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Schuldenlast: England neidisch auf die Bundesliga

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Schuldenlast: England neidisch auf die Bundesliga

13.04.2010, 16:11 Uhr | MLM, t-online.de

Schuldenlast: England neidisch auf die Bundesliga. Milliarden-Schulden: Trägt sich die Premier League selbst zu Grabe? (Foto: imago)

Milliarden-Schulden: Trägt sich die Premier League selbst zu Grabe? (Foto: imago) (Quelle: imago)

Die Premier League – Wiege des Fußballs, eine Liga voller Stars, aber auch eine Liga voller Schulden. Die Champions-League-Pleiten von ManU, Arsenal und Chelsea haben der englischen Fußball-Seele zu denken gegeben. Neidisch blickt das Inselvolk über den Kanal Richtung Deutschland, wo gesunde Vereine auch international wieder erfolgreich sind – und das sogar wieder in der Königsklasse. Das Geheimnis der Deutschen sind die soliden Finanzmodelle und das Lizenzierungsverfahren – doch was oder wer hat dem englischen Fußball sein vermeintliches Grab geschaufelt?

Wenn Vereine zu Spielzeugen werden

Der FC Liverpool steht zum Verkauf. Die amerikanischen Millionäre Tom Hicks und George Gillett haben die Lust an ihrem Spielzeug verloren. Jetzt, da sie umgerechnet ca. 270 Millionen Euro Schulden angehäuft haben, wollen sie nicht mehr. Die Investmentbank Barclays Capital sucht bereits Investoren, die entweder das Schuldenloch stopfen oder direkt alles aufkaufen wollen. Liverpool-Coach Rafael Benitez ist entzückt. Seine logische Forderung: „Wir brauchen drei oder vier Top-Spieler. Die Kosten für einen solchen Top-Spieler belaufen sich auf ca. 15-20 Millionen Pfund. Alles weitere können Sie sich selbst ausrechnen.“

Klingt komisch, ist aber so

Würde man das einem kleinen Kind in Deutschland erklären, müsste man nur noch hinzufügen: „Klingt komisch, ist aber so.“ Und schon würde die orangefarbene Maus mit dem blauen Elefanten über den Bildschirm flackern und das kleine Kind vor Freude jauchzen. Das Problem: In Liverpool jauchzt schon lange keiner mehr. Und weil großes Leid sogar Fans unterschiedlicher Gruppierungen miteinander verbindet, haben die Fans vom FC Liverpool und Manchester United etwas gemeinsam. Denn auch 50 Kilometer östlich von Liverpool schwelt der Hass auf einen amerikanischen Investor. Malcolm Glazer fand es eine gute Idee, im Jahr 2005 Manchester United für umgerechnet knapp 600 Millionen Euro zu übernehmen. Der Haken: Er selbst hatte gar nicht so viel Geld, nahm deshalb selbst einen Kredit auf und überschrieb die Schulden auf seinen Verein. Der bis dahin wirtschaftlich stärkste Fußball-Verein der Welt war von einem Tag auf den nächsten hochverschuldet, kann bis heute seine Kreditlinien nicht bedienen und hat mittlerweile über 800 Millionen Euro Schulden angehäuft. Glazer selbst verkündete jedoch unlängst, die Handlungsfreiheit des Klubs sei durch die Schuldenlast nicht eingeschränkt. Und wieder lacht das kleine Kind, während die englischen Fans in Tränen ausbrechen.

Aus Dominanz wird Bedeutungslosigkeit

Einzig an den Europapokalabenden hatten diese englischen Fans bisher weiterhin viel zu lachen. Die „Big Four“, also ManU, Liverpool, Arsenal und Chelsea, marschierten locker und lustig durch die Champions League und stellten in den letzten drei Jahren stets drei von vier Halbfinalisten. Nur der FC Bayern mit Uli Hoeneß an der Spitze warnte in steter Regelmäßigkeit, nach dem Hochmut komme stets der Fall. Und tatsächlich: Ein Blick auf die diesjährigen Begegnungen im Champions-League-Halbfinale verraten: Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland. Erstmals seit sieben Jahren ist keine englische Mannschaft dort zu finden. Uli Hoeneß hatte es vorausgesagt: „Die Finanzkrise wird zu einer Konstellation führen, in der der englische Fußball nicht mehr so eine tragende Rolle spielen wird wie zuvor.“

Fast 4 Milliarden Euro Netto-Schulden

Dass diese Konstellation aber auch vorhalten könnte, dafür hat die UEFA bereits höchstselbst gesorgt. Seit Jahren ist es nicht nur Uli Hoeneß ein Dorn im Auge, dass England (und auch Spanien) kein nationales Lizenzierungsverfahren hat, das nicht nur die Bilanzzahlen der Vereine prüft, sondern auch die Bonität und strategische Bereitschaft von Investoren. Laut einem aktuellen UEFA-Bericht beliefen sich Ende des Geschäftsjahres 2008 die Schulden der Premier-League-Vereine bei den eigenen Eigentümern auf ca. 1,5 Milliarden Euro, die Netto-Verschuldung bei Banken und Finanzämtern bei weiteren 2,3 Milliarden Euro. Mittlerweile drückt die Premier League eine Schuldenlast von über 4 Milliarden Euro.

Finanzielles Fairplay

Die UEFA hat nun angekündigt, diesem Geschäftsgebaren einen Riegel vorzuschieben. „Finanzielles Fairplay“ heißt das Konzept, das UEFA-Präsident Michel Platini recht einfach umschreibt: „Alle an den europäischen Wettbewerben teilnehmenden Vereine müssen ab der Spielzeit 2012/13 eine simple, aber anspruchsvolle Regel befolgen: Sie werden nicht mehr ausgeben dürfen, als sie einnehmen.“ Warum aber ist diese Regel für Deutschland so entscheidend?

TV-Gelder werden zum Bumerang

Die Premier League profitiert seit Jahren vor allem von enorm hohen Fernsehgeldern. Der aktuelle Vertrag mit BSkyB bringt der Liga bis 2012/2013 über zwei Milliarden Euro ein, also 677 Millionen Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum verteilt die Bundesliga jährlich 412 Millionen Euro. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Premier League jedoch in deutlich höherem Maße von diesen Einnahmen abhängig. Während sich in Deutschland die Umsätze der Bundesligisten gleichmäßig auf Sponsoren-, Spieltags- und TV-Einnahmen verteilen, beruhen die Umsätze in England zu 48 Prozent auf den TV-Geldern. In England ist die Unruhe daher groß: Was kommt nach Ablauf des Vertrages mit BSkyB? Und welche Auswirkungen haben die neuen Vorschriften der UEFA, die ab der gleichen Saison gelten werden?

In Deutschland ist der Fan König

Ein anderer Knackpunkt ist der Umgang mit den Fans. Jeder deutsche Fan, der sich über die hiesigen Ticketpreise ernsthaft beschwert, wird in England nur müde belächelt. Nur selten ist es in England möglich, am Tag eines Spieles sich noch zu entscheiden, ins Stadion zu gehen. Doch nicht nur, weil sich viele Fans die teuren Tickets nicht leisten können. Viele Tickets gehen gar nicht erst in den Verkauf, weil englische Vereine im Gegensatz zu deutschen den Dauerkartenverkauf im Vorfeld einer Saison nicht begrenzen und so die preiswerten Kategorien im Stadion meist schon vor Saisonbeginn komplett ausverkauft sind. Während die deutschen Vereine in allen Kategorien Karten für den freien Verkauf zurückhalten, sind Tickets in erschwinglichen Kategorien oft nur über den englischen Zweitkarten-Markt erhältlich – und das wiederum mit entsprechenden Aufschlägen.

Zuschauerzahlen Deutschlands größtes Plus

Der unbeschränkte Dauerkartenverkauf zu Beginn einer Saison führt jedoch nicht zu allseits ausverkauften Stadien. Im Gegenteil: Meist bleiben die teuren Sitze leer, weil diese Tickets im Tagesverkauf nicht mehr abgenommen werden. Die Folge: Während Deutschland europaweit mit durchschnittlich 42.565 Zuschauern die höchsten Besucherzahlen vermelden kann, fällt England mit lediglich 35.630 Zuschauern im Schnitt deutlich zurück – und liegt dennoch auf Platz zwei in Europa. Zum Vergleich: In Spanien kommen im Schnitt nur 28.276 Zuschauer zu einem Spiel, in Italien sind es gar nur 25.045, in Frankreich lediglich 21.049.

Mehr Zuschauer, mehr Sponsoren

Weil ausbleibende Fans aber nicht nur weniger Einnahmen aus Spieltagen bedeuten, sondern auch geringere Sponsoreneinnahmen – schließlich wollen Sponsoren nicht in halbleeren Stadien werben – fallen alle internationalen Konkurrenten in der finanziellen Gesamtausstattung hinter Deutschland zurück. Die Konsequenz: England wird darauf angewiesen sein, auch zukünftig einen ähnlich potenten Fernsehpartner zu finden, um die Erträge zu sichern. Zu sehr sind die englischen Vereine von dieser Finanzspritze abhängig, die den Geldfluss sichert und damit überhaupt erst ermöglicht, dass die Vereine jeden Monat die Gehälter zahlen können – was passiert, wenn sie das nicht mehr können, hat das Beispiel Portsmouth gezeigt. Da jauchzt sogar unser kleines Kind nicht mehr.

Mentalität muss sich ändern

Die Vereine der Premier League müssen ihr Geschäftsmodell umstellen. Die Abhängigkeit von den TV-Geldern zur Sicherung des Tagesgeschäfts ist gefährlich und könnte mit Ablauf des aktuellen Vertrages den Kollaps bedeuten. Doch solange in England die „If you can’t beat them, buy them“-Mentalität erhalten bleibt und Rafael Benitez trotz dreistelliger Millionenschulden weiterhin auf Einkaufstour gehen will, werden die Fans froh sein, dass es überhaupt noch die Milliardäre gibt, die den ganzen Transferwahnsinn mitmachen und so wenigstens noch ein paar Stars in die Liga holen, bevor sie völlig zusammenbricht. In Deutschland hingegen sollte auch Martin Kind überlegen, ob die 50+1-Regel nicht doch zu was zu gebrauchen ist. Denn dank ihr kommen die Vereine gar nicht erst in die Bredouille, von externen Geldgebern abhängig zu sein, die einen Traditionsverein lediglich als Spielzeug ansehen.

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