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WM-Qualifikation: Deutschland ist nicht Norwegens Vorbild

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Vor Quali-Spiel gegen Norwegen  

Fjörtoft: Deutschland ist nicht unser Vorbild

04.09.2016, 10:02 Uhr | t-online.de

WM-Qualifikation: Deutschland ist nicht Norwegens Vorbild.  (Quelle: imago/Sportfoto Rudel)

Jan-Aage Fjörtoft ist nah an der norwegischen Nationalmannschaft dran. (Quelle: Sportfoto Rudel/imago)

Wenn die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag im ersten Spiel der WM-Qualifikation auf Norwegen trifft, geht es gegen eine Wundertüte: Norwegen war nicht bei der EM dabei, die Mannschaft ist eine große Unbekannte. Einer, der wissen muss, wie es bei den Norwegern aussieht, ist Jan-Aage Fjörtoft.

Der ehemalige Bundesliga-Spieler und Sky-Experte ist inzwischen für die norwegische Nationalmannschaft tätig und spricht im Interview mit t-online.de über die aktuelle Verfassung des Teams, die Degradierung von Top-Talent Martin Ödegaard und was die Norweger mit dem Klassenerhalt von Eintracht Frankfurt zu tun haben.

t-online.de: Herr Fjörtoft, vor einigen Tagen kam die Meldung, Sie seien als Teammanager der norwegischen Nationalmannschaft zurückgetreten. Was ist da passiert?

Jan-Aage Fjörtoft: Das ist nicht dramatisch. Ich bin internationaler Ratgeber für den norwegischen Fußballverband. Das mache ich auch weiterhin. Aber Teammanager, also täglich mit der Nationalmannschaft, das mache ich nicht mehr. Wir haben da alle Aufgaben besetzt. Ich bin zudem ja auch noch beim Fernsehen. Die verschiedenen Rollen, wenn ich zum Beispiel meine Teamspieler interviewen muss, das war von der Integrität her nicht so gut.

In Deutschland weiß man aktuell nicht viel über die norwegische Nationalmannschaft, weil sie bei der EM nicht dabei war. Was können Sie uns über das Team berichten?

Vor zwei Jahren haben wir mit Per-Mathias Högmo einen neuen Teamchef bekommen, der unser Spiel verändern wollte, hin zu mehr Ballbesitz. In der vergangenen EM-Qualifikation hatten wir die jüngste Mannschaft Europas. Wir haben 19 Punkte geholt, 1:0 in Italien geführt und waren nur 17 Minuten davon entfernt, unsere Gruppe zu gewinnen. Leider haben wir dann in den Playoffs gegen Ungarn, als es um alles ging, zwei schlechte Spiele gemacht. 

Die WM-Qualifikation wird wieder deutlich schwieriger, für die Playoffs muss man den zweiten Gruppenplatz erreichen. Was rechnet sich Norwegen dieses Mal aus?

Es fängt natürlich sehr einfach an: gegen den Weltmeister, der so gut wie nie ein Spiel verliert. Wir haben alles zu gewinnen. Vor einigen Tagen herrschte hier ein großer Optimismus, dann kamen einige Verletzungen dazwischen. Aber man freut sich hier wahnsinnig auf die deutsche Nationalmannschaft und ihre Stars, die in unser Stadion in Oslo kommen. Das Spiel ist seit Monaten ausverkauft bei einer Kapazität von rund 29.000 – man hätte auch das Doppelte verkaufen können. In Norwegen herrscht Fußballfieber und man ist gespannt darauf zu sehen, wie sich unsere junge Mannschaft gegen den großen Weltmeister präsentieren wird.

Wie schätzt man in Norwegen denn die deutsche Mannschaft aktuell ein?

Joachim Löw und Oliver Bierhoff machen hervorragende Arbeit, und für den Rest der Welt ist es sehr beeindruckend, wie sie ständig neue junge Spieler entwickeln. Das hat man auch bei den Olympischen Spielen gesehen, und wir wissen, dass drei von diesen Spielern nun auch in der A-Nationalmannschaft dabei sind. Norwegen ist eine kleine Fußballnation, da können wir kaum sagen, dass Deutschland unser Vorbild ist. Denn sie sind einfach zu weit weg. 

Könnte Island mit seinen beherzten Auftritten bei der EM ein Vorbild für die Norweger sein?

Ja, wir können von Island sicher viel lernen. Das Paradoxe ist ja, dass viele der isländischen Nationalmannschaft in norwegischen Vereinen spielen. Wir können aber sicher auch von Belgien, Österreich oder der Schweiz lernen. Die haben alle viele Veränderungen durchgemacht. Für uns als kleine Nation ist es wichtig, dass wir Spieler im Ausland haben, die sich dort behaupten, Spielpraxis bekommen und die dann mit zu den Länderspielen bringen.

Beide Torhüter sind aktuell in der Bundesliga die Nummer eins in ihren Teams: Örjan Nyland beim FC Ingolstadt, Rune Jarstein bei Hertha BSC. Wer hat im Nationalteam die Nase vorn?

Es steht noch nicht fest, wer gegen Deutschland spielen wird. Auf der Torwartposition sind wir auf jeden Fall gut gerüstet und freuen uns natürlich, dass Örjan Nyland in Ingolstadt wieder die Nummer eins ist. Und es ist sehr beeindruckend, dass Rune Jarstein, der am Anfang etwas Probleme hatte, seinen Platz bei Hertha behauptet hat. 

Eine Überraschung ist, dass Norwegens Top-Talent Martin Ödegaard von Real Madrid nicht in den Kader für das Spiel gegen Deutschland berufen wurde. Warum ist er nicht dabei?

Wir haben zwei sehr wichtige U21-Spiele und es ist besser, dass er dort spielen kann. In der A-Nationalmannschaft wäre er nicht von Anfang an dabei, vielleicht 10 bis 15 Minuten am Ende des Spiels. In der U21 kann er sich entwickeln. Aber unser Teamchef hatte ihn für den A-Kader nominiert, als er erst 15 war, seitdem verfolgen wir seine Entwicklung sehr genau, wir reden sehr viel mit ihm und Real Madrid. Man darf nicht vergessen, dass er noch nicht mal 18 Jahre alt ist. 

War seine Entscheidung, zu Real Madrid zu gehen, im Nachhinein betrachtet ein Fehler? Er wirkt dort aktuell nicht gerade glücklich.

Das wirkt so auf die, die seine Situation nicht kennen. Er ist mit 16 zu dem Verein gekommen, das ist wie eine Schule. Er muss sich entwickeln, er muss die Ausbildung machen. Von den letzten vier Teams, die er damals zur Auswahl hatte, hatte nur eins eine zweite Mannschaft. Und er muss Fußball spielen. Er trainiert jeden Tag mit den besten Spielern der Welt. Real Madrid war zum damaligen Zeitpunkt genau die richtige Wahl.

Mats Möller Daehli vom SC Freiburg galt als eines der größten Talente Norwegens, war dann aber lange verletzt. Auch er ist erst mal nur bei der U21 dabei. Kann er den Sprung zurück in die A-Nationalmannschaft schaffen?

Absolut. Wir freuen uns wahnsinnig, dass Mats langsam wieder zurückkommt. Obwohl er sehr jung war, war er vor seiner Verletzung einer unserer Schlüsselspieler. Er kann den Ball halten und hat ein super Fußball-Gehirn. Wir hoffen, dass er sich entwickeln kann und dann denke ich, dass der Weg zurück in die Nationalmannschaft nicht so lang sein wird.

Im Gegensatz zu Ödegaard und Daehli ist ein alter Bekannter wieder im A-Kader: Mohammed Abdellaoue, ehemals Hannover und Stuttgart, ist nachnominiert worden.

Das kam für die meisten überraschend. Vom Potenzial her ist "Moa", wie er hier in Norwegen genannt wird, ein sehr guter Spieler für uns. Er sollte immer unsere Nummer 9 sein, hatte dann aber mit verschiedenen Verletzungen zu kämpfen. Am vergangenen Spieltag in Norwegen hat er zwei Tore gemacht und nach den vielen Absagen war seine Nominierung folgerichtig. Wir hoffen, dass er ein Joker für uns sein kann.

Sie haben den Trainer Per-Mathias Högmo vorhin bereits angesprochen. Sein Vorgänger Egil "Drillo" Olsen war als bunter Hund bekannt, über Högmo weiß man hierzulande nicht sehr viel. Was können Sie über ihn sagen?

Er ist 2000 Olympiasieger mit der norwegischen Frauennationalmannschaft geworden. Auch mit Rosenborg und Trömso hat er Erfolge gefeiert und zuletzt in Djurgarden in Schweden. Zudem hat er sehr vielen jungen Spielern zum Durchbruch verholfen. Er analysiert sehr gut und ist ein guter Pädagoge. Er ist sehr viel unterwegs, auch in Deutschland. Ich begegne ihm oft auf seinen Auslandsreisen. Vor einem Jahr haben wir zusammen mit Guardiola und Sammer in Katar viel über Fußball diskutiert. Högmo ist sehr neugierig und versucht, überall etwas zu lernen.

In diesem Jahr hat sich kein norwegischer Verein für die Champions League oder Europa League qualifiziert. Steckt der Vereinsfußball in ihrem Land in einer Krise?

Als Mitglied des norwegischen Fußballverbands kann ich das Wort "Krise" natürlich nicht in den Mund nehmen. Letzte Saison lief es sehr gut, da waren Molde und Rosenborg in der Europa League dabei, Molde ist sogar Gruppensieger geworden. Dieses Jahr sind sie an APOEL Nikosia gescheitert. Rosenborg, die aktuell mit Abstand beste Mannschaft in Norwegen, hat gegen Austria Wien verloren. Das war für den norwegischen Fußball natürlich eine riesige Enttäuschung. Wir müssen uns wirklich verbessern. Denn die Nationalmannschaft ist ein Produkt aus allen, was im norwegischen Fußball passiert. Deshalb ist das natürlich auch für die Nationalmannschaft nicht gut.

Noch ein Blick auf die Bundesliga, die Sie sicherlich auch weiterhin intensiv verfolgen: Glauben Sie nach dem furiosen Start des FC Bayern, dass die Münchner auch in dieser Saison einen Durchmarsch hinlegen werden?

Man wird wohl kaum jemanden finden, der nicht glaubt, dass Bayern Meister wird. Ich habe das Spiel gegen Werder Bremen gesehen, das war einfach klasse. Guardiola ist für mich der beste Trainer der Welt, aber er ist auch ein sehr intensiver Trainer. Sein Abgang könnte noch mehr Energie freisetzen. Aber ich hoffe wirklich, dass Dortmund den Abstand ein bisschen verkürzen kann. Sie haben gut gewirtschaftet mit dem Verkauf von Gündogan, Mchitarjan und Hummels. Sie haben das Geld sehr gut investiert. Thomas Tuchel ist einer der spannendsten Trainer in ganz Europa. Es wird sehr interessant, wie er Dortmund entwickelt.

Und wie beurteilen Sie die Situation bei ihrer alten Bundesliga-Mannschaft Eintracht Frankfurt?

Da habe ich mich sehr gefreut, dass sie das erste Spiel gewonnen haben. Ende der letzten Saison war ein Wunder nötig und das haben sie geschafft. Niko Kovac kenne ich als Gegenspieler, aber auch aus der letzten Qualifikationsrunde, als er Trainer von Kroatien war. Ich glaube er hat nicht so gute Erinnerungen an Norwegen, denn nach unserem 2:0-Sieg musste er dort gehen. Für Eintracht Frankfurt war das natürlich gut, nur deshalb konnten sie ihn verpflichten. Man kann also sagen, dass Norwegen der Eintracht geholfen hat, Kovac zu bekommen.

Das Interview führte Sonja Riegel.

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