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Fan-Ausschreitungen sind "Zeichen der Ohnmacht"

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Fan-Ausschreitungen sind "Zeichen der Ohnmacht"

16.05.2011, 13:09 Uhr | t-online.de

Fan-Ausschreitungen sind "Zeichen der Ohnmacht". Verbreitetes Bild auch in dieser Saison: Fan-Ausschreitungen in den Stadien. (Foto: imago)

Verbreitetes Bild auch in dieser Saison: Fan-Ausschreitungen in den Stadien. (Foto: imago)

von Marc L. Merten

Ultras. Sie sind ein diffuses Problem in den Fußball-Stadien. Anonym, nicht greifbar und hoch organisiert. Gewaltbereit, aber nicht gewalttätig, zumindest nicht grundsätzlich. Das unterscheidet sie von Hooligans, mit denen sie gerne und vorschnell in einen Topf geworfen werden. Sogar von ihren Vereinen selbst. Denn die tun sich schwer, differenziert mit ihren Fans umzugehen. Dabei sind Ultras vor allen Dingen eines: Fans.

Von den Ausschreitungen bei Eintracht Frankfurt bis hin zur Bin-Laden-Entgleisung der Anhänger von Hansa Rostock: Die letzten Wochen haben einmal mehr eindrücklich gezeigt, wie verquer das Verhalten mancher Fußballfans sein kann, wenn Emotionen überkochen. Schnell kommen die Funktionäre da wieder aus ihren Verstecken hervor, fordern härtere Strafen, schärfere Kontrollen und verurteilen das Geschehen in öffentlichkeitswirksamen Worten. Womit sie sich allerdings scheinbar nur bedingt beschäftigen, sind die wahren Beweggründe der Eskalation.

Fan sein heißt fanatisch sein

Jonas Gabler*, Fan-Forscher und seit Jahren im Gespräch mit vielen Ultra-Gruppierungen in der Fußballszene, weist auf genau diesen Graben zwischen Vereinen und Fans hin. Die gerne gebrauchte Formulierung der Klubs, randalierende Anhänger seien keine "wahren Fans", ist dem Experten dabei ein Dorn im Auge. "Es stimmt nicht, dass diese Fans keine Fans sind und den Verein nur dazu benutzen, Krawall zu schlagen. Die Vereine instrumentalisieren den Begriff 'wahrer Fan'", wirft Gabler den Klubs Kurzsichtigkeit vor. "Wahre Fans sind mit Leidenschaft dabei, leben für ihren Verein, können an nichts anderes denken", erklärt Gabler und unterstreicht: "Dazu gehören friedliche Fans, aber auch Ultras und Hooligans. Ich würde niemandem das Fan-Tum absprechen, nur weil er gewalttätig wird. Das würde am Begriff 'Fan' vorbei gehen. Es geht ja eben darum, dass ein Fan fanatisch ist."

"Da entsteht großes Frustpotential"

Gabler will die Gewalt in der Fan-Szene nicht verharmlosen. Er setzt sich vielmehr mit den Gründen für Ausschreitungen auseinander, wie man sie in Frankfurt oder letztes Jahr in Berlin und Bochum gesehen hat. "Die Fans sehen eine große Diskrepanz zwischen der eigenen Identifikation mit dem Verein und der Identifikation der Spieler. Da entsteht ein enormes Frustpotential", sagt Gabler. "Man sollte zwar meinen, dass sie sich bewusst sind, dass sie ihrem Verein schaden. Aber es ist ein Ausdruck ihrer Ohnmacht." Der Forscher verweist auf den teils immensen Aufwand, den die Fans betreiben, um ihren Verein zu unterstützen. "Und dann sehen sie auf dem Platz ein Team, das ihnen das Gefühl vermittelt, den Verein überhaupt nicht ernst zu nehmen. Das löst Wut und Zorn aus. Sie denken dann, dass sie selbst ein Zeichen setzen müssen."

Die Gesetze der Fankurve bestimmen die Fans selbst

Um diese Reaktionen verstehen zu können, sei es wichtig, die Verhaltensweisen in Fankurven zu verstehen. "Sie sind geprägt von Regeln, die sich über Jahre etabliert haben, nicht durch von außen vorgegebene Gesetze", erklärt Gabler, warum Paragraphen alleine keine Lösung für das Gewalt-Problem in Stadien sein können. "Vor 20 Jahren hat sich dafür noch niemand interessiert. Da war das ein rechtsfreier Raum. Und von dieser Zeit ist die Fankurve noch heute geprägt. Wenn Regeln gelten, dann nur solche, die sich die Fans selbst gegeben haben."

Selbstregulierung wird zum Modewort im Fan-Konflikt

Und auch der Einsatz von Sicherheitskräften könne nur bedingt helfen, um die Gewalt einzudämmen. "Es steckt noch immer ein Mechanismus tief in der Fanszene, wonach man sich von Autoritäten von außen nichts sagen lässt", betont Gabler. "Bei einer Anonymität von acht- bis zehntausend Leuten ist es nahezu unmöglich, die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Sicher ist ein Stadion nur ohne Zuschauer." Die Vereine müssten vielmehr die Strukturen der Fan-Szene da unterstützen, wo Selbstregulierung funktionieren kann. "Man kann zwar nie vermeiden, dass unter den 10.000 Leuten einer ist, der einen Böller wirft. Aber grundsätzlich sind Selbstregulierungsmaßnahmen möglich", ist Gabler überzeugt.

Selbstregulierung ist auch das Lieblingswort der Vereinsvertreter, wenn sie an die "wahren Fans" appellieren. DFL-Chef Christian Seifert hat jüngst im "Deutschlandfunk" genau das gefordert. "Man muss da auch mal auf die Selbstreinigungskräfte im Fanlager setzen, dass auch mal deutlich dokumentiert wird: Wir wollen das nicht sehen", sagt Seifert. Er bemängelt schon länger, dass sie die Fan-Gruppierungen nur selten zu Wort melden und Ausschreitungen auch öffentlich verurteilen. Hier hofft auch Gabler auf eine Wende. "Ultras haben ungeschriebene Gesetze. Aber es gibt mittlerweile auch Gruppierungen, die klare Verhaltensregeln aufstellen, was sie akzeptieren und was nicht. Genau da sehe ich die Chance, das Verhalten der Masse zu beeinflussen."

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* Jonas Gabler hat an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studiert und seine Diplomarbeit zum Thema "Rechtsextremismus in Fankulturen in Deutschland und Italien" verfasst. 2010 erschien sein Buch "Die Ultras". Er nimmt seit Jahren an öffentlichen Diskussionsrunden über Ultras teil und trifft sich regelmäßig mit Ultra-Gruppierungen in Deutschland. 

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