview mit t-online.de spricht Holger Fischer über seine besonderen Fähigkeiten, den psychischen Druck im Abstiegskampf, die Kämpferin Andrea Petkovic und dass Maik Franz er selbst bleiben sollte.

Herr Fischer, der Abstiegskampf ist spannend wie selten zuvor. Bei acht Vereinen brennt es derzeit lichterloh. Höchste Zeit sich bei Ihnen Rat zu holen, oder?

Ach, das muss jeder Verein für sich selbst entscheiden. Der ein oder andere Verein lässt sich ja schon von außen unterstützen. Werder Bremen zum Beispiel.

Der Klub hatte zu Beginn des Jahres eine Negativserie von fünf Auswärtsspielen ohne eigenen Treffer. Dann wurde die Mannschaft aktiv und bat Mentaltrainer Jörg Löhr um seine Dienste. Anschließend hat Werder von den letzten sieben Partien keine mehr verloren. Ist das auf die Arbeit des Mentalcoaches zurückzuführen?

Ich denke, es ist immer hilfreich wenn jemand von außen hineinschaut und den Fokus verändert. Vorausgesetzt die ganze Mannschaft möchte es. Hängt ein Team im Tabellenkeller, spricht jeder nur von Abstiegskampf. Die Presse tut dann ihr übriges. Jörg Löhr macht nichts anderes, als den Fokus zu verändern, sich nicht mehr von den äußeren Einflüssen bestimmen zu lassen. Und das hat er sehr erfolgreich gemacht. Aber letztendlich hat er nur den Anstoß gegeben und die Mannschaft setzt es um. Doch wegen einem Mentaltrainer gewinnt oder verliert eine Mannschaft nicht.

Nun zu Ihnen: Arbeiten Sie immer mit einzelnen Akteuren oder mit der kompletten Mannschaft?

Ich arbeite nur mit dem einzelnen Spieler. Mit einer Mannschaft zu arbeiten ist äußerst schwierig, weil sie immer Athleten dabei haben, die keinen Bock haben.

Welchen Anteil hat eine starke Psyche am Erfolg von Einzel- und Mannschaftssportlern? Oder kann man das so pauschal nicht sagen?

Grundsätzlich ist es entscheidend. Denn Fußballspielen können alle. Letztendlich trennt sich die Spreu vom Weizen dadurch, wie ich mit einzelnen Mechanismen wie z.B. dem Druck oder der Öffentlichkeit umgehen kann.

Sollte sich jeder Bundesligist oder Top-Sportler einen Mentaltrainer nehmen?

Mentaltrainer ist ein geflügeltes Wort. Ich selber bin auch kein Mentaltrainer. Ich sehe mich eher als Persönlichkeitsentwickler. Die mentale Ebene ist ein Bestandteil davon. Mentaltraining kann kurzfristig immer etwas bewirken, aber langfristig eher nicht. Ich würde sagen, dass es nicht verkehrt wäre, sich einen Persönlichkeitsentwickler zu nehmen.

Haben die Top-Vereine bereits alle einen Psychologen, ohne dass die Öffentlichkeit davon in Kenntnis gesetzt wird?

Viele Bundesligisten haben bereits Sportpsychologen. Dabei funktioniert es am besten, wenn die Zusammenarbeit nicht bekannt wird. Zumal es immer noch als Zeichen von Schwäche gewertet wird einen Mentaltrainer zu engagieren.

Als bei Werder Bremen bekannt wurde, dass die Mannschaft sich einen Mentaltrainer besorgt hatte, wurde der sogenannte Maulwurf des Verrats bezichtigt. Warum haben die Profis immer noch Probleme damit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Oft werden die Sportler als Weicheier und Schwächlinge dargestellt. Die Dunkelziffer der Sportler die bei mir waren ist um ein Vielfaches höher, als die Namen, die öffentlich dazu stehen. In Deutschland ist es vor allem im Fußball verpönt. Obwohl sogar die Fußball-Nationalmannschaft mit Psychologe Hans-Dieter Hermann zusammenarbeitet.

Die Bundesliga wird immer schnelllebiger. Der Druck auf die Trainer wird immer größer. Haben Sie auch Trainer unter Ihren Klienten?

Ich habe mal eine Zeit lang mit einem Bundesligatrainer zusammen gearbeitet. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass gerade die Trainer Hilfe in Anspruch nehmen sollten. Denn sie stehen an vorderster Front und werden manchmal etwas betriebsblind. Ein Coaching zur Reflektion ihrer Arbeit – nicht unbedingt Mentaltraining – sollte eigentlich Usus sein. Denn die Arbeit der Trainer beschränkt sich ja nicht nur auf die Arbeit auf dem Platz, sondern auch auf den Umgang mit der Öffentlichkeit und die Ansprache an die Mannschaft. Aber auch hier ist die Scheu an die Öffentlichkeit zu gehen sehr groß – viele haben zu viel Angst davor, dass es heißt: "Der hat die Mannschaft nicht im Griff".

Hier geht's zur Homepage von Holger Fischer

Wie sieht eine Behandlung bei Ihnen aus?

Ich glaube, Behandlung ist das falsche Wort. Mir geht es primär um die Entwicklung des Sportlers im Umgang mit bestimmten Dingen. Erst in zweiter Linie geht es um den sportlichen Bereich. Denn die sportliche Leistung ist immer die Folge von dem, was mit einem selber los ist. Der Sportler muss lernen mit bestimmten Dingen fertig zu werden. Wenn er es schafft, dann entscheidet das Talent. Ich versuche, den Athleten immer auf ein nächsthöheres Level zu bringen. Aber nicht jeder ist bereit, gleich wieder den nächsten Schritt zu machen. Der eine hat den Wunsch sich weiter zu entwickeln, der andere nicht.

Obwohl das nächste Level mit mehr Erfolg verbunden wäre…

Aber das ist immer mit Arbeit verbunden. Und die scheuen auch manche Profisportler. Wenn sie finanziell ausgesorgt haben, haben sie vielleicht keinen Bock mehr, sich weiter zu entwickeln. Dann kann es auch sein, dass man sich monatelang gar nicht mehr trifft.

Gibt es signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Mit Frauen ist es oftmals leichter zu arbeiten.

Ach ja?

Weil sie ein höheres Vertrauen mitbringen und schließlich Dinge schneller umsetzen können.

Holger Fischer (Foto: privat) Holger Fischer (Foto: privat)Wann haben Sie Ihre besonderen Fähigkeiten entdeckt?

Vor ca. 7, 8 Jahren. Angefangen hat alles im familiären Umfeld. Irgendwann hatte ich dann den Mut es auch im Profisport einzusetzen. Mittlerweile halte ich Vorträge und biete Workshops auf Ärztekongressen an.

Und das wird auch angenommen?

Größtenteils ja. Aber es gibt immer irgendwelche Hardliner, die dagegen sind.

Athleten mit schweren Verletzungen kommen zu Ihnen. Wie schaffen Sie es, einen Bänderriss innerhalb von Tagen zu heilen? Medizinisch schwer zu erklären…

Ich habe eine andere Vorgehensweise. Ich berücksichtige alle drei Ebenen des Menschen. Dazu zählen Körper, Geist und das Unterbewusstsein. Allerdings kommt es mit dem Sportlern erst dann zu einer Zusammenarbeit, wenn dies von den Ärzten und Physiotherapeuten genehmigt wird. Früher kamen Sportler zu mir ohne das Wissen ihrer Ärzte, aber das mache ich nicht mit. Ich arbeite nicht gegen die Ärzte – sondern mit ihnen.

Was sagen Ärzte zu Ihren Methoden?

Es gibt renommierte Ärzte und Kliniken, die ihre Patienten zu mir schicken wenn sie nicht mehr weiterwissen. Da gibt es bereits Kooperationen.

Tennis-Profi Andrea Petkovic kam zu Ihnen, als sie in der Weltrangliste jenseits der Top-500 stand und an einem Kreuzbandriss laborierte. Seit diesem Montag wird sie in den Top 20 geführt. Wie viel Anteil haben Sie an ihrem Erfolg?

An ihrem Erfolg habe ich keinen Anteil. Jedoch an ihrer Entwicklung. In Prozent kann ich das nicht ausdrücken. Da müssten sie Andrea schon selber fragen. Ihr traue ich alles zu. Sie ist noch lange nicht am Ende der Fahnenstange.

Musste sie also zuerst das Verlieren lernen, bevor sie gewinnen konnte?

Ja definitiv. Der Umgang ist wichtig. Jede Krise, jedes verlorene Spiel ist auch immer ein Lerngeschenk. Und sie versteht sehr schnell.

Man kann bei ihr sehr schön beobachten, wie präsent sie auf dem Platz ist. Entweder sie schlägt sich auf die Brust oder schreit ihren Kampfeswillen heraus. Ist das ein Punkt Ihrer Behandlung -  den Krieger auf dem Platz zu zeigen?

Auch. Aber ich gebe nur die Impulse. Umsetzten müssen es die Athleten letztendlich selber. Was ich möchte ist, dass sie sich selbst auf dem Platz lebt. Viele Profis spielen einfach eine Rolle oder leben auf dem Platz das aus, was sie sich im Privatleben nicht trauen. Und ich definiere meine Aufgabe so, dass sich der Sportler selbst lebt – sowohl auf, als auch neben dem Platz.

Vermitteln sie gezielt Psychologische Kriegsführung nach dem Motto „winning ugly“?

(lacht.) Winning ugly ist ein sehr unglücklicher Begriff in Bezug auf Andrea Petkovic. Sie steht einfach zu ihren Emotionen auf dem Platz, im Gegensatz zu vielen anderen. Das macht sie vielleicht so außergewöhnlich.

Aber nachhelfen mussten Sie also folglich nicht?

Nein, definitiv nicht. Aber ich sage natürlich nicht, dass sie irgendwelche Gegner beschimpfen soll (lacht).

Wie können Sie mit Andrea Petkovic arbeiten, wenn Sie so gut wie nie zu Hause ist?

Zum einen schaffen wir es doch, uns regelmäßig zu sehen. Wenn sie in Deutschland ist, kommt sie für zwei Tage zu mir. Zum anderen telefonieren wir bei Bedarf.

Maik Franz ist einer Ihrer Klienten, der polarisiert. Trotzdem gelang es Ihnen, den sehr emotionalen Spieler zu zähmen. Wie war es Ihnen möglich?

Fragen Sie ihn selber (lacht).

Dann ein konkretes Beispiel: Maik Franz hatte sich in der Hinrunden-Partie gegen Hoffenheim 30 Minuten lang mit Peniel Mlapa gezofft. Nachdem der Kraichgauer kurz vor Schluss getroffen hatte, bäumte er sich vor Franz auf und schreit ihn an – doch Franz blieb ganz ruhig. Ist das auch schon ein Erfolg Ihrer Arbeit?

Auch das müssten Sie Maik Franz selbst fragen. Pauschal kann ich ihnen da sowieso nie eine Auskunft geben. Da ist jeder Spieler anders. Der Athlet muss spüren, dass das, was man ihm sagt auch Sinn macht. Aber Maik ist definitiv offen dafür.

Ab und zu fährt er allerdings noch aus seiner Haut - jüngst geschehen in der Partie gegen Bremen, als er Denni Avdic bei einem Zweikampf verletzt hatte.Steht demnächst wieder eine Sitzung mit Ihnen an?

Deswegen eher nicht. Auch Maik soll sich auf dem Platz leben. Dass er polarisiert, das weiß er. Und damit kann er mittlerweile auch umgehen. Aber es heißt ja nicht umsonst, dass die meisten Bundesligatrainer im Abstiegskampf sagen: „So einer Typ wie Maik Franz fehlt uns“. Der krempelt die Ärmel hoch und dann geht’s los. Aber eines kann ich Ihnen versichern: Er ist kein Spieler, der seinen Gegner absichtlich verletzt.

Also wollen Sie ihn gar nicht ganz zähmen?

Er ist ein hochemotionaler Typ. Das ist ja auch das, was ihn auszeichnet. Daher wäre es fatal, ihm zu sagen, er müsse ruhiger werden.

Würden Sie sagen, dass der Körper oder der Geist der limitierende Faktor sportlicher Leistungsfähigkeit ist?

Definitiv die Seele – also die emotionale Ebene. Das ist die mächtigste Ebene des Menschen. Wie gehe ich mit dem Druck um. Wie gehe ich mit Niederlagen, mit Fehlern, der Öffentlichkeit, mit Geld, und dem sozialen Umfeld um. Der erfolgreiche Athlet muss nicht nur im Sport gut sein. Ich kenne genug Fußballer, die nicht am fehlenden Talent gescheitert sind – sondern an dem Druck der Öffentlichkeit.

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