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Fußball - Italien: Randalierer als Terroristen angeklagt

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Italien - Serie A  

Randalierer als Terroristen angeklagt

14.11.2007, 20:10 Uhr | dpa

Polizeieinsatz in Italien (Foto: Reuters)Polizeieinsatz in Italien (Foto: Reuters) Die guerillaartige Revolte italienischer Fans zwingt den Fußball im Land des Weltmeisters in die Knie und lässt Politik und Justiz nach drakonischen Konsequenzen rufen. Als erstes sagte der Fußballverband (FIGC) die Spiele der zweiten und dritten Profiliga am kommenden Wochenende ab, die Serie A hat wegen des EM-Qualifikationsspiels der Italiener am Samstag in Schottland ohnehin spielfrei. Einen Tag nach dem tödlichen Polizei-Schuss auf einen Lazio-Anhänger und den folgenden massiven Krawallen klagte die Staatsanwaltschaft am Montag Randalierer erstmals wegen "terroristischen Aktionen" an. Gegen den Todesschützen wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.



Fan-Kurven gesperrt

Staatspräsident Giorgio Napolitano nahm auf einem Staatsbesuch in Doha Stellung zu den Ereignissen in der Heimat. "Ich bin sehr besorgt", sagte er und beklagte, dass die "Fernsehbilder der Ausschreitungen in der ganzen Welt zu sehen waren". Das Innenministerium verbot Fans vorläufig Reisen zu Auswärtsspielen und sperrte die Fan-Kurven in Bergamo und Taranto. Außerdem wurden die Polizeichefs angehalten, Spiele auch schon bei Randale im Vorfeld der Partien abzusagen. Vom 1. März an dürfen Spiele in Stadien mit mehr als 7500 Zuschauern ohne ausreichend viele ausgebildete Ordner nur noch ohne Publikum stattfinden.



UEFA: "Keine Fußball-Tragödie"

Am kommenden Wochenende muss der Ball ruhen, hatte Sportministerin Giovanna Melandri eine Denkpause gefordert und damit heftigen Streit ausgelöst. Ein Stopp der Ligen sei "unangebracht und riskant", hatte FIGC-Präsident Giancarlo Abete noch am Morgen entgegnet. Nach einem Krisengipfel mit Melandri, Liga-Chef Antonio Matarrese und NOK-Chef Gianni Petrucci beugte er sich dem zunehmenden Druck der Politik. Melandri hatte "eine richtungsweisende Entscheidung" gefordert. Von der Europäischen Fußball-Union (UEFA) hatte Abete Rückendeckung bekommen. "Der Tod des jungen Mannes ist eine Tragödie, aber keine Fußball-Tragödie", sagte UEFA-Sprecher William Gaillard.

"Wir sind die Geiseln der Gewalt"

In Italien wird der Fußball immer mehr zur Geisel krimineller Randalierer, die diesmal ein tragisches Unglück als Rechtfertigung für ihren Krieg gegen die Polizei missbrauchten. Die Römer Staatsanwälte vermuten organisierte Angriffe mit politischem Hintergrund hinter den jüngsten Fan-Krawallen und erhoben daher Terrorismus-Anklage. "Wir sind Geiseln dieser Gewalt, aber wir dürfen uns so nicht zu Sklaven machen lassen. Das ist zum Kotzen", sagte Italiens Nationaltrainer Roberto Donadoni im Trainingslager der Azzurri. Mit Fußball habe das gar nichts zu tun, bestätigte auch Nationaltorhüter Gianluigi Buffon. "Jetzt ist die Grenze erreicht", meinte Auswahlstürmer Alberto Gilardino.

"Ich bin ruiniert, ich habe zwei Familien zerstört"

Wieso der Lazio-Anhänger auf dem Autobahnrastplatz ums Leben kam, ist weiter unklar. "Ich habe erst einen Warnschuss in die Luft abgegeben, der zweite Schuss hat sich beim Laufen gelöst", sagte der Polizist der Zeitung "Corriere della Sera". Dem widersprach ein Zeuge bei der Polizei in Rom: "Er hat mit ausgestreckten Armen und der Waffe in beiden Händen geschossen", sagte der Mann. Arezzos Polizeichef wollte nicht mehr ausschließen, dass der Beamte gezielt auf die Reifen des Autos geschossen habe und deshalb sogar wegen "Totschlags ohne Vorsatz" angeklagt werde. Er habe aus 200 Metern Entfernung auf "niemanden gezielt", betonte der Beamte, der prügelnde Fans von Lazio und Juventus Turin trennen wollte. "Ich bin ruiniert, ich habe zwei Familien zerstört, die des Jungen und meine eigene", sagte der 31-Jährige.

"Ihr habt ihn umgebracht"

Der Bruder des Getöteten, der am Mittwoch in Rom beigesetzt werden soll, warf dem Polizisten vorsätzlichen Mord vor und heizte damit die explosive Stimmung an. "Ihr habt ihn umgebracht", behauptete der Anwalt. Innenminister Giuliano Amato versprach eine "rückhaltlose Aufklärung". Oppositionspolitiker warfen ihm Versagen vor. Er könne die Sicherheit der Bürger nicht mehr garantieren. Sie forderten seinen Rücktritt sowie einen Ligastopp für einen Monat.

Mit zweierlei Maß gemessen?

Am Dienstag muss Amato das Parlament über die Fußballkrise informieren, die die "La Gazzetta dello Sport" als "nationalen Notstand" bezeichnete. In Italien würden Menschenleben mit zweierlei Maß gemessen, schimpfen die Fans. Als am 2. Februar der Polizist Filippo Raciti bei Fan-Ausschreitungen in Catania erschlagen wurde, sagte der Fußballverband (FIGC) sofort alle Spiele ab, zwei Wochen ruhte der Ball. Für den getöteten Lazio-Fan wollte Polizeichef Manganelli nach Angaben der "La Gazzetta dello Sport" gegen den ausdrücklichen Wunsch von FIGC und Nationalem Olympischen Komitee (CONI) zunächst gar kein Spiel absagen. Erst Lazios Weigerung zu spielen und die Fan-Randale führte zu den Absagen.

Zwei Ligaspiele abgesagt, eins abgebrochen

Die meisten Politiker forderten ein hartes Vorgehen gegen Randalierer und einen Spielstopp, einige zeigten aber auch Verständnis für die Wut der Fans: "Der Waffengebrauch darf nur im Extremfall erfolgen", äußerte Parlamentspräsident Fausto Bertinotti Unverständnis für den Polizeieinsatz am Sonntag, der die Fan-Randale in mehreren Städten ausgelöst hatte. Die Ligaspiele in Mailand und Rom wurden abgesagt, die Partie zwischen Bergamo und AC Mailand wegen Randale nach sieben Minuten abgebrochen.

"Straßenkampf von Mailand bis Taranto"

Bei schweren Krawallen in Rom gab es nach neuesten Polizeiangaben 75 Verletzte. Vier Personen wurden festgenommen. "Straßenkampf von Mailand bis Taranto", schrieb der "Corriere della Sera". Randalierer griffen Polizeidienststellen an, setzten mehrere Autos in Brand und zerstörten am CONI-Sitz Marmorskulpturen, die Countdown-Uhr für die Spiele in Peking 2008 sowie Büroeinrichtungen.

Polizei fordert Ligastopp

Auch die Polizeigewerkschaft forderte einen Ligastopp. "Rom und andere Städte dürfen nicht Schauplatz für Angriffe gegen staatliche Institutionen und Ordnungskräfte sein", sagte Roms Polizeipräfekt Carlo Mosca. Die Witwe des in Catania getöteten Polizisten Raciti dagegen befürchtet noch mehr Ausschreitungen und Opfer: "Weitere Tote würden mich nicht wundern."

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