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FIFA-Skandal: Anti-Korruptions-Expertin hält Blatter für Belastung

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Sylvia Schenk im Interview  

"UEFA hat keine Strategie und hat sich blamiert"

04.06.2015, 11:33 Uhr | t-online.de

FIFA-Skandal: Anti-Korruptions-Expertin hält Blatter für Belastung. UEFA-Boss Michel Platini (li.) und Sepp Blatter am Rande eines Fußballspiels. (Quelle: Reuters)

UEFA-Boss Michel Platini (li.) und Sepp Blatter am Rande eines Fußballspiels. (Quelle: Reuters)

Sylvia Schenk ist Anti-Korruptions-Expertin und Leiterin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International. Im Interview mit t-online.de spricht die 63 Jahre alte Juristin und ehemalige Leistungssportlerin über den Rücktritt von FIFA-Präsident Sepp Blatter, die Probleme der Europäischen Fußball-Union (UEFA) und fordert vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mehr Initiative.

t-online.de: Frau Schenk, wie bewerten Sie den Rücktritt von Sepp Blatter? Hätten Sie damit gerechnet?
Sylvia Schenk: Ich habe mich vor der Wiederwahl Blatters gefragt, was würde ich ihm raten in dieser Situation. Was sind seine Handlungsoptionen. Es war klar, dass er einen möglichst guten Abgang will und er spürte wohl auch, wie sehr sein Handlungsspielraum durch den massiven öffentlichen, aber zunehmend auch internen Druck eingeschränkt wird. Sich wählen lassen, damit es allen noch mal zu zeigen und dann bei erster Gelegenheit den Bettel hinschmeißen, erschien da als eine elegante Variante. Deshalb kam dieser Schritt nicht völlig überraschend.

Ist das PR-Problem der FIFA und die mangelnde Glaubwürdigkeit durch die Personalie Blatter gelöst?
Es kann ein Stück einfacher werden für die FIFA in der Außendarstellung. Blatter war eine Belastung, mit ihm konnte keine Glaubwürdigkeit mehr erreicht werden. Aber Unklarheit über den künftigen Präsidenten, möglicherweise ein Machtkampf kann auch destabilisierend wirken. Es muss jetzt Personen im internationalen Fußball geben, die Verantwortung übernehmen, führen - ich fürchte allerdings, dass es an den richtigen Persönlichkeiten fehlt.

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Bei aller Kritik an der Person Blatter - hat er als Präsident in Ihren Augen auch gute Arbeit geleistet?
Man kann nicht sagen, dass Blatter ein guter Präsident ist, sonst wäre die Lage nicht so, wie sie gerade ist. Aber Blatter hat wirtschaftlich unheimlich viel bewirkt. Dass die FIFA so viel Geld in die Entwicklung des Fußballs stecken kann, ist sein Verdienst. Und im diplomatischen Geschick ist Blatter auch sehr gut. Im Konflikt Israel gegen Palästina hat er sich intensiv gekümmert und bislang erfolgreich vermittelt. Er hat eine vorläufige Lösung gefunden, das muss man ihm zuschreiben.

Der jordanische Prinz Ali bin Al Hussein steht als Nachfolger bereit. Wäre er der Richtige um die FIFA aus der Krise zu führen?
Die Wahl eines Nachfolgers passiert ja frühestens im Dezember und bis dahin wird es andere Kandidaten geben.

War der Rundumschlag der Ermittlungsbehörden eine längst überfällige Maßnahme? Die Korruptionsvorwürfe gibt es ja nicht erst seit Bekanntwerden der Festnahmen.
Die Schweizer Ermittlungen hätten bereits früher anfangen können. Aber es ist gut, dass die Strafverfolgungsbehörden sich jetzt damit beschäftigen.

Rechnen Sie mit weiteren Enthüllungen?
Ich schließe das nicht aus. Es kommen täglich neue Dinge ans Licht und man muss abwarten, was da noch hochkommt, wie gehaltvoll es ist und welche Personen es betrifft.

UMFRAGE
FIFA-Präsident Sepp Blatter ist zurückgetreten. Glauben Sie, dass sich beim Weltverband dadurch etwas ändern wird?

Glauben Sie, Blatter wusste von den Machenschaften innerhalb der FIFA?
Er wusste, dass FBI-Ermittlungen laufen. Er wusste, dass noch etwas vor dem Kongress passieren sollte. Von den Ermittlungen in der Schweiz wusste er sowieso. Er ist clever und hat über 30 Jahre die FIFA geführt. Da musste er wissen, welche Dinge dort laufen. Nicht alle, aber die Wesentlichen.

Wo sehen Sie ganz konkret Reformbedarf des "Systems FIFA" betreffend?
Es ist nicht allein das System FIFA. Die ganze Konzentration auf die Person Blatter und die FIFA lenkt davon ab, dass man nicht das große Ganze nur über die FIFA lösen kann. Dort sind viele Schritte zu gehen. Aber neben jeder Seite, die bestochen wird, gibt es auf der anderen Seite auch diejenige, die besticht. Zum Beispiel Fernsehrechtehändler oder Marketingunternehmen. Ein Teil der Funktionäre kommt zudem aus Ländern, in denen Korruption zum Alltag gehört. Und wer sich in so einem Land an die Spitze eines Verbands setzt, ist kaum die integerste Person. Da ist ein ganz anderer Risikofaktor. Insofern muss man auch dort ansetzen, in den nationalen und kontinentalen Verbänden. Außerdem gibt es auch andere Sport-Verbände, die sich gerade freuen, dass man bei ihnen nicht so genau hinschaut.

Welche Sportverbände meinen Sie?
Beispielsweise den Handball-Weltverband IHF oder Vorgänge zuletzt um die Vergabe der Leichtathletik-WM oder der internationale Judoverband. Probleme gibt es in ganz vielen Verbänden, unabhängig von der Sportart.

Die UEFA hat Blatter scharf kritisiert, doch er erhält aus anderen kontinentalen Verbänden große Unterstützung. Wie kommt das?
Die UEFA ist sich selbst nicht einig und hat in ihren eigenen Reihen erhebliche Probleme. Die UEFA muss erst in Europa aufräumen, dann kann man auch anderen Kontinenten sagen, dass sie handeln müssen. Schauen Sie nach Italien oder Osteuropa, in Griechenland versinkt der Fußball in Ermittlungen. Der europäische Fußball hat genau die gleichen Probleme, aber die UEFA hat keine Strategie und hat sich zuletzt blamiert.

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Gibt es Korruption auch im deutschen Fußball?
Wir haben zwei Bereiche in denen Korruption auftreten kann: auf dem Spielfeld und in der Führung. Auf dem Spielfeld geht es um Spielmanipulation – denken Sie an Hoyzer – das hatten wir auch alles. Und wenn Sie in die unteren Ligen gehen, wo es um den Klassenerhalt der eigenen Mannschaft in der A-Klasse geht. Auch da gibt es Manipulationen. Wenn ein Verein nichts mehr zu verlieren hat, dann herrscht ein hohes Risiko gegen einen Kasten Bier dem Gegner zu helfen.

Und auf Verbandsebene?
Im Hinblick auf DFB und DFL kann man feststellen, dass sie sehr professionell arbeiten. Da gibt es überhaupt keine Anhaltspunkte, die sind gut aufgestellt. Ob die Vergabe der WM 2006 allerdings einwandfrei verlaufen ist – dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen.

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Wie sehen Sie die Rolle von Franz Beckenbauer?
Herr Beckenbauer hat die WM nach Deutschland geholt, ich kann und will ihm nichts unterstellen. Aber da muss man nachfragen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der deutschen Funktionäre im Hinblick auf die FIFA?
Es war immer ein Deutscher im Exekutivkomitee. Vier Jahre lang war es Franz Beckenbauer, dann Theo Zwanziger. In all den Jahren hat sich der DFB nicht oft und klar genug zu Wort gemeldet. Wolfgang Niersbach sollte in der UEFA jetzt entsprechend auftreten und mit gutem Beispiel voran gehen. Es gibt einige Maßnahmen, die man individuell umsetzen könnte: Anträge in das Komitee einbringen oder die eigene Aufwandsentschädigung offen legen. Die UEFA kann transparenter werden und das ist auch die Aufgabe von Niersbach.

Das Interview führte Ann-Kathrin Ernst

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